Brief an meine kinderlose Freundin

"Du hast KEINE Ahnung, wie es mir gerade geht"

Wir sitzen alle im selben Boot? Von wegen! Unsere Autorin spürt: Wer keine kleinen Kinder hat, kann nicht im Ansatz nachvollziehen, was die Coronasituation mit jungen Eltern macht.

Wir trinken Wein, wie wir es immer tun, wenn wir uns sehen. Und trotzdem ist alles anders. Wir sitzen nicht in unserem Lieblingsrestaurant, sondern jede bei sich zu Hause auf der Couch. Ich sehe dich auf dem Bildschirm und muss sofort lächeln. Es tut so gut, mit jemand anderem als mit meinem Mann oder meinen eigenen Kindern zu reden. Wir lachen und kichern und lästern. Es ist einfach schön. Bis du diesen Satz sagst. "Mir tut das so gut gerade", betonst du, als sollte ich dich dazu beglückwünschen, zu dir selbst gefunden zu haben. Und dass du "fast erleichtert" seist, dass es jetzt erst mal so weiter geht. Homeoffice statt Arbeitsalltag, gemütliche Abende auf der Couch statt Freizeitstress – du beginnst, richtig zu schwärmen von deiner "Coronaauszeit", wie du es nennst.

Ich höre gar nicht mehr richtig zu. Und frage mich, ob du MIR je richtig zugehört hast. In den letzten Wochen, in denen ich probiert habe, in Worte zu fassen, was hier zu Hause los ist. Wie ich langsam, aber sicher an mein Limit komme. Weil ich eigentlich arbeiten sollte, während ich eigentlich auf meine Kinder aufpassen müsste, und eigentlich mit ihnen Schularbeiten zu erledigen hätte. Nichts von dem mache ich richtig, also ist im Endeffekt alles falsch. Und genauso fühle ich mich. Seit Wochen.

"Ich weiß, wie anstrengend es für DICH sein muss", sagst du jetzt. Und ich weiß sofort, dass du das nicht einmal im Ansatz wissen kannst – denn sonst hättest du die letzten Minuten deinen Mund gehalten. Und nicht über diese neue Netflix-Serie geredet, die so toll ist, dass ich sie unbedingt auch gucken muss.

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Ich habe keine Zeit, Netflix-Serien zu gucken. Ich habe in Wahrheit nicht einmal Zeit für dieses Video-Telefonat mit dir. Denn während wir reden, müsste ich eigentlich die Mails beantworten, die seit heute Mittag in meinem Postfach warten. Die mit dem Hinweis "dringend". Doch dann kam der Ruf aus dem Kinderzimmer, weil meine Tochter vom Hochbett gefallen war. Und als ich sie getröstet hatte, war mein Sohn beleidigt, weil ich keine Zeit mehr zum Lego-Bauen hatte. Als beide weinten, habe ich mitgeweint. Weil meine Akkus alle sind, meine Reserven aufgebraucht. Und mein Verständnis für deine Plattitüden jetzt auch. "Ist es nicht auch schön, so viel mit deinen Kindern machen zu können?", fragst du jetzt. Es ist die freundliche Version von dem Vorwurf "Die Mütter sollen sich jetzt mal nicht so anstellen, dass sie tatsächlich Zeit mit ihren Kindern verbringen müssen." Und ich bin fassungslos, WIE wenig du in Wahrheit meine Situation nachvollziehen kannst. Mir wird schlagartig klar, wie sehr wir beide uns in dieser surrealen Zeit voneinander entfernen. Und dass mir leider die Kraft fehlt, darüber mit dir zu reden.

Als meine Tochter aus dem Kinderzimmer ruft, bin ich ehrlich erleichtert. "Tut mir leid, sie ist aufgewacht, ich muss aufhören", sage ich.

Und drücke dich weg, ohne Tschüs zu sagen.

Wir haben diesen Text auf Wunsch der Autorin anonym veröffentlicht. Ihr Name ist der Redaktion bekannt. 

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