Expertenrat

Tauchen im Babyschwimmkurs: Ein (un)gefährlicher Spaß?

Es gehört eben dazu: das Untertauchen im Babyschwimmkurs. Oder nicht? Es soll dabei ja schließlich nichts passieren. Eine entscheidende Rolle spielen Atemschutz- und Tauchreflex des Babys. Doch wie lange dieser anhält? Ungewiss.

Tauchen im Babyschwimmkurs ist so eine Sache. Heiß umstritten. Und mit viel Herzschmerz verbunden. Irgendwie gehört es zum Programm. Und die Kursleiterin ist so nett. Alle machen es. Also: Los, einmal das Baby untertauchen. Augen zu und durch. Aber ist das wirklich ungefährlich? Das Kleine kann schließlich nicht zustimmen, wenn es im nächsten Moment plötzlich untergetaucht wird. Mit diesem Artikel wollen wir euch eine gute Informationsgrundlage schaffen. Hebamme Jasmin Treiber-Meier steht uns mit ihrem Expertenwissen zur Seite.

Fakten zum Babyschwimmen im Kurzüberblick

  • Die Teilnahme ist ab etwa drei Monaten möglich.
  • Babys müssen ihr Köpfchen schon allein halten können.
  • Es ermöglicht das Sammeln von motorischen Erfahrungen.
  • Es schult den Gleichgewichtssinns.
  • Die anatomische und organische Entwicklung wird gefördert.
  • Ein Ziel: die Stärkung der Eltern-Kind-Beziehung.


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Weshalb Babys (theoretisch) ohne Probleme tauchen können

In vielen Babyschwimmkursen bildet das Tauchen einen festen Programmpunkt. Das sei aufgrund des angeborenen Atemschutzreflexes kein Problem. Das stimmt auch. Theoretisch. Doch Moment, gibt es nicht auch den Tauchreflex? Viele Eltern denken, dass beide Begriffe dasselbe meinen. Doch das stimmt nicht ganz. Darin besteht der Unterschied zwischen Atemschutzreflexes und Tauchreflex: "Kommen Mund und Nase des Babys mit Wasser in Berührung, blockiert der Atemschutzreflex die oberen Atemwege unmittelbar. Das heißt: Sie verschließen sich, um ein Eintreten von Wasser zu verhindern", erklärt Hebamme Jasmin Treiber-Meier. "Der Tauchreflex wird ausgelöst, wenn das Baby ins Wasser getaucht wird. Dabei wird die Atmung gestoppt und der Herzschlag verlangsamt. Der Puls senkt sich auf zirca zehn Schläge pro Minute, um den Sauerstoffbedarf zu reduzieren."

Wie lange hält der Atemschutzreflex an?

Die Krux am Babytauchen: Niemand weiß genau, wann Kinder ihren natürlichen Atemschutzreflex verlieren. Bei einigen ist das früher, bei einigen später der Fall. Expertin Jasmin Treiber-Meier weiß: "Die Studien sind hier noch nicht abgeschlossen – der Atemschutzreflex bleibt nach bisherigen Erkenntnissen bis zu sechs Monate erhalten. Der Tauchreflex verschwindet nach ungefähr vier bis sechs Monaten." Eltern können sich also nicht sicher darauf verlassen, dass ihr Baby den Reflex bis zum sechsten Monat überhaupt noch hat. Was man allerdings weiß: Der Atemschutzreflex wird vom Tauchreflex abgelöst – durch Training, also regelmäßiges Tauchen.

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Wie läuft das Baby-Tauchen genau ab?

"Es empfiehlt sich, zuerst nur etwas Wasser über die Arme zu gießen, dann über den Hinterkopf und schließlich auch über das Gesicht", erklärt die Expertin. Erst dann, wenn dieses Ritual vom Baby entspannt angenommen wird, könne mit dem eigentlichen Tauchen begonnen werden. Jasmin Treiber-Meier zufolge helfe es auch, das Baby anzusprechen und kurz zu erklären, was passiert – Mutter oder Vater tauchen dann zunächst vor und zeigen, dass alles okay ist. Um den Atemschutzreflex auszulösen, wird das Baby im Mund- und Nasenbereich angepustet, dann kann es zügig eingetaucht werden. Dabei tauchen Mama oder Papa entweder gemeinsam mit dem Kind senkrecht ins Wasser oder das Baby wird waagerecht unter Wasser, eine Armlänge zur Mutter oder Vater hin, bewegt. 

Herzschmerz im Becken: Wenn Tauchen beim Babyschwimmen zur Hürde wird

Viele Mütter berichten, dass sie einen großen Herzschmerz verspürten, als sie im Babyschwimmkurs ihr Kind untertauchen sollten. "Ein zunächst mulmiges Gefühl beim Untertauchen des Babys ist nachvollziehbar und natürlich", sagt Jasmin Treiber-Meier. "Aber Herzschmerz brauchen die Mamas und Papas deshalb nicht zu haben – für die Kleinen bedeutet das Tauchen in der Regel keinen Stress. Fühlen sich Eltern beim Tauchen jedoch unwohl, bemerkt das auch ihr Kind. Damit wird das Tauchen negativ behaftet und erfüllt nicht seinen Sinn. Deshalb sollten die Eltern ihre Gefühle ernst nehmen und nur dann Tauchen, wenn sie sich damit auch wirklich wohlfühlen", so die Expertin.

Babys untertauchen: Sind negative Auswirkungen möglich?

Die Expertin gibt eine klare Empfehlung: "Das Baby unter Wasser nicht loslassen!" Denn: Durch den fehlenden Körperkontakt könnte das Kind Angst bekommen. Das heißt auch: Wenn sich das Baby verschlucken sollte oder weint, darf beim Trösten keine Panik vermittelt werden. Am wichtigsten ist und bleibt es, immer auf die Gefühle und Reaktionen des Babys zu achten. "Sollte es sich abwenden, weinen oder sonstige Unsicherheiten zeigen, ist das Tauchritual abzubrechen", rät Jasmin Treiber-Meier. 

Kann das Untertauchen sich negativ auf die Beziehung zwischen Eltern und Kind auswirken? Auch hier gilt: Achtet auf euer Kind. Hat es Freude und Spaß im Wasser – und vielleicht sogar am Tauchen? Dann sind keine negativen Auswirkungen auf die Beziehung zu erwarten. "Das Tauchritual sollte jedoch nur von Bezugspersonen des Babys, also Mama oder Papa, durchgeführt werden – nicht von Unbekannten, wie zum Beispiel der Kursleitung", so die Expertin. Außerdem wichtig: "Während des Tauchens ist der Körperkontakt beizubehalten, um dem Baby Sicherheit zu geben." Dabei ist auf die Reaktionen des Kindes zu achten und diese zu berücksichtigen. Das heißt also eventuell auch, den Tauchvorgang abzubrechen. "Ebenso sollten Eltern ihre eigenen Gefühle beim Tauchen ernst nehmen: Fühlen sie sich unwohl, überträgt sich das auf ihr Kind. In dem Fall ist dann vom Tauchen abzusehen.“

Werden verschiedene Grundsätze beim Tauchen eingehalten, seien keine Komplikationen zu erwarten: "Das Tauchritual sollte allerdings gut vorbereitet und langsam aufgebaut werden", sagt Jasmin Treiber-Meier. Dazu gehöre vor allem das oben beschriebene Vorgehen.

Fazit: Tauchen im Babyschwimmkurs – ein umstrittenes Thema

Ja, das Thema "Tauchen bei Säuglingen" ist brisant und allseits umstritten. Es gibt Befürworter, es gibt Gegner. Eltern sollten sich also nicht einfach so dazu überreden lassen – ohne die Fakten zu kennen. Informiert euch. Hört auf euer eigenes Bauchgefühl und beobachtet, wie euer Baby reagiert. Schließlich geht es beim Babyschwimmen (und Tauchen) ja darum, positive Erfahrungen zu schaffen. Und nicht darum, das Kind in Angst und Schrecken zu versetzen. Das Untertauchen kann sich tatsächlich auch negativ auswirken. Und zwar auf das Vertrauen des Babys zu den Eltern. Vor allem dann, wenn es unerwartet und plötzlich kommt. Irgendwie verständlich, oder? Tauchen muss also nicht zwingend sein. Wenn ihr merkt, dass euer Baby keine Freude dabei verspürt oder ihr selbst unsicher seid, dann lasst es. Beim Babyschwimmen geht es schließlich nicht um das Tauchen lernen, sondern eigentlich um die Freude am Wasser.

Hinweis: Ihr seid unsicher beim Thema Tauchen im Babyschwimmkurs? Im Zweifel könnt ihr auch euren Kinderarzt um ehrlichen Rat fragen.

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Unsere Expertin

Als Expertin bei diesem Thema an unserer Seite: Jasmin Treiber-Meier, Hebamme seit 2007, Lehrhebamme, zweifache Mama und seit 2019 tätig in der telemedizinischen Onlineberatung von Kinderheldin.

Die 2017 gegründete Telemedizin-Plattform "Kinderheldin" hat sich zum führenden Anbieter für die digitale Versorgung von Schwangeren und Eltern im deutschsprachigen Raum entwickelt. Erfahrene Hebammen und medizinische Fachexpert:innen bieten in Online-Kursen (live und als Video), Fachartikeln und persönlichem Coaching eine Begleitung von Beginn der Schwangerschaft bis zum 2. Lebensjahr des Kindes.

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