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Sicherheit im Internet

Kinderfotos im Netz – wirklich so schlimm?

Was kann mit Bildern meiner Kinder schlimmstenfalls passieren, wenn ich sie auf Facebook oder Instagram poste? Und welche gesetzlichen Regelungen gibt es? Unsere Autorin Silke Schröckert hat den Rechts- und Fachanwalt für Urheber- und Medienrecht Stephan Dirks gefragt – und sich das "Worst-Case-Szenario" angesehen.

Elsa sieht zu niedlich aus in ihrem kleinen Bikini. Sie steht mit den Füßen im Babybecken des Freibads. Das Eis, an dem sie lutscht, hat sie sich schon überall hingeschmiert: um den Mund, die ganze Nase, über den Oberkörper. Es tropft runter bis auf ihre speckigen Kleinkind-Oberschenkel. Elsas Mutter hat den Moment mit der Handykamera festgehalten und postet das Bild auf Facebook. "Klebrige Abkühlung" schreibt sie dazu und setzt einen lachenden Smiley daneben. Ihre Schwester, Elsas Tante, kommentiert das Ganze. Nicht auf Facebook, sondern im echten Leben: "Willst du das wirklich ins Internet stellen?", fragt sie ihre Schwester und blickt kritisch aufs Handydisplay. "Elsa ist doch halbnackt auf dem Bild." Elsas Mutter winkt ab: "Woran du wieder denkst. Sie ist doch fast noch ein Baby. Was soll da schon passieren?"

Kleine Facebook-Gruppe, große Aufregung

Was zum Beispiel passieren kann, zeigt "Gespenster am Fenster" in der harmlosen Variante. Die offene Facebook-Gruppe tut nichts weiter, als öffentlich gepostete Kinderfotos zu teilen. Die Idee: Nutzer darauf hinweisen, wie leicht sich Bildmaterial im Internet verbreitet. Die Aufregung der User, die das Bild ursprünglich ins Netz gestellt haben, ist meist groß. "Wer bist du und wieso teilst du mein Bild?", steht unter den Posts, oder  "LÖSCH DAS SOFORT!" mit einer entsprechenden Drohung. Größer als die Aufregung der Betroffenen ist nur die Häme der Beobachter: Von Beleidigungen bis hin zu detaillierten Photoshop-Ideen, wie man das jeweilige Foto für sexuelle Fantasien verändern könnte, ist alles dabei. "Na super. Da freuen sich die Pädos.", schreibt eine Userin unter das Bild eines Jungen im Swimmingpool. Andere machen sich sogar die Mühe, die jeweiligen Profile der Facebook-User nach weiteren, noch freizügigeren Kinderfotos zu durchsuchen und posten diese in die Kommentare.

Kein Verstoß gegen geltende Gesetze

Mit der Vorgehensweise verstößt "Gespenster am Fenster" weder gegen eine Facebook-Regel noch gegen ein Gesetz. "Vorausgesetzt, ein Foto wurde rechtmäßig, das heißt nicht ohne oder gegen den Willen des/der Abgebildeten oder der gesetzlichen Vertreter hochgeladen, darf das Foto jedenfalls im Rahmen aller Funktionen der jeweiligen Plattform genutzt und verbreitet werden, also meistens: Teilen, Liken, Einbetten, Kommentieren", erklärt der Rechtsanwalt und Fachanwalt für Urheber- und Medienrecht Stephan Dirks. "Nicht erlaubt ist das Kopieren und Re-Posten des Materials auf derselben Plattform oder an anderer Stelle, da dies eine eigenständige Veröffentlichungshandlung darstellt." Das heißt: Die Teilen-Funktion einer Plattform darf ich nutzen, das Bild herunterladen und selbst neu veröffentlichen jedoch nicht.

Keine Kontrolle über die Weiterverarbeitung

Allerdings lässt sich gerade das letzte Szenario so gut wie gar nicht überprüfen. "Klar ist, dass jemand, der die Fotos seiner Kinder in soziale Netzwerke einstellt, die Kontrolle über die Verbreitung und Nutzung letztlich vollständig abgibt, weil er wirksam kaum kontrollieren kann, ob rechtliche Beschränkungen eingehalten werden", erklärt Stephan Dirks weiter. Wozu das im schlimmsten Fall führen kann, zeigt eine ARD-Dokumentation eindrucksvoll: "Kinderfotos im Netz: gepostet, geklaut, missbraucht" verfolgt unter anderem den Weg von auf Instagram geposteten Fotos zu russischen Pornoseiten. Was für Eltern ein süßer Schnappschuss und eine schöne Erinnerung ist, wird hier zur Vorlage für pädophile Fantasien. Den Recherchen des ARD-Teams nach ist das kein seltener Einzelfall, sondern eine massenhaft betriebene Vorgehensweise.

Privatsphäre-Einstellungen allein reichen nicht aus

Natürlich kann jeder sein Profil auf "privat" stellen. Doch nicht immer schützt diese Maßnahme vor dem Missbrauch. Entweder, weil unter den zahlreichen Facebook "Freunden" doch einer ist, den man falsch eingeschätzt hat (oder einfach kaum kennt). Oder weil das eigene Profil Hackern zum Opfer fiel, wie im Falle dieser Mutter. Sie fand die Bilder ihrer Kinder auf Pornoseiten und auf einem erotischen Fake-Account wieder.

Social-Media-Richtlinien sollen schützen

Kinder sollten vor Dingen wie diesen geschützt werden. Das sehen die Plattformen selbst genauso. In den Community Guidelines von Instagram heißt es zum Beispiel: "Viele Menschen teilen gerne Fotos und Videos ihrer Kinder. Aus Sicherheitsgründen kann es vorkommen, dass wir Bilder entfernen, auf denen nackte oder halbnackte Kinder zu sehen sind. Auch wenn solche Inhalte in guter Absicht geteilt werden, könnten sie von anderen Personen auf unerwartete und unerwünschte Weise verwendet werden." In ihren "Tipps für Eltern" beantworten die Betreiber zudem Fragen für Eltern, deren Kinder bereits selbst auf Instagram aktiv sind und eventuell unbedacht Fotos ins Netz stellen.

Appell an die Eltern

Das dürfen Kinder übrigens lange vor ihrem 18. Geburtstag, erklärt Stephan Dirks: "Da es sich bei der Einwilligung nicht um eine so genannte "Willenserklärung" sondern um eine ‚geschäftsähnliche Handlung‘ handelt, kommt es für den Zeitpunkt, ab dem die Kindern selbst entscheiden können, nicht auf den Zeitpunkt ihrer vollen Geschäftsfähigkeit – also: den 18. Geburtstag – an, sondern darauf, ob sie verstehen, welche Bedeutung so eine Einwilligung hat. Das dürfte in der Regel mit etwa 14 Jahren der Fall sein. Ab diesem Zeitpunkt entscheiden die Kinder also selbst." Bis dahin haben die Eltern die "Macht" über eventuelle Fotoveröffentlichungen in den sozialen Netzwerken: "Das "Recht am eigenen Bild" ist eine gesetzlich geregelte, besondere Ausprägung des allgemeinen Persönlichkeitsrechts […] und selbstverständlich gilt es bereits ab der Geburt. Aber natürlich können Babys noch gar nicht und Kinder nicht wirksam einwilligen, und deshalb sind die Eltern im Rahmen ihrer Eigenschaft als gesetzliche Vertreter ihrer Kinder hierzu berechtigt ", erklärt Stephan Dirks. Erst ab dem Augenblick, in dem sie ihr Kind nicht mehr vertreten, weil es selbst die nötige sittliche Reife hat, müssen Eltern ihr Kind nach der Erlaubnis einer Veröffentlichung fragen.

Gruppenbilder, Schulaufführungen und Co.

Anders ist es bei öffentlichen Vorführungen. "Es ist zwar "grundsätzlich", aber nicht für jede Veröffentlichung eines Fotos, auf dem ein Mensch erkennbar ist, eine Einwilligung notwendig (Die Ausnahmen hierzu regelt § 23 Kunsturhebergesetz, KUG). Dies hat sich auch mit Einführung der Datenschutzgrundverordnung nicht geändert. Also: Wenn Jemand Fotos zum Beispiel der öffentlichen Aufführung des Schulchors postet, muss er dafür nicht um Erlaubnis fragen, denn dabei handelt es sich dann in der Regel um ein Bildnis der Zeitgeschichte", erläutert Stephan Dirks. Doch auch hier gilt natürlich: Bei jedem Motiv lohnt sich die Frage, ob alle abgebildeten Kinder über die Veröffentlichung glücklich sein werden. Denn selbst wenn man nicht immer vom schlimmsten Fall und der Verbreitung auf pornografischen Seiten ausgehen muss, eins ist sicher (und wurde zuletzt durch die Kampagne "Dein Kind auch nicht" treffend in Szene gesetzt): Fotos, die einem unangenehm sein können, möchte vermutlich niemand von sich selbst im Netz finden – weder heute noch irgendwann in ein paar Jahren. Auch nicht die vollgekleckerte Elsa in ihrem neuen Bikini.

Unser Experte

Stephan Dirks ist Rechtsanwalt und Fachanwalt für Urheber- und Medienrecht mit Kanzlei in Hamburg und Büro in Kiel. Mehr Informationen unter www.dirks.legal.

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Unsere Autorin

Silke Schröckert

Silke Schröckert wollte Journalistin werden, seit sie im Alter von acht Jahren das erste Mal Lois Lane in "Superman" gesehen hatte. Mit 23 wurde sie Chefredakteurin eines Kinderzeitschriftenverlages.

Heute ist Silke spezialisiert auf Familienthemen und textet für Kinder- und Comic-Magazine. Das freut vor allem Sohn Tom und Tochter Mina. Auf ihrer eigenen Seite schreibt sie für die Generation Großeltern. Bei wireltern.de nimmt sie sich aktuellen Themen aus Sicht einer Zweifach-Mama an.

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