Echte Eltern erzählen über ihre Corona-Zeit

"Wer auf eine Ausnahmesituation nicht mit Ausnahmen reagiert, wird komplett irre"

Wir wollten wissen, wie Mütter und Väter den Stayhome-Alltag in der Corona-Zeit stemmen. Und haben nachgefragt. In unserer neuen Serie "Echte Eltern erzählen" packt jeden Tag ein Elternteil aus, erzählt von gebrochenen Regeln, Chaos, Sorgen, aber auch Freuden in dieser außergewöhnlichen Zeit. 12 Fragen, 12 superehrliche Antworten – heute von Caren Schütt aus Hamburg.

Caren (40) verbringt die Coronazeit zu Hause in Hamburg gemeinsam mit ihrem Sohn John (5) und ihrem Mann. Eigentlich gehören zur Patchworkfamilie der Journalistin auch noch die Töchter ihres Mannes, doch die leben in Frankreich und können die Familie zurzeit nicht besuchen. In unserem Interview erzählt Caren, wie sie mit den Sorgen ihres Sohnes umgeht und warum Süßigkeiten und Fernsehen zurzeit auch einfach mal okay sind.

1. Hand aufs Herz: Wie lange lieft ihr heute im Schlafanzug durch die Bude?

Was ist heute noch mal für ein Tag? Ach ja, Samstag! Da war die Pyjama-Verweildauer ausnahmsweise kurz, weil wir samstags momentan mit den Hühnern aufstehen, um im Wald spazieren zu gehen. Es ist dort dann schön leer, so dass ich meinem Sohn nicht ständig an der Kapuze zerren muss, um ein Last-Minute-Ausweichmanöver einzuleiten.

2. Chips zum Frühstück, iPad zum Nachtisch: Welche Regel, die du sonst ernst nimmst, hast du heute ohne schlechtes Gewissen gebrochen?

Süßigkeiten als Bestechung. Er hat den Waldspaziergang ohne Meckern hingelegt, da gab es einen Lolli zur Belohnung. Mein Gewissen hat diesbezüglich Ferien. Ich bin jetzt bei vielen Sachen sehr entspannt. Wer auf eine Ausnahmesituation nicht mit Ausnahmen reagiert, wird komplett irre.

3. Was war der größte Fauxpas, das tiefste Tief seit Beginn der #Stayhome-Phase?

Wo wir gerade bei irre sind: In der ersten Corona-Wochen habe ich gedacht, ich müsste jetzt die Kita ersetzen und John müsste ganz viel lernen. Ich habe wie irre gebastelt (hasse ich eigentlich), nach pädagogisch korrekten Spielen gegoogelt und alle Puzzles der Welt gemacht. Abends war ich mit den Nerven fertig, hab kaum etwas von meiner Arbeit geschafft und meine Unzufriedenheit entlud sich letztendlich in einer nicht adäquaten Reaktion auf ein kaputtes Spielzeug. Da hat mein Mann gesagt: "Das dauert hier noch ein paar Wochen, lass ihn fernsehen."

4. ... und der schönste, innigste, emotionalste Moment?

Mein Sohn war in der letzten Zeit bedrückt, aber er wollte nicht so richtig darüber reden. Ich hab ihn dann gefragt, ob wir wegen dem Coronavirus einen Zettel für seinen Sorgenfresser schreiben wollen. Das ist eine Puppe, die auf magische Weise Sorgen, die man aufschreibt, auffrisst. Er hat mir dann diktiert: "Ich bin traurig, weil Menschen gestorben sind" und "Ich mache mir Sorgen um Oma". Wir haben dann viel darüber geredet. Ich hoffe, es hat ihm geholfen. Ich frage ihn jetzt ab und zu, ob ob er etwas über das Coronavirus wissen möchte.

5. Dein ultimativer Tipp für alle Eltern, die zwischen Homeoffice und Homeschooling mal 30 Minuten Ruhe wollen?

Der Weg dahin geht hier nur über Fernsehen, Xbox oder iPad. Wer möchte, kann für die Kids auch die Aquapearls rausholen, im Internet gibt es viele Vorlagen zum Ausdrucken. Wenn ihr Pech habt, müsst ihr aber die Box danach vom Fußboden aufklauben. Mein Tipp: In den eigenen Erholungszeiten keine Nachrichten lesen, die Pandemie ist danach auch noch da. Ich habe mich, weil ich eine Pause von "MamaMamaMama" brauchte, auch schon im Badezimmer eingeschlossen.

6. Was treibt dich gerade so richtig in den Wahnsinn?

Leute, die nicht hintereinander gehen oder joggen können.

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7. Die größten Sorgen mache ich mir um ...

Meinen Sohn. Ich weiß oft nicht, wie sehr ihn dieser Zustand beschäftigt. Ich weiß, dass mir als Kind Tschernobyl zum Beispiel sehr viel Angst gemacht hat. Da war ich sechs Jahre alt und mir wurde das alles nicht erklärt. Ich versuche das jetzt anders zu machen. Ich glaube fest daran, dass wir diese Krise meistern werden.

8. Wäre ich Politiker, würde ich jetzt ...

... überlegen, wie es möglich ist, viele medizinische Dinge in naher Zukunft wieder in Deutschland zu produzieren. Und systemrelevante Berufe besser bezahlen!

9. Was macht dir, euch, den Kindern – trotz Corona – gerade gute Laune?

Ganz einfache Dinge. Musik geht immer! John liebt das Lied "Bella Ciao" und tanzt dazu durchs Wohnzimmer. Mein Mann macht oft eine Videokonferenz mit der ganzen Familie aus Frankreich, da ist immer gute Stimmung. Ich selbst gehe gern ganz früh im Volkspark laufen. Das hat mir "früher" schon geholfen den Kopf frei zu kriegen, das sind aktuell meine 45 Minuten Normalität.

10. Auf einer Skala: Wenn 1 total gelassen ist und 10 ultrapanisch – wo stehst du dann gefühlstechnisch, wenn du aktuell Nachrichten siehst?

Ich hab die gesamte Skala schon erlebt, levele mich aber gerade stoisch auf fünf bis sechs runter. Man überlebt es auf Dauer nicht, wenn einen jede Schreckensnachricht ausflippen lässt. Es ist auch meine erste Pandemie, daher ist ab und zu weinen total ok. Ansonsten muss man aber von dem Gedanken-Karussell absteigen und sich darauf konzentrieren, was man beeinflussen kann. Wir halten uns strikt an das Social Distancing und wenn wir rausgehen, dann gern ganz früh morgens. Beim Einkaufen tragen wir eine Maske.

11. Wenn das alles vorbei ist, dann werden wir als erstes ...

Die Töchter meines Mannes wiedersehen! Wir sind eine deutsch-französische Patchworkfamilie. Mein Mann ist Franzose. Seine beiden Töchter leben in Frankreich bei der Mama. Er kann momentan nicht hin und die beiden können uns nicht besuchen. Das ist wirklich sehr schwer für ihn. Sobald es wieder möglich ist, ist also eine Wiedersehensparty angesagt. In welchem Land das stattfindet, ist völlig egal. Wir vermissen die beiden sehr.

12. Zeitreise in den April 2021. Was glaubst du, wie unser Leben in genau einem Jahr aussieht?

Ich glaube, dass dieses Virus unsere Gesellschaft grundsätzlich verändern wird. Es wird ein "vor Corona" und ein "nach Corona" geben. Die Wirtschaft wird sich verändern. Soziale Strukturen und Jobs werden sich verändern. Die Beziehungen der Länder und Bündnisse untereinander werden sich verändern. Die Art, wie wir reisen, wird sich verändern. Ich bin Berufsoptimist und denke, dass das Ergebnis irgendwann zu einer besseren Welt führen wird. Aber Transformationsprozesse sind ungemütlich. Auch 2021 wird davon geprägt sein.

Unsere Autorin

Claudia Weingärtner reiste jahrelang als Reporterin um die Welt. 2014 aber begann ihr größtes Abenteuer: Sie wurde Mama von Zwillingen. 

Seitdem übt sie täglich den Spagat zwischen Jobdingen und Kinderkram – und verarbeitet den Muskelkater und andere Konsequenzen u.a. in Briefen, die sie an ihre beiden Kinder schreibt und auf zwillimuddi.com veröffentlicht. Seit April 2020 ist sie Chefredakteurin von "Leben & erziehen".

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