Brief an Corona

"Wir hatten von heute auf morgen kein Einkommen mehr"

Die Pandemie hat viel verändert: Sie ließ Träume platzen, ruinierte Existenzen, durchkreuzte Pläne. Wir haben mit Betroffenen gesprochen, was sie dem Virus zu sagen haben. Herausgekommen sind emotionale Briefe, die uns zu Tränen rührten. Hier berichtet eine Familie, die gerade einen Neustart in Hamburg wagen wollten.

Hallo Corona-Virus,

seitdem du da bist, steht unser Leben Kopf! Dabei bedeutete der Umzug aus der Schweiz nach Hamburg für unsere Familie schon genug Veränderung. Mein Mann Mio hatte eine Almhütte in den Bergen, doch damit unsere Kinder Lasse und Lilly in Hamburg zur Schule gehen können, haben wir ein neues Abenteuer gewagt und das alpin-mediterrane Restaurant "Palü" in Hamburg eröffnet. Das Lokal zum Laufen zu bringen war viel Arbeit neben den Kindern und der Fliegerei.

Ich habe uns nämlich zunächst mit meinem Job als Flugbegleiterin über Wasser gehalten. Lange waren wir am Limit, aber gerade auf dem aufsteigenden Ast. Doch dann kamst du, du unsichtbarer Chaot, das Restaurant musste schließen und ich bei der Lufthansa in Kurzarbeit. Gnadenlos: Corona bedeutete für uns von heute auf morgen quasi überhaupt kein Einkommen mehr! Wir mussten überlegen, wie es weitergeht, hatten schlaflose Nächte. Und keine wirkliche Perspektive.

Es liegt ja nicht an uns. Dazu die Angst vor einer Infektion. Die Kinder müssen zu Hause beschult und betreut werden. Lasse und Lilly zu motivieren, sich selbst zu organisieren, pünktlich ihre Aufgaben abzugeben und sich mit den Lehrern abzustimmen, ist eine extragroße Belastung. Und während des Lockdowns immer wieder die Frage: Wie können wir jetzt Geld verdienen? Also versuchten wir es mit To-go- und Lieferservice und mit einem Marktstand mit Engadiner Nusstorte. Selbst die Kinder halfen mit. Als wir wieder öffnen durften, strukturierten wir das "Palü" für die Wiedereröffnung um – auf Abstand, mit nur 50 Prozent Tischkapazitäten. Es läuft schleppend an, nicht kalkulierbar. Ob es sich lohnt, wenn der Vermieter nicht mit der Miete runtergeht, ist die große Frage.

Es ist ein Leben zwischen Sorgen, Ängsten und auch wieder Lachen, wenn wir mit den Kindern im Garten zelten oder eine Baumhütte bauen. Wir versuchen, uns selbst wieder aufzustellen, aber natürlich kommt es auch in der Familie zu Konflikten. Ich glaube, dass wir die Krise bisher ganz gut gewuppt haben, weil wir sehr ehrlich miteinander sind. Doch da ist weiterhin die Unsicherheit, was morgen ist. Wir versuchen, positiv zu bleiben, und hoffen darauf, dass du endlich abhaust und nie wiederkommst. Vielleicht warst du ja für irgendetwas gut. Wir werden sehen. Aber fehlen wirst du uns garantiert nicht!

Deine Sille mit Mio, Lasse und Lilly

Teil 2: "Ich trieb ab, weil ich in diese Welt kein Kind setzen will" Teil 3: "Wir mussten unsere lang geplante Weltreise mittendrin abbrechen"

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