"Phantomschreien"

Warum du als Mama nicht mehr länger als zwei Minuten duschen wirst ...

War das das Baby? Das war das Baby! Autorin Silke Schröckert weiß, warum Mamas nicht mehr länger als zwei Minuten duschen. Erwischt!

Ausgiebig und in Ruhe duschen – klingt für viele Mütter verlockend.
© Foto: Getty Images/Zero Creatives
Ausgiebig und in Ruhe duschen – klingt für viele Mütter verlockend.

Auf einer proseccoreichen Abendveranstaltung heulte sich einmal eine junge Mutter bei mir darüber aus (und ich weiß bis heute nicht, wie wir damals auf das Thema kamen, vermutlich war sie unzufrieden mit ihrer Frisur), dass sie mit ihrem ein paar Monate alten Baby nicht in Ruhe Haare waschen konnte. Ständig dachte sie, das Kind würde weinen, sprang aus der Dusche und lief nass und nackt durch die Wohnung – nur, um festzustellen, dass ihr in neun von zehn Fällen die Fantasie einen Streich gespielt hatte. "Phantomschreien" nannte sie das Phänomen.

Wird man wirklich so gaga, nur weil man ein Kind in die Welt setzt?

Ich hatte zu diesem Zeitpunkt noch keine Kinder, fand die Geschichte übertrieben und die Phantomschreierei lächerlich. Wie lernresistent kann man bitte sein, wenn man bereits eruiert hat, dass es sich in 90 Prozent der Fälle um falschen Alarm handelt? Und selbst wenn das Baby wirklich ausgerechnet in den zehn Minuten losbrüllen sollte, in denen man kurz duschen geht: Es wird schon nicht kaputt gehen. Wird man wirklich so gaga, nur weil man ein Kind in die Welt setzt? Wasch deine Haare und stell dich nicht so an, fremde Frau!

Dann wurde ich selbst Mama ...

Als ich die ersten Tage mit unserem Sohn zu Hause war und mein fettiger Haaransatz bereits bis zu den Spitzen reichte, fiel mir dieses Gespräch wieder ein. Und ich spürte das Bedürfnis, mich bei der fremden Mutter zu entschuldigen. Nicht, dass ich etwas Falsches zu ihr gesagt hätte. (Den Stell-dich-nicht-so-an-Teil hatte ich zum Glück nicht laut ausgesprochen.) Aber allein meine abwertenden Gedanken taten mir plötzlich, mit jeder Menge neuer Emotionen im Körper, leid. Noch heute, mit über sieben Jahren Mama-Erfahrung, gehe ich ab und zu nachts in eines der Kinderzimmer, weil ich mir einbilde, ein Geräusch gehört zu haben. Oder weil ich zu lange gar nichts gehört habe. In den allerersten Wochen aber war sie permanent präsent, diese leise Stimme im Kopf, die fragte: „War das das Baby? Hat das Baby gerade dieses Geräusch gemacht? Kannst du wirklich mit absoluter Sicherheit ausschließen, dass es nicht das Baby war?

GEH LIEBER NOCH MAL HIN UND SIEH NACH, DU RABENMUTTER!

Um meine eigene Frage zu beantworten: Ja, man wird gaga, wenn man ein Kind in die Welt setzt. Und das ist okay. Denn dieses eine von zehn (oder zwanzig) Malen, wenn wirklich das Baby geschrien hat, und wenn du den kleinen, bebenden Körper an dich drückst und allein mit deiner Nähe, deiner Wärme und deiner Stimme langsam, aber sicher beruhigen kannst, bis er sich gleichmäßig atmend in deinem Arm entspannt und dir das wunderbare Gefühl gibt, gerade das einzig Richtige getan zu haben – ja, dieser Augenblick macht jeden einzelnen Fehlalarm wieder wett. Selbst wenn du gerade nackt und nass und mit Shampoo im Haar den Kinderzimmerteppich volltropfst.

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