Bonding

Wie Papas eine Beziehung zu ihrem Baby aufbauen

Schon in der Schwangerschaft Kontakt zum Baby aufnehmen – geht das auch als werdender Vater? In der Stillzeit spielen Väter oft die zweite Geige. Doch es gibt Tipps, wie sie dem Nachwuchs dennoch nah sind. Wir haben mit Heike Kuhl, systemischer Familiencoach für Fisher-Price, gesprochen.

Wie können sich Väter schon während der Schwangerschaft ihrer Partnerin auf ein Leben mit Kind vorbereiten?

Heike Kuhl: Du kannst dich bereits während der Schwangerschaft langsam auf die neue Rollenkonstellation einstellen. Wenn deine Frau durch die Hormone Stimmungsschwankungen hat, keine Lust auf Sex oder am Abend schon ab 21 Uhr wie ein Murmeltier schläft, kannst du dich darin üben, es nicht persönlich zu nehmen. Das sind alles Phänomene, die bei deiner Frau für das Kind entstehen. Dadurch erlebst auch du wahrscheinlich neue Gefühle, die du bislang noch nicht mit deiner Partnerin kanntest. Mache dir diese Gefühle und Gedanken bewusst und sprecht gemeinsam darüber. Schaut, was ihr beide braucht und wie ihr gemeinsam immer wieder Nähe herstellen könnt.

Wie willst du dich als Vater demnächst erleben? Was sind deine Werte und wie willst du sie umsetzen? Wie viel Zeit willst du in Zukunft mit deiner Vaterrolle füllen? Finde heraus, welche Modelle es bei deiner Arbeitsstelle möglicherweise gibt und wie du sie umsetzen kannst und willst. Und tausche dich mit anderen Vätern oder werdenden Vätern aus. Was funktioniert bei anderen und was inspiriert dich?

Und ganz praktisch: Nestbau ist angesagt. Hier könnt ihr gemeinsam planen und umsetzen. Was wollt ihr und was wollt ihr nicht? Du kannst Dinge umsetzen, die deine Frau momentan nicht gut machen kann.

Wie bauen Väter schon in der Schwangerschaft eine Verbindung/Beziehung zu ihrem Kind auf?

Heike Kuhl: Es dreht sich alles um die Kommunikation und die Verbindung. Auch du als Vater erlebst bereits in der Schwangerschaft neue Gedanken und Gefühle. Freude, Träume, Ängste und Sorgen kommen auf. Wichtig ist, dass du diese mit deiner Partnerin teilst und ihr im lebendigen Kontakt miteinander bleibt. Das kommt auch beim Kind an und prägt deine Beziehung zum Kind. Zum einen entwickelt sich das Kind während der Schwangerschaft in einer unterstützenden Beziehung emotional und physisch. Zum anderen entwickelt sich eure Partnerschaft stabiler in eure neue Beziehungskonstellation. Das heißt, aktive Anwesenheit und emotionale Begleitung unterstützen die Bindung zwischen Vater und Kind.

Der Kreativität sind hier keine Grenzen gesetzt. Alles was Spaß macht, ist erlaubt. Die Sinne des Kindes entwickeln sich im Bauch der Mutter und warten begierig darauf, mit Informationen gefüttert zu werden. Allein schon durch die Bauchdecke mit dem Kind zu sprechen, den Bauch zu streicheln, mit Musik oder mit dem Wechsel von Hell und Dunkel zu spielen – so kannst du einen ganz eigenen Kontakt zum Kind aufbauen. Dieser führt auch zu einem engeren Kontakt zwischen euch nach der Geburt.

Während der Schwangerschaft und in der ersten Zeit nach der Geburt dreht sich meistens alles um Mutter und Kind. Doch was machen Väter, wenn ihre Gefühle sie überwältigen und sie möglicherweise Unterstützung brauchen? Bzw. wie beugen Väter vor, dass sie sich überfordert fühlen?

Heike Kuhl: Nimm deine eigenen Gefühle ernst und suche das offene Gespräch zu deiner Partnerin, aber auch zu Freunden und Kollegen. Oftmals denken Väter, dass ihre Gefühle nicht wichtig sind oder nicht im Vordergrund stehen dürfen. Doch die Gefühle, Ängste und Sorgen von allen sind wichtig und brauchen Raum und Anerkennung.

Eure Hebamme ist für euch alle, also auch für dich als Vater Ansprechpartnerin und kann dich in dieser Zeit unterstützen. Für dich als Vater ist es auch hilfreich, bereits in der Schwangerschaft am Geburtsvorbereitungskurs teilzunehmen. Du erfährst hier nicht nur wichtige Informationen für die Schwangerschaft, Geburt und die erste Zeit mit Baby, sondern du triffst auch andere Väter, mit denen du dich austauschen kannst. Dabei merkst du, dass du nicht allein mit deinen Ängsten und Zweifeln als Vater bist. Aber das Wichtigste ist, dass du als Vater deine Gedanken und Sorgen ernst nimmst und dir erlaubst, auch für dich zu sorgen.

Gerade in der Stillzeit fühlen sich viele Väter benachteiligt und außen vor. Was hilft ihnen, eine ebenso enge Bindung zum Baby aufzubauen wie die Mutter?

Heike Kuhl: Lass den Konkurrenzgedanken los, dass du eine ebenso enge Bindung wie die Mutter aufbauen musst oder dass du keine Chance hast, dem gleichzukommen. Denn die Zeit, in der das Kind in seiner Mutter heranwächst, und die Zeit des Stillens kannst du nicht gleichermaßen nachholen.

Vertraue auf deine Liebe zum Kind, auf dein Gefühl, dein Bedürfnis, deine eigene individuelle Bindung und Beziehung zum Kind aufbauen zu wollen. Vertraue hier auf deine eigenen Impulse. Beim Windelnwechseln, Baden, Flaschegeben und Füttern bist du im engen Kontakt mit deinem Kind und baust deine ganz individuelle Beziehung zu ihm auf. Sorge für viel innigen Körperkontakt und nimm dir Zeit und Raum. In dieser Zeit kann deine Partnerin sich um sich kümmern und fühlt sich von dir unterstützt und gestärkt.

Außerdem ist es gut für deine Beziehung zum Kind, wenn auch du als Vater Elternzeit nimmst. Wenn möglich, verbringt die ersten vier Wochen als Familie zusammen zu Hause. Baut beide eure individuelle Bindung zum Kind auf.

Die neue Rolle stellt für alle beteiligten eine Herausforderung dar. Haben Sie noch weitere Tipps speziell für Väter, wie sie sich in ihre neue Rolle hineinfinden?

Heike Kuhl: Hinterfragt euer männliches Rollenbild und vielleicht auch die Rolle eures Vaters. Frage dich: "Was für ein Vater will ich sein?" Möchtest du ein aktiver Vater sein? Was wünschst du dir für dein Kind? Welche Werte sind dir wichtig, welche möchtest du vermitteln? Wie hast du deinen Vater erlebt? Was davon möchtest du beibehalten und was willst du ablegen?

Auch die Partnerschaft der Eltern wird mit einem Kind auf eine harte Probe gestellt. Wie schaffen es Eltern, trotz der neuen Aufgaben auch ein Paar zu bleiben?

Heike Kuhl: Erst mal gilt es anzunehmen, dass eine neue Phase der Paarbeziehung stattfindet. Von der Zweier-Beziehung, von Erotik, Freiheit und Romantik zur Dreier-Beziehung, mit schlaflosen Nächten und Tagen, vielen Aufgaben und immer wieder Auseinandersetzungen damit, wie ihr Dinge gestalten und entscheiden wollt. Das kann ein Paar schon mal mit voller Wucht treffen.

Wichtig ist vor allem, im Dialog zu bleiben. Es braucht Zeit und auch viel Ausprobieren, sich in die neue Rolle einzufinden. Tauscht euch immer wieder darüber aus. Jede Meinung hat ihre Berechtigung. Hört euch gegenseitig zu. Jeder hat mit seiner Handlung in der Regel immer eine positive Absicht, auch wenn sie der Person selbst oder dem anderen nicht bewusst ist. Fragt einander danach. Gleicht diese ab. Was ist dein Bedürfnis? Was ist meins? Wie können wir beides erfüllen oder einen Kompromiss machen?

Vom Staffellauf, in dem ihr nur schnelle Übergabe macht, nehmt euch immer wieder Qualitätszeit zu zweit. Seid kreativ und findet eure eigenen kleinen Rituale. Was macht ihr gerne miteinander? Kultiviert das in kleinen, realistischen Dosen. Nehmt euch bewusst Zeit, auch wenn das gefühlt nicht möglich ist. Plant Zeit für euch bewusst mit ein. Auch wenn es nur zehn Minuten bewusst genommene Zeit am Abend füreinander sind. Bleibt immer wieder im Dialog und auch in körperlicher Nähe.

Oder nehmt euch beispielsweise wenn das Kind am Abend eingeschlafen ist, fünf Minuten zum Andocken, Kuscheln, Halten, ohne Worte, egal, was anliegt. Auch wenn ihr gerade sauer auf den anderen seid. "Stay in Love" ist das Thema. Mit allen Gefühlen und Themen, die aufkommen. Einander anzunehmen. Das ist alles andere als banal. Aber die gute Nachricht ist, dies ist einerseits eine Haltung, die ihr einnehmen könnt und andererseits könnt ihr das üben. Ihr könnt dabei anerkennen, dass es meistens für beide neu ist und bedeutet, die Komfortzone zu verlassen.

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Heike Kuhl ist systemischer Familiencoach für Fisher-Price.

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Unsere Autorin

Irlana Nörtemann

Irlana Nörtemann ist seit vielen Jahren mit Herzblut Redakteurin bei Junior Medien. Zu ihren Aufgaben zählt auch Contentmanagement.

Als Mutter eines Jungen lässt sie ihre Alltagserfahrungen in ihre Artikel mit einfließen. Die Schwerpunkte liegen dabei auf den Themen Reise und Gesundheit.

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