So wird die Fehlstellung behandelt

Sichelfuß beim Baby

Die Diagnose kommt meist kurz nach der Geburt. Eine Fehlstellung beim eigenen Baby ist erst einmal ein Schock für frischgebackene Eltern. Doch Sichelfüße sind selten ein Grund zur Sorge.

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Unsere Expertin

Dr. Cora Behnisch-Gärtner ist Fachärztin für Orthopädie und Unfallchirurgie und leitende Oberärztin an der Klinik für Kinderorthopädie der München Klinik Schwabing.

Ein merkwürdiger Anblick für die Eltern: Der Vorfuß des Babys ist nach innen gebogen wie eine kleine Sichel. Der "Pes adductus", wie der Sichelfuß von Medizinern genannt wird, tut nicht weh. Behandelt werden muss er aber frühzeitig, um spätere Geh- und Gelenkprobleme zu verhindern. Die erste Zeit mit Baby ist ohnehin schon aufregend für die Eltern und dann das! Aber wer sich gut beraten lässt, kann seinem kleinen Schatz sogar selbst helfen.

Wie entstehen Sichelfüße bei Babys?

Experten vermuten, dass die Ursache in der Enge in der Gebärmutter zu finden ist. Die Füße werden in eine bestimmte Position gedrückt und verbleiben dann in der beschriebenen Sichelform. "Bei Frühchen kommt das so gut wie überhaupt nicht vor", sagt Dr. Cora Behnisch-Gärtner, leitende Oberärztin an der Klinik für Kinderorthopädie in München Schwabing. "Und auch, dass Babys mit Sichelfüßen häufig zusätzlich eine Hüftdysplasie haben, bestärkt die Vermutung, dass Platzmangel im Uterus die Ursache ist." Ein weiterer Auslöser kann ein Muskelungleichgewicht sein: Die inneren Muskeln am Fuß ziehen stärker als die am äußeren. Hinzu kommt noch die Möglichkeit einer familiären Vorbelastung.

Fußfehlstellung: Wie erkennt man sie?

Bei der Untersuchung am zweiten Lebenstag, der U2, schauen sich die Ärzte im Krankenhaus die Füße der Neugeborenen an. "Sehen sie ungewöhnlich aus, prüfen wir, ob sie flexibel sind und sich in die Normalposition bringen lassen", sagt Dr. Behnisch-Gärtner. "Dann erklären wir den Eltern, wie sie mit einer bestimmten Massage die Fehlstellung korrigieren können." Dass Sichelfüße erst später auffallen, kommt selten vor. Und wenn doch, ist die Ursache eher ein Muskelungleichgewicht.

Sind die Füße bei der U2 übrigens nicht beweglich, muss untersucht werden, ob nicht doch etwas anderes dahintersteckt. "Bei einem leichten Klumpfuß zum Beispiel fällt zunächst oft nur die Sichelfußkomponente auf, die für Klumpfüße typisch ist", so die Orthopädin.

Wie behandelt man den Sichelfuß des Babys?

Die Eltern werden zu einer Fußmassage bei ihrem Baby angeleitet: Man biegt ganz vorsichtig den Vorfuß durch Streicheln der Fußinnenseite ein bisschen nach außen, hält dabei die Ferse fest. "Das sollten Eltern mehrmals am Tag machen, etwa immer beim Wickeln", rät Dr. Behnisch Gärtner. Sie empfiehlt, dass der Kinderarzt dann bei der U3 in der vierten bis sechsten Lebenswoche noch mal schaut, wie sich der Babyfuß nach der Massage entwickelt hat. Eltern können den Kinderarzt gerne darauf ansprechen. Bei über 90 Prozent der Babys ist der Sichelfuß dann weg, schätzt Behnisch-Gärtner. Den Rest verweist der Kinderarzt zur Untersuchung beim Orthopäden. Dort wird dann Physiotherapie verordnet. Ist die Fehlstellung des Fußes nach zwei bis drei Wochen immer noch nicht besser geworden, wird eine Gipstherapie empfohlen.

Sichelfüße eingipsen – ist das schlimm?

Der Arzt legt einen Korrekturgips an, um den Fuß in die richtige Stellung zu bringen. Meist sind beide Füße des Kindes betroffen, es werden also beide eingegipst – bis zum Oberschenkel, für etwa drei Wochen. Was erst einmal schockierend klingt, stecken die Kinder meist viel besser weg als die Eltern. "Das sind echte Lebenskünstler, und sie gewöhnen sich sofort an alles", sagt Cora Behnisch-Gärtner.

Der Oberschenkelgips ist notwendig, weil die so kleinen Beine aus kürzeren Verbänden herausrutschen würden. Anders als bei Erwachsenen folgen auf die Gipstherapie keine Einschränkungen. "Bis mindestens zum ersten Lebensjahr kann man ohne Probleme eingipsen. Bekommt ein Erwachsener drei Wochen lang einen Gips in gebeugter Beinstellung, kriegt er das Knie erst einmal nicht wieder gerade", weiß die Orthopädin. Die Kleinen hingegen bewegen sich danach direkt wieder frei.

Nur wenn die Kinder zur Zeit der Gipstherapie schon laufen können, folgt danach ein Rückschritt. Mit ein bisschen Übung haben sie aber bald wieder gelernt, was sie vor der Behandlung drauf hatten. Die meisten Kinderärzte gipsen vor dem Laufalter, also bis etwa zum achten Monat ein. "Wir beginnen an unserer Klinik damit, sobald wir sehen, dass die Physiotherapie nicht den Durchbruch bringt. Wenn die Kinder erst drei Monate alt sind, bekommen sie einfach noch weniger von den Gipsen mit", sagt Dr. Behnisch-Gärtner. Je kleiner die Kinder außerdem seien, desto weicher ist ihr Fuß und desto schneller erziele man die Korrektur. Danach wird regelmäßig kontrolliert, ob die Füße gerade bleiben.

Kommen Sichelfüße wieder?

Bei acht bis 14 Prozent kann das passieren, und eine Behandlung mit Schienen oder speziellen Korrekturschuhen folgt. Erst, wenn das alles nichts hilft und beispielsweise ein Vierjähriger immer noch Sichelfüße hat, wird operiert. "Das ist aber die absolute Ausnahme", sagt Cora Behnisch-Gärtner. "In meinen neun Jahren an der München Klinik Schwabing haben wir noch keinen Sichelfuß, der nur ein Sichelfuß war, operiert."

Wie werden andere Fußfehlstellungen bei Babys und Kindern behandelt?

Was in jedem Fall operiert werden muss, ist der Klumpfuß – die häufigste angeborene Fehlstellung bei Jungen. Dabei kommen gleich mehrere Dinge zusammen: Der Fuß kann nur auf der Fußspitze laufen, die Ferse steht nach oben. Außerdem zeigen sich ein Sichelfuß und ein Hohlfuß. Behandelt wird durch eine sehr frühe Gipstherapie und mehrere OPs. Danach werden Schienen verordnet, die bis zum vierten Lebensjahr getragen werden müssen. Ab dem vierten Lebensmonat "nur" noch nachts.

Was laut Dr. Behnisch-Gärtner völlig normal ist, sind Knick-Senk- oder auch Plattfüße. "Das Längsgewölbe entwickelt sich erst bis zum neunten Lebensjahr. Vorher brauchen die Kinder ihre Plattfüße für mehr Bodenhaftung." Weil die Füße bei Laufanfängern noch so leicht wegknicken, sind spezielle Lauflernschuhe wichtig, die bis über den Knöchel gehen. Sie geben den Kleinen die nötige Stabilität – vor allem auf einer unebenen Wiese oder im Sand.

Autorin: Anna Senft

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