Echte Eltern erzählen über ihre Corona-Zeit

Sissi Hardenberg: "Wenn das vorbei ist, schmeißen wir eine fette Party"

Wir wollten wissen, wie Mütter und Väter den Stayhome-Alltag stemmen. Und haben nachgefragt. In unserer neuen Serie "Echte Eltern erzählen" packt jeden Tag ein Elternteil aus, erzählt von gebrochenen Regeln, Chaos, Sorgen, aber auch Freuden in dieser außergewöhnlichen Zeit. 12 Fragen, 12 superehrliche Antworten – heute von Sissi Hardenberg aus Berlin.

Der Sohn hat schon wieder Hunger, die Tochter braucht Hilfe bei Hausaufgabenblatt Nummer 27 – doch es ist weder Zeit zum Kochen noch zum Lehrer spielen, denn die nächste Videokonferenz startet in zwei Minuten ...

Diese oder ähnliche Stress-Situationen kennen gerade Tausende Mamas und Papas. Seit zwei Wochen igelt sich Deutschland ein, die Kitas und Schulen bleiben wegen des Coronavirus mindestens weitere zwei Wochen geschlossen – und das ist vor allem für Familien ein organisatorischer Superkraftakt. Vor allem auch deshalb, weil die Betreuungsoption durch Oma und Opa wegfällt. Aber wie meistern Eltern diese Herausforderung? Wie läuft der Alltag daheim?

Davon erzählt uns heute Franziska von Hardenberg (35) aus Berlin. Die Unternehmerin, die seit zwei Jahren personalisierten Schmuck (zum Beispiel Ketten mit Namen der Kinder) verkauft, lebt mit Ehemann Jasper (36) und den gemeinsamen Kindern Elsa (4) und Hedi (2) in Berlin, flüchtet aber vor allem an den Wochenende ins Ferienhäuschen nach Brandenburg. Von dort hat sie uns im Interview erzählt, dass sie gerade nicht mal mehr Ruhe auf dem sonst stillen Örtchen hat, dass ihr die Me-Time mehr fehlt als vermutet – und dass sie gedanklich jetzt schon die Fete vorbereitet, die sie feiern wird, wenn all das vorbei ist.

1. Hand aufs Herz: Wie lange lieft ihr heute im Schlafanzug durch die Bude?

Wir laufen ziemlich selten im Schlafanzug durch die Bude – nur am Wochenende, dann aber eher im Jogger und Arbeitsbekleidung, weil wir ein Ferienhaus in Brandenburg haben, in dem wir auch zurzeit oft sind und dort ganz viel rumwerkeln und im Garten arbeiten, da gibt es immer etwas zu tun. Unter der Woche machen wir uns auch im Moment richtig fertig wie auch vor der Corona-Zeit, weil wir das Glück haben, dass wir selbstständig sind, deshalb weiterarbeiten können – jetzt eben im Homeoffice, aber der Unterschied ist am Ende gar nicht so groß.

2. Chips zum Frühstück, iPad zum Nachtisch: Welche Regel, die du sonst ernst nimmst, hast du heute ohne schlechtes Gewissen gebrochen?

Unsere Mäuse dürfen jetzt manchmal vor dem Fernseher Abendbrot essen, das gab’s früher nicht. Ansonsten versuchen wir aber unter der Woche einen eher geregelten Alltag hinzukriegen. Anfangs dachten wir, es geht alles ohne Regeln – dann haben wir aber festgestellt, dass Struktur uns allen hilft, mit der neuen Situation klarzukommen.

3. Was war der größte Fauxpas, das tiefste Tief seit Beginn der #Stayhome-Phase?

Kann ich gar nicht so genau sagen, den gab es tatsächlich (noch) nicht, es hat sich erstaunlich gut eingespielt alles.

4. ... und der schönste, innigste, emotionalste Moment?

Die Morgende sind superentspannt. Wir stellen uns keinen Wecker, sind immer gegen sieben Uhr wach, dann kommen die Kinder zu uns ins Bett und wir können immer noch kuscheln. Es muss keiner auf die Uhr gucken, weil wir einfach nicht wie sonst zu einer bestimmten Zeit im Büro und in der Kita sein müssen. Wir fangen zwar immer um neun Uhr schon mit den ersten Telefonkonferenzen an, aber dadurch dass wir nur ein Stockwerk höher müssen ins Homeoffice, nimmt es einfach den logistischen Stress, den wir sonst haben.

5. Dein ultimativer Tipp für alle Eltern, die zwischen Homeoffice und Homeschooling mal 30 Minuten Ruhe wollen?

Ich kann es Euch beim besten Willen nicht sagen, ich habe nicht mal mehr Ruhe auf dem Klo! Eigentlich dachte ich von mir selbst immer, dass ich ein Mensch bin, der gar nicht so viel Zeit für sich selbst braucht, weil ich einfach gern mit meiner Familie zusammen und in großer Gesellschaft bin. Jetzt merke ich nach drei Wochen 24/7 zu viert, dass mir die Alone-Time doch etwas fehlt. Ich habe sonst immer versucht, mir den Freitag freizuhalten, um auf den Markt zu gehen und Dinge für mich zu machen – das fehlt mir total. Neulich war ich mal in der Badewanne, einmal habe mich eine halbe Stunde mit einem Buch zurückgezogen – aber das war’s dann auch. Finde es aber okay, das ist jetzt gerade einfach nicht die Zeit dafür. Die Me-Time bleibt eben gerade auf der Strecke, dafür hat man mehr schöne Familien-Momente als sonst.

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6. Was treibt dich gerade so richtig in den Wahnsinn?

Außer den Menschen, die es noch immer nicht begriffen haben, dass man jetzt zu Hause bleiben sollte? Eigentlich nicht viel. Wir haben einfach das große Glück, dieses Ferienhaus auf dem Land und den Garten dort zu haben – und außerdem noch den Luxus eines Aupair-Mädchens, das uns bei der Kinderbetreuung unterstützt.

7. Die größten Sorgen mache ich mir um…

Ältere Menschen. Meine Eltern, meine Schwiegermutter, die Nachbarin von gegenüber, die wir jetzt alle nicht mehr sehen können. Um nicht nur unsere Liebsten, sondern auch alle anderen Risikopatienten da draußen zu schützen, nehmen wir "Stayhome" wirklich total ernst und bleiben konsequent zu Hause und im Ferienhaus. Ich bin sehr froh, dass die meisten Deutschen es jetzt endlich verstanden haben und das genauso machen.

8. Wäre ich Politiker, würde ich jetzt ...

... gar nicht so vieles anders machen. Ich finde, dass die Politiker in diesem Land einen tollen Job gemacht haben – die Soforthilfen, die sofort verfügbar und jetzt schon auf den Konten von vielen Unternehmern gelandet sind, die extreme Transparenz in der Aufklärung, auch Angela Merkel mit ihrer Fernsehansprache: zu keinem Zeitpunkt hatte man das Gefühl von Panik, all das hat meiner Meinung nach große Kompetenz und Sicherheit vermittelt. So sehr die Deutschen immer jammern, wie viel mies läuft – in dieser Krise sieht man im weltweiten Vergleich, was ein unfassbarer Segen es ist, in Deutschland zu leben.

9. Was macht dir, euch, den Kindern – trotz Corona – gerade gute Laune?

Uns macht die gemeinsame Zeit gute Laune, das Werkeln im Garten – und dass wir so viel zusammen backen und kochen.

10. Auf einer Skala: Wenn 1 total gelassen ist und 10 ultrapanisch – wo stehst du dann gefühlstechnisch, wenn du aktuell Nachrichten siehst?

Vier. Mich beunruhigt die Lage in anderen Ländern viel mehr als die Lage bei uns, ich habe das Gefühl, dass wir das alles gut im Griff haben, es werden auch weiterhin gute Maßnahmen eingeleitet, damit wir in Zukunft genauso gut dastehen. Ich mache mir wirklich mehr Sorgen um die Freunde im Ausland, die globalen Herausforderungen, wenn wir zum Beispiel in die USA blicken. Aber auch das, was ganz nah bei uns in Italien und Spanien passiert – das sind Bilder, die mich sehr belasten.

11. Wenn das alles vorbei ist, dann werden wir als erstes ...

... eine riesen-fette Party bei uns im Garten machen. Wir feiern jedes Jahr im Mai unsere Geburtstage zusammen – das wird ja vermutlich ausfallen dieses Jahr. Aber wir holen das nach, und dann so richtig!

12. Zeitreise in den April 2021. Was glaubst du, wie unser Leben in genau einem Jahr aussieht?

Wahnsinnig schwer zu sagen. Ich glaube, es wird nichts mehr so sein wie es heute ist, solange es keinen Impfstoff gibt. Ich hoffe sehr, sehr, sehr, dass wir dieses Jahr noch einen Impfstoff an den Start kriegen und die Menschen alle dadurch immunisiert werden können. Aber so oder so gehe ich davon aus, dass es ein bisschen wie bei 9/11 sein wird, da dachte man auch nicht, wie sich die Welt danach verändern würde – und heute ist das für uns alle ganz normal, dass wir zum Beispiel nicht mehr mit Flüssigkeiten reisen dürfen und mehr Zeit am Flughafen einplanen müssen. Ich hoffe trotzdem, dass es im April 2021 ein Stück neue Normalität geben wird und dass wir die globale Pandemie so weit eingegrenzt haben, dass die Wirtschaft wieder so gut dasteht. Vermutlich werden wir alle etwas demütiger sein, mehr zusammenhalten – und vor allem dankbarer für die einfachen Dinge sein.

Wer mehr über Sissi Hardenberg oder ihren Mann wissen möchte, findet die beiden bei Instagram: @sissihardenberg/@jasperberlin

Unsere Autorin

Claudia Weingärtner reiste jahrelang als Reporterin um die Welt. 2014 aber begann ihr größtes Abenteuer: Sie wurde Mama von Zwillingen. 

Seitdem übt sie täglich den Spagat zwischen Jobdingen und Kinderkram – und verarbeitet den Muskelkater und andere Konsequenzen u.a. in Briefen, die sie an ihre beiden Kinder schreibt und auf zwillimuddi.com veröffentlicht. Seit April 2020 ist sie Chefredakteurin von "Leben & erziehen".

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