Still-Erfahrungen einer Zwillingsmama

Tandemstillen: Zwei auf einmal an der Brust?

Wenn Geschwister bzw. Zwillinge zeitgleich gestillt werden, sprechen wir vom Tandemstillen. Wie genau das am besten klappt? Ein Erfahrungsbericht plus Tipps einer Stillberaterin.

Meine Erfahrungen mit dem Tandemstillen ...

Schon während meiner Zwillingsschwangerschaft stand der Plan: Ich wollte meine beiden Babys stillen. Ob nun zeitgleich oder hintereinander, in welcher Position, mit welchen Abständen, zu welcher Tages- und Nachtzeit – über all das habe ich mir noch nicht den Kopf zerbrochen. Ich hatte sehr großes Vertrauen in meinen Körper: Du schaffst das schon! Milch für zwei? Go for it! Dieses Urvertrauen in meine Milchproduktionskräfte wurde nicht enttäuscht. Ich hatte riesengroßes Glück, dass mein Vorhaben auch zur wunderschönen Realität wurde. Denn ich konnte meine Zwillingsjungs von Anfang an stillen. Voll stillen. Ganz ohne Pumpe. Und ich bin mir sehr bewusst darüber, dass das ein Privilleg ist, welches nicht jeder Mama und schon gar nicht jeder Zwillingsmama vergönnt ist. Und natürlich gibt es auch die Frauen, die ihre Babys gar nicht stillen wollen. Und auch das ist absolut fine.

Was mir damals allerdings auffiel: Weder über Google noch über meine Hebamme habe ich für mich persönlich wirklich hilfreiche Tipps erhalten. Ein großes Stück weit musste ich mir mein Wissen selbst erarbeiten, durch eigene, hautnahe Recherche. Das Stillen von zwei hungrigen Jungs war nicht immer einfach. Aber im Großen und Ganzen so wertvoll für uns alle drei: zuallerst natürlich für die Bindung, aber auch für das Immunssytem der Kleinen, ja, selbst für den Geldbeutel. Umso lieber möchte ich hier nun mit euch anderen Müttern meine Erfahrungen teilen.

Zusätzlich habe ich mit der erfahrenen Stillberaterin Lina Mazzoni aus Hamburg gesprochen. Sie konnte mir noch einige Tipps für das Tandemstillen von nicht gleichaltrigen Geschwistern geben. Denn damit habe ich keine Erfahrungen sammeln können. Mein größerer Sohn war zum Zeitpunkt der Zwillingsgeburt zwei Jahre alt und glücklicherweise abgestillt. Drei Kinder gleichzeitig stillen? Nein, dass hätte ich persönlich nicht gewollt – obwohl es Mütter gibt, die auch das schaffen ...

Experten-Bild

Still-Expertin Lina Mazzoni

Lina Mazzoni ist freiberufliche Sprachtherapeutin und IBCLC-Stillberaterin aus Hamburg. Hierbei handelt es sich um den einzigen international geschützten Titel für examinierte Still- und Laktationsberaterinnen.

Mehr zu Lina findet ihr auf ihrer Website stillbar-hamburg.de und auf ihrem Instagram-Account, auf dem sie auch regelmäßig interessante Fragestellungen rund ums Thema Stillen beantwortet.

Woran erkenne ich, dass ich nicht genügend Milch für beide Zwillinge habe?

Habt immer das Gesamtbild im Blick. Und lasst euch auch von eurer Intuition leiten. Ein sattes Baby ist ein zufriedenes Baby – und andersherum. Lina Mazzoni zählt auf, woran man erkennen kann, dass ein Baby genügend getrunken hat: 

  • zufriedener Allgemeinzustand
  • Ab dem 7. Lebenstag: 4 bis 6 schwere Wegwerfwindeln in 24 Stunden (oder 6 bis 8 Einwegwindeln). In den ersten drei Tagen gilt 1 bis 3 Windeln. Vom 4. bis 6. Lebenstag 3 bis 4 Windeln.
  • Gewicht und Größe sollten auf der individuellen Kurve liegen (wird bei den U-Untersuchungen beobachtet und ganz am Anfang von der Hebamme kontrolliert)

Wichtig: Sollte eure Hebamme oder der Kinderarzt euch zum Abpumpen bzw. zum Zufüttern mit Pre-Milch raten, nehmt diese Ratschläge bitte ohne mütterlich schlechtes Gewissen an.

Die Stillexpertin Lina Mazzoni ergänzt in diesem Zusammenhang: "Bei unterschiedlich trinkenden Zwillinge pusht das Tandemstillen durchaus den schwächeren Zwilling, durch den ausgelösten Milchspendereflex. In diesem Fall sollte man aber nicht vergessen, die Brüste regelmäßig zu tauschen." 

Mit dem Football-Griff klappt das Tandemstillen von Zwillingen am besten

Es gibt unterschiedliche Griffe, die stillende Frauen ausprobieren können. Ich persönlich habe fast nur im (doppelten) Rückengriff, dem sogenannten Football-Griff oder auch Fußball-Griff, gestillt. Lina Mazzoni bestätigt mich: "Das ist auch der häufigste Griff für Zwillingsmütter." Meistens habe ich mir einfach eine Menge Sofa-Kissen geschnappt, um die Babyboys zurechtzuruckeln und auf die passende Höhe zu bekommen. Aber man kann natürlich auch ein extragroßes Stillkissen* nutzen, wie diese Mama hier: 

Als Mutter sitzt man also möglichst bequem und gut gestützt. Die Babys nuckeln zufrieden, während Popo und Füße seitlich am Körper der Frau entlang liegen. Ihr seht es auch gut auf dem Instagrambild oben. Extra-Tipp der Stillberaterin: "Beim Anlegen, also wenn das Baby noch nicht an der Brust ist, sollte die Brustwarze zwischen Nase und Oberlippe liegen."

Andere Griffe und Positionen

  • V-Griff: Hierbei liegen die Babys beide mit den Füßen zur Mitte und treffen sich im Schoß. Ich habe diese Position als etwas ungemütlich empfunden, nicht nur für mich. Der untere Zwilling wirkte immer etwas "eingequetscht". 
  • Parallellgriff: Ein Baby liegt im Rückengriff, das andere in der Wiegehaltung. Auf diesem Instagram-Bild super zu erkennen. Die Mama hat sogar noch eine Hand frei für einen Snack. Kann ich bestätigen. 
  • Seitenlage: Ein Baby kann neben Mama liegen und an der unteren Brust trinken. Das andere liegt auf dem Bauch und trinkt an der oberen Brust. Habe ich ausprobiert, im Bett, fand es aber eher unpraktisch. 
  • Rückenlage: Auf diesem Instagram-Bild gut nachzuvollziehen. Beide Zwillinge schnappen sich eine Brust und los geht's. Aus meiner Sicht eher eine Still-Position für größere Babys bzw. Krabbel- oder Laufkinder.
     

Tatsächlich gibt es noch mehr Stillhaltungen, die ihr mit euren Zwillingen ausprobieren könnt, die meiner Meinung nach aber nicht wirklich praktisch sind. Schließlich darf man nicht vergessen, dass man immer zwei kleine Menschen gleichzeitig koordinieren muss. In den ersten Tagen brauchte ich immer Hilfe von meinem Mann. Alleine hätte ich die zwei nicht in den Griff bekommen – im wahrsten Sinne des Wortes. Scheut euch also nicht, um Hilfe zu fragen. Im Idealfall habt ihr eine Hebamme, die bereits Zwillingserfahrung mitbringt. Oder ihr sucht den Kontakt zu erfahrenen Stillberaterinnen oder natürlich zu anderen Zwillingsmamas. (Meine liebe Kollegin Claudia, auch Zwillingsmami, schreibt auf ihrem Blog so liebevoll und lustig über das Abstillen nach drei Jahren. Lest mal rein!)

Wie lange kann man Zwillinge (im Tandem) stillen?

"94 bis 97 Prozent der Frauen sind physiologisch in der Lage zu stillen", erklärt uns Lina Mazzoni. Das gilt auch für Zwillingskinder. Die WHO empfiehlt, Zwillinge genauso lange zu stillen, wie andere Babys auch, also ein halbes Jahr lang voll und neben der Beikost bis zum zweiten Lebensjahr weiter. Die Nachfrage der Muttermilch bestimmt die Produktion. Soweit die Theorie. Aber natürlich ist ein so langes Stillen nicht immer auch in der Praxis machbar. Ich habe meine Zwillingsjungs vier Monate voll gestillt und dann peu à peu mit den ersten Löffeln Brei angefangen. Ein bisschen länger als ein Jahr habe ich beide dann noch nebenbei weitergestillt, bis ich gemerkt habe: Ich brauche wieder etwas mehr Schlaf. Es ging hier, das gebe ich auch gern zu, hauptsächlich um mein Bedürfnis. Aber: Das Abstillen funktionierte glücklicherweise relativ komplkationsfrei, da ich ohnehin nur noch nachts stillte und die beiden dann sogar, zack!, viiiiiel besser schliefen. 

Das Tandemstillen, also das gleichzeitige Stillen, kam für uns nur in den ersten drei Monaten in Frage. (Vielleicht noch ein bisschen länger am Abend zum Einschlafen.) Am Anfang ersparte es mir durchaus Zeit, und im Wochenbett war es auch so kuschelig. Danach kristallisierte sich immer mehr heraus, dass das Stillen nacheinander wesentlich praktischer für uns war:

  1. So hatte ich mehr individuelle Zeit mit jeweils einem Zwilling.
  2. Beide tranken relativ zügig, sodass ich trotzdem immer schnell durch war. 
  3. Unterwegs war das Stillen nun auch kein Problem mehr. Einer an der Brust, der andere im Kinderwagen.
  4. Außerdem entwickelten beide ein sehr unterschiedliches Hungergefühl. Sie gleichzeitig und nach Bedarf zu stillen war also gar nicht mehr machbar.

Kann man in der Schwangerschaft weiterstillen?

Ein spannender Aspekt: das Tandemstillen von Geschwistern. "Aber immer noch ein Tabu", erzählt mir Lina Mazzoni. Leider gibt es auch noch keine wirklich relevantern Studien zu diesem Thema. Aber was muss eine schwangere Frau beachten, die ihr Kleinkind weiterstillen möchte? "Erst mal gar nichts! Fröhlich weiterstillen!" so die Stillberaterin. "Nur bei Kontraktion oder Blutungen sollte man den oder die Gynäkolog*in konsultieren. Aber: Das Stillen ist nicht wehenfördernd, wenn die Wehen nicht ohnehin schon da sind." Eine Frühgeburt wird dadurch also nicht gefördert, zumindest bei einer intakten Schwangerschaft. Manchmal verspüren schwangere Frauen beim Stillen Schmerzen in den Brustwarzen, da diese sehr viel empfindlicher werden. Einige Frauen entscheiden sich zu diesem Zeitpunkt für ein Abstillen. Oder: "Manche Kinder stillen sich auch selbst ab, weil die Milch sich verändert. Sie schmeckt weniger süß und wird dünnflüssiger. Manche nuckeln auch weiter", erklärt Lina Mazzoni. Sie rät dazu, mit dem großen Kind über die (anstehenden) Veränderungen zu sprechen. Ob es nun um das Abstillen oder das geteilte Stillen geht. Selbst wenn es nur noch um das Einschlafstillen geht. Ganz wichtig: Das größere Geschwisterchen sollte miteinbezogen werden.

Wie klappt das Tandemstillen bei Geschwistern?

Was ich mich als Zwillingsmama immer gefragt habe: Wie können denn nicht gleichaltrige Geschwister gleichzeitg gestillt werden? Ein frischer Säugling braucht doch eine ganz andere Muttermilch als ein Kleinkind? "Der Körper der Frau richtet sich immer auf das Neugeborene ein. Und somit auch die Produktion der Milch", erläutert mir die Stillberaterin. Direkt nach der Geburt kommt also das Kolostrum, dann die Vormilch, bis letztendlich die richtige Muttermilch einschießt. In diesen Tagen sind die Frauen oftmals ohnehin im Krankenhaus und gar nicht in Stillnähe zum Kleinkind. Wenn alle wieder zu Hause vereint sind, sollte sich die Mutter möglichst viel Ruhe gönnen und auch die Kommunikation zum größeren Kind suchen, vor allem auch wenn Eifersucht im Spiel ist. Eine schöne Idee von Lina Mazzoni: "Haltet eine Still-Kiste für das größere Geschwisterkind bereit mit besonderem Spielzeug, falls ihr euch mal nur mit dem Baby beschäftigen müsst/wollt." Eine individuelle Begleitung ist in dieser Zeit ganz, ganz wichtig. Und fragt euch auch: Wie viel Ernährung ist das Stillen der Großen noch oder ist es nur noch Beruhigung? Scheut euch nicht, eine Beratung aufzusuchen, wenn euch das (Tandem-)Stillen überfordert. 

Geschwister stillen – so schön kann es sein

Klappt Tandemstillen auch nachts?

Das ist eine reine Geschmacksfrage. Hier gibt es kein eindeutiges "Ja" oder "Nein". Ich persönlich habe es nicht gemacht. Meine Variante: Ich habe im Liegen gestillt, sodass ich einfach dabei weiterschlummern konnte. Teilweise lag ich zwischen meinen beiden Babys, eins links, eins rechts. Vielleicht nicht die gemütlichste Variante für mich. Aber die beiden haben so einfach am allerbesten geschlafen. Und ich bin zum Stillen einfach immer von der einen zur anderen Seite gerollt.

Für wenn das Familienbett nichts ist bzw. wer lieber im Sitzen stillt, kann sich natürlich auch das Tandemstillen für die Nacht beibehalten. Dann empfehle ich, ein gutes Stillkissen griffbereit zu haben und ein gedämmtes Stilllicht. 

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