Brief zum Muttertag

"Liebe Mama, ich will in Deinen Arm"

Unsere Autorin vermisst ihre Mama. Seit über einem Jahr hat sie sie pandemiebedingt nicht richtig mehr umarmt. Zum Muttertag hat sie ihr einen Brief geschrieben – und eine Erkenntnis, die sie vielleicht Corona zu verdanken hat.

Liebe Mama, 

im Mai 1983 wollte ich in Deine Arme, wenn ich bei meinen ersten Schritten hingeplumpst bin, und nicht alleine wieder aufstehen konnte.

Im Mai 1985 wollte ich in Deine Arme, damit Du mir zeigst, dass Du nicht nur meine kleine, neugeborene Schwester lieb hast, sondern auch mich, Deine Erstgeborene.

Im Mai 1988 wollte ich in Deine Arme, damit Du mich vor der Schule beschützt – und mir versprichst, dass ich für immer in diesem kuscheligen Kindergarten bleiben darf und bitte niemals in die erste Klasse muss.

Im Mai 1993 wollte ich in Deine Arme, weil ich Dein Lob und Deinen Stolz brauchte, nachdem ich meine Theater-AG-Premiere („Alibaba und die 40 Räuber“) hinter mir hatte. 

Im Mai 1995 wollte ich in Deine Arme, als Papa uns sagte, dass er aus- und mit seiner neuen Freundin zusammenzieht.

Im Mai 1997 wollte ich in Deine Arme, als meine erste große Liebe Marco mich betrog, und ich vor lauter Wut den Spiegel im Bad zertrümmerte. 

Im Mai 1999 wollte ich manchmal nicht in Deine Arme, weil ich ganz und gar nicht einsehen wollte, dass die Entscheidungen, die Du für mich trafst, die einzig richtigen waren. Und kiffen & klauen vielleicht doch nicht so cool sind. 

Im Mai 2003 wollte ich in Deine Arme, weil wir uns so lange wie nie zuvor nicht gesehen hatten, nach diesem Auslandsjahr in Spanien. 

Im Mai 2006 wollte ich in Deine Arme, als mein bis oben voll gepackter Fiesta ausgerechnet beim Umzug nach Berlin auf halber Strecke schlapp machte.

Im Mai 2015 wollte ich in Deine Arme, wenn ich wieder mal die ganze verfluchte Nacht nicht geschlafen hatte, weil Deine Enkel-Zwillis zeitgleich zahnten.

Im Mai 2019 wollte ich in Deine Arme, weil ich auch ein knappes Jahr nach dem Auszug Deines Schwiegersohnes manchmal noch immer nicht begriff, dass meine Ehe tatsächlich gescheitert war.

Im Mai 2020 wollte ich in Deine Arme – und durfte es das erste Mal seit knapp 38 Jahren nicht. Weil Du zur Risikogruppe zählst, wir Dich nicht gefährden wollten. Ich hasste es, nicht einfach ins Auto zu steigen, die 420 Kilometer zu Dir zu fahren, vor Deiner Tür stehen und Dich überraschen zu können. Wir ahnten nicht im Ansatz, wie lange uns dieser Mist noch begleiten würde.

Im Mai 2021 will ich in Deine Arme, und dieses Mal fahre ich zum Muttertag tatsächlich zu Dir. Wir haben beide die erste Impfung hinter uns, wir werden uns vorher testen – und trotzdem weiter vorsichtig sein, denn alles andere wäre jetzt auf den letzten Metern verrückt, wo doch das Licht am Ende des Tunnels immer heller wird.

Ich hätte es nicht für möglich gehalten, wie unfassbar schwer es ist, sich derart zurückzuhalten. Denn in den letzten Monaten habe ich nach fast vier Jahrzehnten auf dieser Welt immer wieder gemerkt, wie stark dieser Ur-Instinkt ist: Dass ich mich automatisch, wann immer es mir schlecht geht, nach Deiner Nähe sehne, und Dich schon 10000x gedanklich umarmte, ohne dass Du es auch nur ansatzweise mitgekriegt hast. Egal, wie alt ich war oder bin: Der Gedanke an Deine beschützende Umarmung ist Trost, ist Liebe. 

Heute geht es mir nicht schlecht. Ja: Ich bin wie so ziemlich alle Eltern mit kleinen Kindern platt von der schlicht nicht stemmbaren Doppelt- und Dreifachbelastung. Aber es geht mir und auch Dir besser als vielen anderen Menschen in dieser krassen Zeit, und dieser Kommerzmist an Muttertag hat uns beide noch nie interessiert. Trotzdem will ich endlich wieder in Deine Arme, will Dich drücken und Dir danken, dass es Dich, dass es mich, dass es uns gibt. Was mir bleibt ist, das heute ohne Berühungen, dafür noch immer mit FFP2-Maske zu sagen.

Und in die Welt herauszuschreien, dass Du die beste Mama bist, die man sich wünschen kann. 

Ich hab Dich lieb. 

Deine Claudi

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Unsere Autorin

Claudia Weingärtner

Jahrelang reiste sie als Reporterin um die Welt. 2014 aber begann ihr größtes Abenteuer: Sie wurde Mama von Zwillingen.

Seitdem übt sie täglich den Spagat zwischen Jobdingen und Kinderkram – und verarbeitet den Muskelkater und andere Konsequenzen u.a. in Briefen, die sie an ihre beiden Kinder schreibt und auf zwillimuddi.com veröffentlicht. Seit April 2020 ist sie Chefredakteurin von "Leben & erziehen".

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