Echte Eltern erzählen über ihre Corona-Zeit

"Corona bedroht unsere Existenz"

Wir wollten wissen, wie Mütter und Väter den Stayhome-Alltag stemmen. Und haben nachgefragt. In unserer neuen Serie "Echte Eltern erzählen" packt jeden Tag ein Elternteil aus, erzählt von gebrochenen Regeln, Chaos, Sorgen, aber auch Freuden in dieser außergewöhnlichen Zeit. 12 Fragen, 12 superehrliche Antworten – heute von Thomas Schirmer aus Leipzig.

Name: Thomas Schirmer (43), verheiratet mit Yvonne (42)
Kinder: Leticia (16), Leopold (14), Marisa (12), Anton (10), Levi (3)
Beruf: Franchisenehmer im Textileinzelhandel 
Wohnort: Leipzig

In den vergangenen Jahren lief es rund für Familie Schirmer: 2008 machten sich Mama Yvonne (42, Juristin) und Papa Thomas (43, Diplom-Betriebswirt) selbstständig, eröffneten den ersten deutschen Shop der französischen Kinderklamottenkette "Orchestra". Inzwischen hat das Unternehmer-Paar acht Shops und 50 Mitarbeiter in ganz Deutschland. Doch seitdem auch ihre Geschäfte komplett dicht bleiben müssen, haben auch die Schirmers – wie so viele Selbstständige – echte, existenzielle Sorgen. Der Kredit für das Haus (250qm) am See, in das die Familie 2018 zog, muss trotzdem weiter abbezahlt werden. Und die gemeinsamen fünf Kinder zu ernähren, das kostet auch nicht weniger Geld als vor der Pandemie ... Mit welcher Idee sie jetzt versuchen, die finanzielle Durststrecke zu überbrücken, hat Vater Thomas uns erzählt. 

1. Hand aufs Herz: Wie lange lieft ihr heute im Schlafanzug durch die Bude?

Ich selbst besitze ehrlich gesagt gar keinen… Aber unser kleinster (Levi) ist aber schon manchmal bis mittags im Schlafanzug unterwegs. Ansonsten hat sich unsere Aufstehzeit von 6 Uhr mittlerweile auf 7.30 Uhr nach hinten verschoben. Das ist auch das einzige, was man im Moment der Situation an Positiven abgewinnen kann.

2. Chips zum Frühstück, iPad zum Nachtisch: Welche Regel, die du sonst ernst nimmst, hast du heute ohne schlechtes Gewissen gebrochen?

Gestern haben wir spontan am Abend den Grill rausgeholt und ein paar wirklich leckere Burger gegessen. Sowas passiert sonst unter der Woche nie. Da fehlt einfach die Zeit. Okay, ich korrigiere Punkt 1, das wäre dann noch ein weiterer positiver Aspekt der Corona-Krise. Am Abend gibt‘s jetzt gelegentlich auch mal einen Film auf Netflix für die Kinder – das wäre sonst unter der Woche auch undenkbar.

3. Was war der größte Fauxpas, das tiefste Tief seit Beginn der #Stayhome-Phase?

Es fing ja schon seit Wochen an, ungemütlich zu werden. Ich erinnere mich, dass Mitte März fast täglich Nachrichten reinkamen, in welchen Ländern was geschlossen wird. Der Tiefschlag war dann tatsächlich der 18. März, als wir erfuhren, dass alle Einzelhandelsgeschäfte geschlossen werden. Da es hier um unsere Existenz geht, hat uns das natürlich schon erstmal etwas runtergezogen. Zum Glück hat das nicht sehr lange gedauert und wir haben uns überlegt, wie man das beste aus der Situation machen kann und sich geschäftlich über Wasser halten kann. Wir verkaufen jetzt per Video-Anruf direkt aus dem Shop an unsere Kunden. Es ist eine kleine Einnahme, kompensiert aber bei weitem nicht die Verluste.

4. ... und der schönste, innigste, emotionalste Moment?

Naja, die permanente Anwesenheit aller Familienmitglieder im Haus sorgt eher für leichte Anspannung als für emotionale Momente, wenn man ehrlich sein darf. Einer der schönen Momente war der Tag, an dem wir mit unseren Sohn Leopold seinen 14. Geburtstag gefeiert haben. 

5. Dein ultimativer Tipp für alle Eltern, die zwischen Homeoffice und Homeschooling mal 30 Minuten Ruhe wollen?

Netflix und Amazon Prime. Ansonsten versuchen wir jeden Tag, und die Skateboards und Räder zu schnappen und raus zu gehen, wir haben zum Glück den See vor der Tür.

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6. Was treibt dich gerade so richtig in den Wahnsinn?

Die geschäftliche Ungewissheit und die angeblichen schnellen und einfachen Hilfsprogramme von Bund und Ländern. Im Endeffekt machen die gar nichts, außer Kredite eventuell anzubieten. Wir haben aktuell Umsatzausfälle von mehreren hunderttausend Euro im Monat – der März und der April sind sehr starke Monate im Textilhandel. Was soll ist da bitte schön mit Krediten, die ich irgendwann zurückzahlen muss? Damit versucht man lediglich kurzfristig Firmenpleiten zu verhindern, um zu zeigen, dass "es doch alles nicht so schlimm ist, wir kümmern uns". Mittel- und langfristig werden die Kosten aber von uns Selbständigen und Unternehmern getragen. Auf der anderen Seite gibt es im Handel Konzerne wie Amazon, die von der Lage enorm profitieren und ihre Steuern dann gern auch mal wo anders bezahlen. Für uns sind die Hilfeprogramme reine Heuchelei und ein Witz. Der zweite Punkt ist, dass man jetzt versucht, Händler wie Adidas oder H&M fertig zu machen, weil die keine Mieten bezahlen. Wir zahlen gerade auch keine, und ich kann das gut verstehen. Geschädigt werden dadurch nicht kleine Vermieter, sondern milliardenschwere Immobilienfonds, denen unsere Shopping-Center und Innenstädte gehören. Plötzlich entdeckt der Finanzminister seine soziale Ader und stellt die Einzelhändler an den Pranger?! Wahrscheinlich hat er eher Panik, dass die Fonds-Gesellschaften Ansprüche bei der Bundesregierung für ihre Mietausfälle geltend machen. 

7. Die größten Sorgen mache ich mir um ...

... unsere Eltern, die über 60 beziehungsweise über 70 Jahre alt sind. Irgendwann wird der Virus große Teile der Gesellschaft treffen, ich hoffe, dass sie verschont bleiben. Wir versuchen, sie dabei soweit wie möglich zu unterstützen, machen zu Beispiel die Lebensmitteleinkäufe und Besorgungen für sie.

8. Wäre ich Politiker, würde ich jetzt ...

... dafür sorgen, dass Risikogruppen und ältere Menschen nicht eingesperrt, aber geschützt und versorgt werden. Staatliche finanzierte Lieferdienste wären hier sinnvoll, anstatt auf freiwillige Hilfe von Nachbarn zu setzen. Die Wirtschaft würde ich so schnell wie möglich unter besonderen Schutzmaßnahmen (Abstand, Mundschutz, Desinfektion, etc.) wieder anlaufen lassen.

9. Was macht dir, euch, den Kindern – trotz Corona – gerade gute Laune?

Die gemeinsame Zeit im Haus und auch draußen hat auch ihre positiven Momente. Momentan wird sehr viel bei uns gebacken. Die Mädchen sind da sehr engagiert.

10. Auf einer Skala: Wenn 1 total gelassen ist und 10 ultrapanisch – wo stehst du dann gefühlstechnisch, wenn du aktuell Nachrichten siehst?

7 – Ich versuche aber seit ein paar Wochen kaum noch Nachrichten zu konsumieren. Das gelingt tageweise auch sehr gut. Das kann man allen nur als Tipp geben. Das Leben fühlt sich dann wieder besser an. Vor drei Wochen habe ich die Push-Mitteilungen der Nachrichten-Apps deaktiviert. Als es um die 20 solcher Nachrichten am Tag gab, hat es gereicht.  

11. Wenn das alles vorbei ist, dann werden wir als erstes ...

Leider wird es den Tag X nicht geben. Es wird ein langsamer Prozess werden. Trotzdem wären dann ein Essen im Restaurant und ein Besuch im Fußballstadion die ersten Aktionen.

12. Zeitreise in den April 2021. Was glaubst du, wie unser Leben in genau einem Jahr aussieht?

Sicherlich wieder normaler als jetzt. Mit den Folgen werden wir noch sehr lange zu kämpfen haben. 

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Unsere Autorin

Claudia Weingärtner

Jahrelang reiste sie als Reporterin um die Welt. 2014 aber begann ihr größtes Abenteuer: Sie wurde Mama von Zwillingen.

Seitdem übt sie täglich den Spagat zwischen Jobdingen und Kinderkram – und verarbeitet den Muskelkater und andere Konsequenzen u.a. in Briefen, die sie an ihre beiden Kinder schreibt und auf zwillimuddi.com veröffentlicht. Seit April 2020 ist sie Chefredakteurin von "Leben & erziehen".

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