Der verzweifelte Brief einer Alleinerziehenden

"Ich kann nicht mehr. Tut etwas für uns Familien. Jetzt!"

Unsere Autorin telefonierte mit einer lieben Freundin – und nach ein paar Minuten weinten beide. Denn das, was die Alleinerziehende am anderen Ende der Leitung unter Tränen erzählte, können gerade so oder ähnlich wohl viele Eltern nachfühlen. Auf unsere Bitte hat die junge Mutter* aus Hamburg ihre Schilderungen in einem Brief an Deutschlands Politiker zusammengefasst.

Hallo Ihr Experten in der Politik,

es ist Montag, ich starte gerade erst in die Woche und meine Akkus sind jetzt schon leer. Ich schlafe kaum, weil ich von 6 Uhr morgens bis 2 Uhr nachts arbeite – jedenfalls dann, wenn mein Kind es zulässt. Die kurzen Nächte sorgen dafür, dass ich dünnhäutig bin. So dünnhäutig, dass ausgerechnet der kleine Mensch es abbekommt, den ich am meisten liebe und der am wenigsten für diesen Mist kann.

Mein absoluter Tiefpunkt der letzten Wochen: Ich telefonierte mit einem Kunden, der kurz davor war, mir – wie fast alle anderen – mitzuteilen, dass er mit seinen Aufträgen bis auf unbestimmte Zeit aussetzen wird. Ich bin selbstständig, habe eine eigene Firma und musste schon 11 von knapp 30 Mitarbeiter in Kurzarbeit schicken. Zum ersten Mal in meinem Leben habe ich echte Existenzangst, und meine Panik wurde mir in genau diesem Telefonat bewusst. Im Hintergrund brüllte mein Sohn gerade zum gefühlt 30. Mal "Mamaaaaaa", und warf mir lautstark und durch die ganze Bude vor: "Immer musst Du telefonieren Mama!", forderte "Jetzt spiel endlich mit mir!"

Mir platzte der Kragen. Ich legte von jetzt auf gleich auf, ohne mich anständig zu verabschieden, stapfte wütend zu meinem Sohn, fasste ihn härter als beabsichtigt am Arm an und schrie ihn an, bis er sagte: "Mama, Du tust mir weh."

Ich erschrak so sehr über mich selbst, dass ich heulend zusammenbrach. Mein Sohn, gerade mal fünf Jahre alt, nahm mich in den Arm, streichelte mir die Haare und sagte: "So schlimm war es gar nicht, Mami."

Ich schämte mich so sehr. Ich kenne mich so nicht – normalerweise regele ich Konflikte reflektiert und ruhig. Würde mein Sohn jetzt Angst vor mir haben? Mir ist jetzt schon klar, dass ich diese Wochen des Ausnahmezustandes eines Tages therapeutisch aufarbeiten muss. Muss mein Kind das vielleicht auch?

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Ich bin alleinerziehend, und habe mich nie zuvor alleinerziehender gefühlt. Selbst beim Supermarktbesuch fühle ich mich diskriminiert. Da stehen Schilder, dass Einkaufen gerade kein Familienausflug ist. Hallo? Schon mal darüber nachgedacht, dass ich den Nachwuchs nicht wie einen Hund vor der Tür anbinden und alleine lassen kann?

Mein Kind hat seit sechs Wochen kein anderes Kind zum Spielen getroffen. Die Kita schreibt immer wieder, die Notbetreuung stehe nur zur Verfügung, wenn es nicht mehr anders geht. Bei mir geht es nicht mehr anders. Auch wenn mein Job vielleicht nicht systemrelevant ist: Die Seele meines Sohnes ist es, wenn auch nur für unser kleines System hier zu Hause. 

Deshalb schicke ich mein Kind ab morgen wieder zur Kita, davon haben wir beide mehr, obwohl mein Gewissen unendlich schlecht ist. Glücklicherweise gewährt Hamburg seit heute auch Alleinerziehenden die Betreuung in den eigentlich geschlossenen Kitas.

Es ist ein erster Schritt. Aber es darf nicht der letzte sein. Denn ob alleinerziehend oder nicht – am Ende hängt ein Großteil der Carearbeit an den Frauen, und ob Ihr es begreifen wollt oder nicht: wir sind Menschen, und keine Maschinen. 

Vergesst uns nicht, Ihr Experten in der Politik. Denn dann vergesst Ihr unsere Kinder.

Tut etwas. JETZT.

*Die Absenderin des Briefs bat uns, ihren Namen nicht zu veröffentlichen. 

Profilbild

Unsere Autorin

Claudia Weingärtner

Jahrelang reiste sie als Reporterin um die Welt. 2014 aber begann ihr größtes Abenteuer: Sie wurde Mama von Zwillingen.

Seitdem übt sie täglich den Spagat zwischen Jobdingen und Kinderkram – und verarbeitet den Muskelkater und andere Konsequenzen u.a. in Briefen, die sie an ihre beiden Kinder schreibt und auf zwillimuddi.com veröffentlicht. Seit April 2020 ist sie Chefredakteurin von "Leben & erziehen".

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