Hautbarriere stärken

Soll man Babys eincremen oder nicht?

Die Haut ist weit mehr als nur eine Hülle. Sie ist auch ein Schutzschild, das sich bei Babys erst entwickeln muss. Was Eltern tun können – und was besser nicht – um diesen Prozess zu unterstützen.

So entwickelt sich Babys Haut im ersten Jahr

Fast zehn Monate schwimmen Babys im Fruchtwasser. Kaum sind sie auf der Welt, muss ihr Körper sich an die neue Umgebung anpassen. Das gilt auch für die Haut. Zunächst hilft die Käseschmiere, die Vernix caseosa, Babys vor äußeren Einflüssen zu schützen. Früher wurde sie häufig nach der Geburt direkt mit Wasser abgewaschen, mittlerweile lässt man sie in der Regel auf der Haut und tupft das Baby lediglich sanft trocken. Die Käseschmiere bewahrt den Säugling vor dem Austrocknen, vor Infektionen und in den ersten Stunden auch vor dem Auskühlen. Doch sie hält nicht ewig!

Das muss sie auch gar nicht, denn direkt nach der Geburt fängt die Hautbarriere an sich zu entwickeln. Sie ist eine der wichtigsten Eigenschaften der Haut. Man kann sie sich wie eine Mauer vorstellen: Die Hornzellen, in diesem Fall die Steine, werden von einem Fettgemisch, dem Zement, zusammengehalten. Überzogen ist sie mit einem dünnen Wasser-Fett-Film, dem sogenannten Säureschutzmantel. Zusammen bilden sie die Hautbarriere, die dafür sorgt, dass keine äußeren Einflüsse ins Innere gelangen und gleichzeitig kein Wasser nach außen austreten kann. Allerdings sind bei Babys noch nicht ausreichend Lipide, also Fette, vorhanden, so dass die Haut insgesamt durchlässiger ist und schneller austrocknet. Auch der Säureschutzmantel ist noch nicht sehr stabil, weshalb sie infektionsanfälliger ist. "Aufgrund derzeitiger Forschungsergebnisse gehen wir davon aus, dass die Reifung der Hautbarriere über das erste Lebensjahr hinaus andauert", erklärt Prof. Dr. med. Natalie Garcia Bartels, Fachärztin für Dermatologie und Venerologie in der Hautarztpraxis Dermatologie am Kaiserdamm in Berlin. "Babyhaut braucht daher eine altersgerechte Pflege, welche die Entwicklung und Reifung der Hautbarriere unterstützt."

Was braucht Babys Haut?

Wie aber pflegt man die Haut von Babys am besten? Sollte man nur Wasser an die zarte Schutzhülle lassen? Oder sie doch besser eincremen? Und wie häufig kann oder sollte man das Babys baden? Diese Fragen stellen sich frischgebackene Eltern immer wieder. "Es gibt noch keine einheitliche Leitlinie zur Hautpflege für gesunde Säuglinge und Kleinkinder", so Prof. Dr. Garcia Bartels. "Es gibt aber zunehmend Empfehlungen von Expertengremien, da in den vergangenen Jahren viele Studien gemacht wurden." Sie selbst hat in den mehr als zehn Jahren, die sie als Oberärztin an der Hautklinik der Charité in Berlin tätig war, sich der Erforschung von Baby-und Kinderhaut gewidmet. Mit interessanten Ergebnissen. In einer der ersten Studien, die die Pflegeprozeduren bei hautgesunden Neugeborenen untersucht hat, wurde entdeckt, dass die Hautbarriere von Babys reifen kann – ganz unabhängig davon, ob sie nur mit klarem Wasser, Badezusatz oder Pflegecreme behandelt wurde.  "Die Neugeborenen, bei denen eine Baybylotion zwei Mal wöchentlich nach dem Baden verwendet wurde, hatten sogar eine etwas bessere Hautfeuchtigkeit im Gegensatz zu denen, die nur in Wasser gebadet wurden", erklärt die Dermatologin. Sie betont aber auch: "Es ist kein Nachteil, nur klares Wasser zu verwenden, so lange die Badefrequenz bei zwei Mal pro Woche liegt. Die Hautbarriere baut sich so oder so auf. Eltern können also frei entscheiden, ob sie Badezusätze oder Cremes im Rahmen der Empfehlungen benutzen möchten."

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Empfehlungen zur Pflege der Babyhaut auf einen Blick:

  • Baden wird zwei bis drei Mal die Woche empfohlen.
  • Das Verwenden eines milden Badezusatzes ist möglich.
  • Die Wassertemperatur sollte 37 bis 38 Grad betragen.
  • Die Raumtemperatur sollte über 22 Grad liegen.
  • Das Baby sollte fünf bis maximal zehn Minuten gebadet werden.
  • Anschließend sollte das Baby möglichst schnell, aber sanft abgetrocknet werden, um ein Auskühlen zu verhindern. Die Haut nicht trocken rubbeln!
  • Nach dem Baden kann das Baby eingecremt werden.
  • Mit dem ersten Bad müssen Eltern nicht warten, bis der Nabelschnurrest abgefallen ist. Lediglich die Körpertemperatur des Säuglings sollte sich stabilisiert haben. Den Nabel anschließend vorsichtig trocken tupfen.

Andere Empfehlungen für Risikokinder

Diese Empfehlungen gelten jedoch nur für Babys, die eine gesunde Haut haben. Anders sieht es bei Kindern aus, bei denen eine erbliche Veranlagung für atopische Dermatitis vorliegt. Sprich: Leidet ein Elternteil an Neurodermitis, besteht für das Kind ein 20 bis 40-prozentiges Risiko auch daran zu erkranken. Sind Vater und Mutter betroffen, steigt das Risiko auf 60 bis 80 Prozent. Bei Kindern mit Neurodermitis ist die Hautbarriere durchlässig, weshalb sie sehr empfindlich auf äußere Reize reagiert, schneller austrocknet und zu Entzündungen neigt. "Hat das Kind eine diagnostizierte Neurodermitis, gibt es eine Behandlungsleitlinie zu der das ein bis zwei Mal tägliche Eincremen am ganzen Körper als Basistherapie gehört", so Prof. Dr. Garcia-Bartels. "Zudem gibt es erste Hinweise, dass Kinder mit normalem Hautzustand, die aber ein Risiko für eine atopische Dermatitis haben, von präventivem Eincremen ab der Geburt profitieren können. Zeigt die Haut Anzeichen von Trockenheit, reicht es bei manchen Kindern schon, die Badefrequenz auf zwei bis drei mal pro Woche zu senken und sie danach regelmäßig einzucremen. Je nach Hautzustand kann dies sogar bis zu täglich mit einer Creme oder Lotion erfolgen. Die Pflegeprodukte sollten altersgerecht, also speziell für Babys oder Kinder gekennzeichnet sein. Produkte mit dem Hinweis 'sensitiv' oder für 'sensible Haut' enthalten oft weniger Zusätze."

Ursachen einer gestörten Hautbarriere

Neben der genetischen Veranlagung reagiert die Haut auch auf äußere Einflüsse wie zu häufiges, zu warmes oder zu langes Baden. Auch Zusatzstoffe in Pflegeprodukten oder bestimmte Stoffe in Waschmitteln oder Weichspülern, die über die Kleidung auf die Haut gelangen, können den Schutzmantel der Haut aus dem Gleichgewicht bringen. Ebenso kann Sonne die Haut schädigen, aber auch trockene Heizungsluft und eisige Temperaturen. Bekannt ist, dass der Reifungsprozess der Hautbarriere je nach Körperregion variiert. So braucht die Gesichtshaut in der Regel mehr Pflege als andere Stellen, da sie äußeren Einflüssen schutzlos ausgesetzt ist. Gerötete Wangen bei kalten Temperaturen sind beispielsweise ein erstes Anzeichen, dass der Hautschutzmantel gestört ist. Eltern sollten die Haut ihres Babys gut beobachten und bei trockener Haut ihre bisherigen Pflegegewohnheiten überdenken.

Hat mein Baby trockene Haut?

Laut der "Deutschen Haut- und Allergiehilfe e.V." leiden zwei Drittel aller Babys unter trockener Haut. Trotzdem ist dieser Zustand für Eltern nicht leicht zu erkennen, da die Haut von Kindern eine sehr feine Oberflächenstruktur hat. Prof. Dr. Garcia-Bartels rät, nach dem Baden und bei guten Lichtverhältnissen darauf zu achten, ob die Haut einen weißlichen Schimmer aufweist. Wenn sich das Kind aus unerfindlichen Gründen kratzt oder auch schlecht schläft, können dies ebenfalls Hinweise sein. Auch dieser praktische Tipp hilft Eltern weiter: Ein Bein des Kindes eincremen, das andere nicht. Wenn nach zwei bis drei Stunden ein deutlicher Unterschied zu spüren ist, ist die Hautbarriere vermutlich geschädigt. Eltern müssen aber nicht gleich zum Arzt rennen – vielmehr sollten sie sich erst einmal fragen, ob sie ihr Baby in der vergangenen Zeit vielleicht zu lange oder zu warm gebadet haben, ob sie vielleicht zu wenig oder gar nicht gecremt haben. Wenn die Haut weiterhin trocken bleibt, eventuell auch Rötungen, schlechter Schlaf oder Juckreiz hinzukommen, sollte das Baby einem Arzt vorgestellt werden.

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Unsere Expertin

Prof. Dr. med. Natalie Garcia Bartels

Fachärztin für Dermatologie u. Venerologie, Zusatzbez. Allergologie, an der Hautarztpraxis am Kaiserdamm in Berlin. In den mehr als zehn Jahren als Oberärztin an der Hautklinik der Charité in Berlin hat sie sich unter anderem der Erforschung von Baby- und Kinderhaut gewidmet.

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Unsere Autorin

Jana Kalla

Jana Kalla ist Chefredakteurin bei Leben & erziehen. Vorher war sie viele Jahre lang hauptsächlich im Beauty-Kosmos unterwegs.

Seit sie einen eigenen kleinen Sohn hat, ist ihr Leben nicht nur um einiges turbulenter geworden, es hat auch dazu geführt, dass sie ihr Themenspektrum erweitert hat. Und was könnte es Schöneres geben, als über Windeln und Wimperntusche zu schreiben?

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