Keine Eile

Wann lernt ein Baby sitzen?

Hilft es Babys, wenn man sie in den Kinderwagen oder Hochstuhl setzt? Oder sollten Eltern besser warten, bis das Sitzen von alleine klappt? Wir haben dazu drei Experten befragt.

Ab wann sitzen Babys?

In der Regel können Kinder im Alter von sieben bis neun Monaten frei und ohne fremde Hilfe sitzen, erklärt der Homburger Kinder- und Jugendarzt Dr. Benedikt Brixius: "Grundvoraussetzung für aktives Sitzens sind eine aufrechte Kopfhaltung, freie Beugbarkeit in der Hüfte und aktives Drehen des Rumpfes."

Physiotherapeutin Frauke Mecher warnt davor, ein Kind hinzusetzen, solange es das noch nicht selber kann: "Sitzen wird über diverse Zwischenstufen erlernt aus den Basislagen Rücken, Bauch, Seite." Wird der Nachwuchs zu früh hingesetzt, leidet die Wirbelsäule, da die haltgebenden Muskeln noch nicht richtig ausgebildet sind. Dadurch kann es zu Haltungsproblemen wie einem "Sitzbuckel" kommen. 

Dass Sitzenlernen immer individuell und schubweise erfolgt, bestätigt auch Kinderorthopäde Dr. Hartmut Gaulrapp aus München. Plötzlich sitzen wird ein Baby also nie können. Dr. Brixius erklärt den Ablauf so: "Mit drei Monaten kann das Baby den Kopf halten, mit sechs Monaten ist die Kopfkontrolle gut, es hat im Sitzen noch einen Rundrücken und kann kurzfristig alleine sitzen. Wenn Rücken-, Bauch- und seitliche Muskulatur sowie die neurologische Koordination ausreichend gereift sind, wird das Kind in der Lage sein, sich selbst hinzusetzen."

Erst krabbeln, dann sitzen

Die verbreitete Meinung, dass Babys erst sitzen, dann krabbeln und schließlich laufen, ist ein Irrtum: Die meisten Kinder lernen das Sitzen aus dem Krabbeln heraus. Mecher betont: "Erst wenn es stabil alleine sitzen kann, sollten Eltern ihr Kind auch von sich aus aufsetzen." Dass die meisten Kinder erst nach dem Krabbeln sitzen, bestätigt auch Dr. Gaulrapp. Allerdings: "Nicht wenige Kinder überspringen das Krabbeln völlig, übrigens ohne Folgen für ihre Hirnentwicklung."

Füttern auf dem Schoß?

Natürlich ist es okay, das Kind zum Füttern, Anziehen oder Spielen auf den Schoß zu nehmen. Dabei unterstützt die Körperbewegung der Eltern das Sitzen auch. Werden Babys dagegen zu früh allein hingesetzt, leidet die Wirbelsäule. Die Muskeln, die ihr später Halt geben, sind nämlich noch nicht stark genug.

Sitzen lernen: Aktives und passives Sitzen beim Baby

"Während das Kind beim passiven Sitzen noch festgehalten werden muss, setzt es sich beim aktiven Sitzen von sich aus und aus eigener Kraft," erklärt Dr. Brixius. Sitzt es so bereits frühzeitig, sieht der Experten keinen Grund zur Sorge bezüglich Schädigungen der Knochen und Muskulatur. Aktiv sitzen seiner Erfahrung nach neugierige, motorisch fittere Kinder. Doch Vorsicht: "Gerade diese Kinder kennen keine Gefahrenwahrnehmung und verunfallen häufiger!"

Darf ein Baby zum Füttern auf dem Schoß sitzen?

Fürs Sitzen beim Füttern gibt die Physiotherapeutin grünes Licht: Etwa mit fünf, sechs Monaten, wenn die Beikost beginnt, dürfen Eltern das Baby kurzzeitig und immer gut stabilisiert auf den Schoß nehmen und während des Essens sitzend halten, da es sich im Liegen verschlucken könnte. Durch das angelehnte Sitzen auf dem Schoß und durch die Körperbewegungen der Eltern wird das Sitzen beim Baby sogar unterstützt. Werden Babys dagegen zu früh allein hingesetzt, ist das eher schädlich, denn dann leidet die Wirbelsäule. Die Muskeln, die ihr später Halt geben, sind nämlich noch nicht stark genug.

Sollen Eltern ihrem Baby das Sitzen "beibringen"?

Die Experten sind sich einig, dass die Entwicklung des Sitzens bei Babys vor allem durch die Bauchlage trainiert werden kann. Dr. Brixius empfiehlt zur Stärkung der für die Aufrichtung wichtigen Rumpfmuskulatur, das Kind mit den Armen nach vorne immer wieder in die Bauchlage zu bringen. Der Kinderarzt rät jedoch davon ab, passives Sitzen zu trainieren. "Wenn das Kind nicht selbst in die Sitzposition kommt, kann es zu einem Rundrücken oder frühzeitiger Belastung der Bandscheiben kommen." Für schädlich hält er zudem Lauflernhilfen oder Babyrollatoren, durch die Kinder "unphysiologisch früh" passiv in diese Position gebracht werden. Erst, wenn das Kleine mit 10 Monaten noch nicht von selbst sitzt, rät der Kinderarzt zum Arztbesuch. 

Do’s and Don’ts für Eltern – Tipps von Kinderorthopäde Dr. Hartmut Gaulrapp:

  • Sitzen auf dem Schoß nur unter Stabilisierung der Wirbelsäule
     
  • Spielerisch von einer Basishaltung in eine andere überführen
     
  • Auf aktive muskuläre Anspannung der Kinder achten
     
  • Kein passives freies Hinsetzen
     
  • Kein Absetzen in Sitzstühle ohne aktive Rumpfstabilisation

Ab wann darf das Baby im Hochstuhl oder Kinderwagen sitzen?

Für Frauke Mecher besteht kein Grund, das Sitzen zu fördern. Aus rein praktischen Gründen spielen sitzende Kinder im Anhänger oder Hochstuhl für Eltern häufig eine viel größere Rolle. Die Kleinen bevorzugen zunächst die selbständige Fortbewegung. Sitzen wird für sie erst mit etwa 10 Monaten interessant, wenn sie längere Zeit mit den Händen spielen. Übrigens: Im Hochstuhl oder Kinderwagen sitzen sollte euer Baby erst ab etwa neun Monaten, wenn es sich aus eigener Kraft halten kann.

"Nicht das Sitzen ist wichtig, sondern der Weg dahin", fasst Expertin Mecher zusammen. Und den finden die Kinder durch viel Übung und Zeit automatisch alleine. Also, liebe Mamas und Papas, bitte kein falscher Ehrgeiz, gelassen bleiben und auf die individuelle, natürliche Entwicklung eures Kleinen setzen!

Autorin: Antonia Müller

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