Weihnachts-Bräuche

Alle Jahre wieder? So schaffen sich Familien neue Traditionen an Weihnachten

Kaum ein Fest ist mit so vielen Traditionen verbunden wie Weihnachten. Doch immer mehr Familien lösen sich von alten Gewohnheiten und entwickeln eigene, neue Rituale. Wir haben Beispiele gesammelt, die zeigen, wie Weihnachten ganz anders laufen kann.

Patchwork-Fest mit Video-Telefonaten

An unserer Weihnachtstafel werden dieses Jahr neun Personen sitzen: Mein Mann und ich, unsere kleine Tochter, seine große Tochter und ihre Mama, deren Lebensgefährte, ihr Bruder und ihre Eltern. Wie auch schon im letzten Jahr. Für uns ist es der perfekte Patchwork-Weihnachtsabend. Und obwohl die Großeltern unserer Tochter nicht anwesend sind, fehlen sie an diesem Abend nicht. Sie sind virtuell dabei, denn üblicherweise fliegen im Halbstundentakt die Fotos durch die WhatsApp-Gruppen, und nach dem Festmahl folgt der Video-Telefon-Marathon.

"Das Beste aus allen Welten", sagt mein Mann dazu – und er hat Recht. Denn an diesem besonderen Abend werden Traditionen durchaus gepflegt: Die Christbaumkugeln stammen noch von meiner Oma, wir singen schief, aber mit Inbrunst Weihnachtslieder, und vermutlich schneit in diesem Jahr – unsere Tochter ist zwei Jahre alt – auch der Weihnachtsmann zum ersten Mal rein. So weit, so klassisch. Und die Patchwork-Kombi, bei der beide Mädchen ihr Fest mit beiden Elternteilen verbringen können, funktioniert dabei erstaunlich harmonisch.

Weihnachtsrituale ändern sich, wenn neue Personen dazukommen

"Das klassische, bekannte Weihnachtsritual ändert sich für Menschen immer dann, wenn die Personen sich ändern, die am Fest beteiligt sind", sagt der Soziologe Christian Stegbauer von der Universität Frankfurt. Wenn ein Kind geboren wird und dazu kommt oder eine Person, die traditionell dabei war, plötzlich nicht mehr da ist, sind das Zäsuren, an denen Rituale neu entwickelt werden.

Wenn das Christkind Federn lässt...

Genau so war es bei der zweifachen Mama Julia Schnippenkötter (38) aus Bochum. Als erklärter Weihnachtsfan mochte sie es schon immer, ihr Haus üppig zu dekorieren. Nach der Geburt von Töchterchen Mila (heute 4) entwickelte die Familie ein neues Ritual, das alle Anwesenden mit einbezieht: den Christkind-Besuch. Und der geht so: "Mila steht mit beiden Omas und mit ihrem Bruder Leo (1) im Kinderzimmer am Fenster. Dort halten sie alle nach dem Christkind Ausschau", erzählt Julia. Die Opas leuchten draußen mit einer Taschenlampe in die Bäume, und die Kinder glauben das Christkind zu sehen und verfolgen gebannt den Lichtkegel.

In der Zwischenzeit legen Julia und ihr Mann die Geschenke unter den Baum und streuen Federn aus, die der himmlische Besuch bei seiner Stippvisite verloren hat. Wenn alles bereit ist, klingelt ein Opa mit dem Glöckchen. "Die Kinder kommen dann unglaublich aufgeregt aus ihrem Zimmer gelaufen und jauchzen los, wenn sie die Federn sehen. Sie suchen im ganzen Haus nach dem Christkind und bemerken die Geschenke auch erstmal gar nicht. Ihre Freude zu spüren, ist für uns alle das schönste Geschenk", freut sich Julia.

Waisen-Weihnacht gegen die Einsamkeit zum Fest

Ein Fest im trauten Familienkreis gibt es für die in Berlin lebende Künstlerin und alleinerziehende Mutter Julieta Aranda (45) schon lange nicht mehr. Sie hat vor vielen Jahren begonnen, die Bedeutung von Weihnachten auf besondere Art in ihren eigenen vier Wänden umzusetzen. Sie feiert eine "Waisen-Weihnacht" und öffnet ihre Türen für all die Menschen aus ihrem Bekanntenkreis, die sonst allein wären. "Ich habe selbst keine Familie mehr und musste einmal ein ziemlich trauriges, einsames Fest feiern. Danach überlegte ich mir, dass es anderen Menschen sicher auch so geht und kündigte meine erste Waisen-Weihnacht an", erzählt Julieta.

Um die 30 Personen saßen bei der Premiere an ihrer Tafel, fortan feierte sie jedes Jahr auf diese Art. Das änderte sich auch nicht, als vor fünf Jahren ihr Sohn León auf die Welt kam. "Er liebt das Fest genauso sehr wie ich", sagt Julieta.

Trotz der besonderen Feier werden alte Bräuche gepflegt: "Jeder, der kommt, bringt ein Geschenk mit, wir singen und es gibt einen Weihnachts- baum." Allerdings sieht der bei ihr und León anders aus: "Wir nutzen nie echte Pflanzen, sondern basteln uns den Baum, den mein Sohn sich wünscht. Im letzten Jahr war es ein Raumschiff-Baum." Für dieses Jahr hat Julieta übrigens schon wieder Anfragen bekommen. "Ich rechne dieses Mal mit 15 bis 20 Gästen", sagt Julieta.

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Riesenparty statt stiller Nacht

In noch größerer Runde feiern Chantal Delgado und ihr Mann David (beide 41) aus Sprockhövel (NRW). Das Paar entflieht dem heimischen Festtagstrubel seit Jahren und fährt mit den beiden Söhnen Lenn (5) und Neo (8) in die kleine Gemeinde Maria Alm nach Österreich. Dort wartet eine riesige Gesellschaft aus alten Bekannten, inklusive Chantals Vater, Mutter und Schwester.

"Mein Papa trifft sich seit über 45 Jahren mit Studienfreunden aus Berlin an Weihnachten in dem immer gleichen Hotel. Mittlerweile kommen auch die Kinder und Enkel der Freunde mit, wir sind fast 50 Personen", berichtet Chantal. Natürlich gibt es einen Baum und Geschenke, doch niemand muss sich Gedanken um das Festmahl oder die Dekoration machen – denn all das übernimt die Hotel-Besitzerin. "Die meisten aus der Gruppe sehen sich nur einmal im Jahr, eben an Weihnachten", sagt Chantal. "Aber für uns ist es die schönste Art, das Fest zu feiern."

Was an Weihnachten wirklich zählt...

Letztlich aber ist es nicht wichtig, ob alte Traditionen gepflegt oder neue Rituale geschaffen werden. Denn an Weihnachten zählen – um im aktuellen "Sprech" zu bleiben – nur die vier "G"s: Gemeinsamkeit, Geborgenheit, Gemütlichkeit und Glück.

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Unsere Autorin

Andrea Leim

Andrea Leim arbeitet seit mehr als 20 Jahren für verschiedene Redaktionen, hauptsächlich im Bereich Kinder, Kultur und Krachmusik. Ihre Freizeit verbringt sie am liebsten mit ihrem Mann bei Konzerten, zu Hause rockt ein kleiner Lockenkopf ihr Leben als Mama.

Andrea hat mit "Die Geschichte deiner Geburt: Mein Brief für dich" das erste Leben & erziehen-Buch geschrieben. Es ist im April 2021 erschienen.

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