Home, bittersweet home

Lehrerin mit Kind: eine Zerreißprobe – powered by Corona

Arbeit, Schule, Haushalt, Freizeit und Familie: In Zeiten von Corona findet all das meist parallel zu Hause statt. Mama Marita Sauer, 39, Grund- und Hochschullehrerin, erzählt von ihrem neuen Alltag zwischen Kind, Karriere und Krise.

Die Coronakrise stellt uns vor viele neue Herausforderungen. Nichts ist mehr so (schön eingespielt), wie es mal war. Für die Kinder heißt das neben Homeschooling ja auch ganztägige Beschäftigung zu Hause. Da gibt es einiges extra zu wuppen. Und bleibt wie so oft an den berufstätigen Müttern hängen, die nun auch in den eigenen vier Wänden arbeiten.

Selbst die Küche bleibt jetzt nicht mehr kalt mit Kind und Papa im Homeoffice. Mehr Haushalt, mehr Betreuung, mehr Ideen. Ganz nebenbei mit zittrigem WLAN digital im Job performen. Man lernt ja nie aus. Und nicht vergessen: auch mal raus an die frische Luft – aber mit Abstand. Die Zerreißprobe macht aus der arbeitenden Mama eine achtarmige Supermanagerin für die ganze Familie. Wie gut, dass Frauen multitaskingfähig sind. So geht es Mutter und Pädagogin Marita Sauer in ihrem Corona-Kosmos:

Zu Hause hin und weg

"Der Tag fängt gut an. Man kann ausschlafen, die ersten Dinge im Schlafanzug erledigen, das sechsjährige Vorschulkind schläft noch, denn es ist sehr spät ins Bett gegangen. Ich stehe um neun Uhr auf. Mein Mann hat seine erste Telefonkonferenz hinter sich und zieht vom Wohnzimmer ins Schlafzimmer um.

So wird es bis 20 Uhr weitergehen. Ich belege nun das Wohnzimmer und mache nach dem ersten Kaffee zehn Minuten Morgenyoga. Frühsport? Unvorstellbar zu Nicht-Corona-Zeiten, denn als Grundschullehrerin bin ich sonst bereits um 7:30 Uhr in der Schule. Noch ist es ruhig, ich schalte den Rechner an, checke Mails und meinen Jahrgangschat auf WhatsApp, über den ich ständig in Kontakt mit allen Kolleginnen und Kollegen bin. Inzwischen haben wir uns auch in Microsoft-Teams eingearbeitet, telefonieren und schreiben E-Mails, sprechen über Vorgehensweisen, tauschen Material aus, helfen uns bei technischen Problemen, geben uns Feedback und vieles mehr."

Experten-Bild

Unsere Protagonistin

Marita Sauer unterrichtet Grundschüler in Englisch und Mathematik an der Schule an der Gartenstadt sowie Lehramtsstudierende in Fachdidaktik Englisch an der Universität Hamburg.

Alltag trifft neue Lehrmethoden

"Allerdings ist es bald mit der Ruhe vorbei, das Kind steht im Wohnzimmer und hat Hunger. Ich unterbreche meine Arbeit, Gedankengänge, Telefonate und bereite Frühstück zu. Danach versorge ich meine Schülerinnen und Schüler mit Material, schreibe Mails an die Eltern und arbeite mich in neumodische Unterrichtsmethoden ein. Leider muss das Kind jetzt Kacka. Ich lasse alles fallen und wische den Po ab. Danach drehe ich Erklärvideos mit Loom, vertone Powerpoints zum Karneval der Tiere und werde zum semiprofessionellen englischen Storyteller, der die Kinder per Video anregen soll, mitzusprechen und meine Gestik und Mimik nachzumachen. Hätte ich mir nie träumen lassen."

Weiter geht’s digital

"Das Kind ist immer noch nicht angezogen und hüpft leicht bekleidet um mich herum. Ich unterbreche meine Arbeit zum wiederholten Male und dränge zum Zähneputzen, Haare kämmen und anziehen. Schweißgebadet sitze ich sehr viel später nun mit dem Laptop auf dem Schoß auf dem Sofa, neben mir das Kind mit einer neuentdeckten Lernapp. Ich muss zum Glück nur sehr wenig helfen und das Lob kommt direkt aus dem Tablet.

Die Präsenzlehre meines zusätzlichen Jobs als Hochschullehrerin ist vorübergehend ausgesetzt worden, und wir stehen alle vor der technischen und didaktischen Herausforderung, Inhalte digital präsentieren zu müssen. Also habe ich auch dazu unzählige Telefonkonferenzen, Telefonate, E-Mails."

Nebenfächer: Kochen, Putzen, Bespaßen

"Ach ja, Hunger. Alle haben Hunger. Ich auch. Mal eben koche ich ein ausgewogenes Mittagessen und versuche, die gemeinsame Familienzeit bei Tisch zu genießen. Die Spülmaschine muss ausgeräumt werden. Wie jetzt jeden Tag. Vorher wurde hier kaum eine Mahlzeit zu sich genommen. Alle aßen extern: Kantine, Schule, Restaurant. Ich bin reif für den pädagogischen Mittagsschlaf. Ach Mist, das Schlafzimmer ist ja besetzt. Dann putze ich halt. Auch der Dreck wird bei der Dauerpräsenz aller nicht weniger, die Putzfrau kommt schon länger nicht mehr.

Dem Kind ist langweilig und nach dem ganzen Staub muss ich jetzt dringend an die Luft. Ich jogge und das Kind fährt mit dem Fahrrad nebenher. Es ist eher ein Slalom, damit wir den Abstand auch einhalten. Verschwitzt, aber etwas ausgeglichener, setze ich mich noch mal an die Arbeit, denn es ist einiges aufgelaufen in meiner Abwesenheit. Nach der Dusche landen wir gegen 20 Uhr zu dritt auf dem Sofa und gucken fern. In’s Bett geht’s, wenn wir müde sind. Der Tag endet gut."

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Distanzlos in der Grundschule

"Zur Notbetreuung war ich bisher nur einen Tag eingesetzt, denn an unserer Schule mit 560 Kindern müssen höchstens fünf täglich betreut werden. Wir haben versucht, das im Kollegium gerecht aufzuteilen.

In der Theorie absolut selbstverständlich und ein solidarischer Beitrag. Schließlich gilt es Kinder zu betreuen, deren Eltern darauf angewiesen sind und die 'den Laden am Laufen halten'. Auch viele andere Menschen arbeiten schließlich an der Front und setzen sich einem Risiko aus. Vor Ort wurde mir allerdings schnell klar, dass der Tag eine echte Herausforderung darstellen würde. Es standen mehrere Kolleginnen in dem engen Eingangsflur und meine erste Frage lautete: 'Wie komme ich jetzt an euch vorbei?'"

Mit Abstand am schwierigsten

"Später fand ich mich plötzlich zu viert in unserem winzigen Kopierzimmer wieder. Mit Abstand hatte das nicht viel zu tun! Und dann hieß es, die Kinder auf Distanz zu halten, sie voneinander großräumig zu trennen, ihnen noch etwas beizubringen oder sie an der frischen Luft sinnvoll zu beschäftigen.

Eine normale Interaktion war nicht möglich. Ich konnte mich über niemanden beugen, um etwas zu erklären. Ich konnte das kleine Mädchen nicht trösten, das hingefallen war. Mit sehr viel Distanz habe ich schließlich erklärt, wie man Weidenkränze flechtet. Dementsprechend waren die Ergebnisse. Für Grundschüler ist es verständlicherweise sehr schwer, die Abstand- und Hygieneregeln zu befolgen. Deshalb bestand daraus auch meine sehr anstrengende Haupttätigkeit. 'Frau Sauer, hast du dir weh getan?' Nein, meine Hände waren am Ende nur blutig vom vielen Händewaschen ..."

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Unsere Autorin

Antonia Müller

Schon als Schülerin hat Antonia Müller Bücher verschlungen, Theater gespielt, Geschichten geschrieben und Hörspiele vertont. Auf Germanistikstudium und Textschmiede folgten Redaktionsjobs für Internet, TV und Verlage.

Zwölf Jahre Kreation von erfolgreichen Ideen und Texten in der Werbung runden ihr Profil als Story Teller ab. Für Junior Medien schreibt sie heute Wissenswertes über Familie, Kind und Kegel. Was noch fehlt, ist ihre erste Romanveröffentlichung.

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