Seit Wochen unter Dauerbelastung

Corona-Eltern am Burnout-Abgrund

Seit Wochen geht ein Aufschrei durchs Netz: Unter dem Hashtag #CoronaEltern beklagen Mamas und Papas im ganzen Land, dass sie den pandemiebedingten Spagat zwischen Homeoffice und Kinderbetreuung schlicht nicht mehr stemmen können – auch die ersten Schul- und Kitaöffnungen helfen mit ein paar Stunden Betreuung pro Woche nur bedingt. Neben den finanziellen Sorgen hat die Doppelbelastung bei vielen auch psychische Folgen. Steht eine ganze Eltern-Generation am Burnout-Abgrund? Wir haben mit Betroffenen gesprochen – und eine Psychologin gefragt.

Es war an einem Montagmorgen, als wir telefonierten, und während meine fünfjährigen Zwillinge sich gerade lauthals um die letzte Erdbeere stritten, begann meine Freundin am anderen Ende der Leitung zu weinen. "Die Woche ist gerade einmal neuneinhalb Stunden alt, und meine Akkus sind jetzt schon leer", sagte sie. "Ich kann einfach nicht mehr."  Ich schlichtete den Erdbeer-Streit, indem ich den Kindern (zum gefühlt 9358. Mal in diesen Wochen) bestechend das iPad vor die Nase hielt, ließ mich in der Küche auf den Fußboden sinken und merkte, dass auch meine Augen feucht wurden, während ich weiter zuhörte.

Ich konnte so sehr nachfühlen, was sie sagte: Dass der Tag gerade 30 Stunden bräuchte, um all das unterzukriegen, was wir alle gerade in 24 zu pressen versuchen. Dass wir von sechs Uhr morgens bis Mitternacht arbeiten, aber eben immer nur dann, wenn die Kinder es zulassen. Dass wir nicht mehr nur auf dem Zahnfleisch gehen, sondern längst die Wurzel erreicht haben. Und das Gefühl, alles ein bisschen, aber nichts mehr richtig zu machen. Und keine einzige Minute mehr für uns selbst haben.

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"Wir wurden massiv aus der Komfortzone gezogen"

Meine Freundin zählt zu den liebevollsten Mamas, die ich kenne – und ist Geschäftsfrau mit eigener Firma in Hamburg. Der Grund für ihren Zusammenbruch war eine Situation, in der sie eindeutig Grenzen überschritten hatte. Ein Kunde hatte sie angerufen, wollte (wie alle anderen in den Wochen zuvor) die Aufträge für das nächste halbe Jahr stornieren. Während er ihr das mitteilte, rief ihr Sohn im Hintergrund gerade zum 35. Mal "Mama". Sie beendete das Gespräch mit dem Kunden, ohne sich richtig zu verabschieden, ging zu ihrem Kind, packte es am Arm und schrie, bis der Junge sagte: "Mama, Du tust mir weh." In ihrer Verzweiflung schrieb sie einen Brief an Deutschlands Politiker, den wir bei Leben & erziehen veröffentlichten.

Klar ist: Die Freundin, die ich an der Strippe hatte, ist keine Ausnahme. Sie und ich zählen zu den laut DIW etwa 4,2 Millionen Familien mit Kindern bis zu zwölf Jahren, bei denen beide oder alleinerziehende Elternteile erwerbstätig sind, und offenbar waren nicht nur wir beide, sondern Hunderttausende andere drauf und dran, an der doppelten, dreifachen Belastung zu zerbrechen: Den Job im Homeoffice zu stemmen, nebenbei die Kinder zu betreuen und den Haushalt zu schmeißen – und teils sogar auch noch Lehrer zu spielen.

Die Frage, die naheliegt

Treiben uns die Folgen des Coronavirus gerade kollektiv in den Wahnsinn – und steht eine ganze Eltern-Generation am Burnout-Abgrund?

"Veränderungen im Job, vielleicht weniger Einnahmen und dadurch finanzielle Sorgen, die Kinder 24/7 zu Hause, und in der Öffentlichkeit ist das Thema Corona mit Ängsten sehr präsent: Da prasseln auf einmal viele Dinge auf einen als Mama und Papa ein, viele werden gerade massiv aus ihrer Komfortzone gerissen. Es ist kein Wunder, dass ein Großteil der Eltern gerade an seine Grenzen stößt", sagt Psychologin Christina Löhnert. Seit über zehn Jahren behandelt die zweifache Mutter an der Oberberg-Fachklinik für Psychiatrie, Psychosomatik und Psychotherapie im Schwarzwald u.a. Menschen mit Erschöpfungsdepressionen – und ist sicher: "In den kommenden Monaten werden vermutlich nicht nur bei uns, sondern in vielen psychosomatischen Kliniken einige hinzukommen, die durch Corona ausgebrannt sind."

Eine, die genau das für sich selbst befürchtet, ist Katharina Mahrt (32) aus Berlin. Die Mutter eines dreijährigen Sohnes arbeitet als PR-Referentin bei einer Stiftung, ist noch in der Probezeit. Zusammen mit ihrem Mann kommt sie regulär auf knapp 70 Stunden Arbeitszeit pro Woche. "Unser ohnehin brüchiges Vereinbarkeits-Kartenhaus ist durch die Kitaschließungen und Kontaktbeschränkungen nun gänzlich in sich zusammengefallen", schreibt sie mir, "Das bedeutet für mich arbeiten bis zur Erschöpfung."

Nur klagen jedoch, das ist nichts für Katharina: Sie ist die Frau, die im April deutschlandweit bekannt wurde: Sie startete eine Petition bei change.org – und forderte von Bundeskanzlerin Angela Merkel 1000 Euro Corona-Elterngeld für alle betroffenen Eltern. Innerhalb einer Woche unterzeichneten knapp 50.000 Eltern den Eil-Appell.

Eine kleine zusätzliche Finanzspritze, dagegen hätte auch Sonja Kröll aus Lohmar (NRW) nichts. Für sie aber geht es gleich um die ganze Existenz: Am Valentinstag hatte die Illustratorin ihr eigenes Studio eröffnet, das sie auch als Coworkingspace vermarkten wollte – jetzt steht es leer. "Als ich das erste Mal hinfuhr, brach ich in Tränen aus, ich habe für diesen Lebenstraum nach 13 Jahren meinen Marketingjob gekündigt", sagt sie. Einen Ausweg sieht sie derzeit noch nicht.

Und noch immer kein Patentrezept für die kommenden Wochen

Einen kleinen Lichtblick gab es zumindest für meine Freundin: Sie kann sich inzwischen wieder etwas entspannter um ihre wenigen Kunden kümmern, die sie noch nicht verloren hat – ihr Sohn darf nämlich inzwischen in die Kita-Notbetreuung. Die Kita-Leitung reagierte glücklicherweise entspannt auf ihre Bitte, ihr zu helfen, obwohl ihr Job nicht systemrelevant ist. Und auch meine Zwillinge starten ab nächster Woche wieder in den Vorschulalltag – mit immerhin zwei Stunden Unterricht pro Tag. Aber dann stehen ja in einem guten Monat auch schon die Sommerferien vor der Tür. Sommerferien, die in Tausenden Familien vermutlich anstrengend werden wie nie zuvor: viele berufstätige Eltern haben ihre Urlaubstage in den vergangenen Wochen schon aufgebraucht – und ein Urlaub, eine Auszeit, die so viele gerade nötig hätten, lässt sich auch noch immer schwer planen.

Tatsächlich haben demnach auch wir kein Patentrezept für die kommenden Wochen, die demnach sicher auch weiterhin anstrengend werden. Dafür aber ein paar Tipps zur Seelenhygiene, die ziemlich leicht umzusetzen sind.

Experten-Bild

Unsere Expertin:

Christina Löhnert arbeitet seit 2010 an der Oberberg-Fachklinik für Psychiatrie, Psychosomatik und Psychotherapie im Schwarzwald, behandelte dort schon über 300 Patienten. Ihre Schwerpunkte: Burnout, Sucht, Trauma, Angsterkrankungen. Die Psychologin stammt aus Essen (NRW), und lebt mit ihrem Mann und ihren zwei Kindern (3 und 6) in der Nähe von Freiburg. Ihre Burnout-Prophylaxe-Tipps wendet sie im Übrigen auch bei sich selbst immer wieder an. Weitere Informationen über Christina findet Ihr unter christinaloehnert.de.

Zehn Burnout-Prophylaxe-Tipps für gestresste Eltern

  1. Egal wie viele Kinder morgens schon auf euch drauf liegen: Überlegt vor dem Aufstehen kurz, wofür ihr heute dankbar sein könnt (Gesundheit, Dach über dem Kopf, Familie etc.) – und genießt bewusst all das Gute, das schon da ist.
  2. Gebt euch nicht dem Selbstoptimierungswahn hin. Nobody is perfect, das wird immer so sein. Hört auf, es allen recht machen zu wollen (klappt eh nicht). Seid großzügig mit euch: Außergewöhnliche Situationen erfordern besondere Maßnahmen. 
  3. Haltet dreimal am Tag inne, und wenn es nur für eine Minute ist. Tief einatmen, doppelt so lange ausatmen. Funktioniert gut mit dem Handywecker. Fragt euch dabei, wie es euch selbst geht – und was das für den Tag heute bedeutet. 
  4. Installiert ein (am besten wöchentliches) Feedback-Gespräch mit dem Partner. Was lief gut, was lief nicht gut, was ist/wird/war wichtig? Wenn ihr alleinerziehend seid: Gibt es für das Gespräch eine vertraute Person, der es ähnlich geht?
  5. Führt ein Familientagebuch ein, in dem jeder festhalten kann, was ihm wichtig ist – und besprecht (zum Beispiel bei einem gemeinsamen Morgen- oder Abendkreis) die Dinge, die euch gut tun, aber auch, was ihr gerade vermisst.
  6. Seht zu, dass ihr so oft wie möglich etwas zu lachen habt (auch wenn euch im nächsten Moment schon wieder zum Weinen zumute ist). Und wenn ihr über das Sams oder Peppa Wutz lacht: Das baut sehr effizient Spannung ab!
  7. Bleibt im Hier und Jetzt. Die Angst nährt sich aus der Zukunft und ist alles andere als hilfreich. Aber Achtung: Wenn ihr Schlafstörungen habt, gar nicht mehr entspannen könnt, holt euch bitte unbedingt professionelle Hilfe.
  8. Wenn ihr nicht mehr weiter wisst, überlegt euch, was ihr eurem Kind in solch einer Situation sagen würdet. Wären es Sätze wie: "Reiß dich zusammen!", "Ein Indianer kennt keinen Schmerz!" – oder würdet ihr etwas unterstützender oder liebevoller reagieren? So liebevoll wie ihr zu euren Kindern seid (oder ungestresst gerne wäret), dürft ihr in erster Linie zu euch selbst sein. Wo wollt ihr sonst die Kraft hernehmen, dann noch unterstützende Eltern zu sein?
  9. Versucht (so gut es nur eben geht) die Dinge zu verändern, die ihr verändern könnt. Akzeptiert die Dinge, die ihr nicht ändern könnt und nehmt euch die Zeit die es braucht, das eine vom anderen zu unterscheiden.
  10. Um meine beste Freundin zu zitieren: "Jeder Tag hat 24 Stunden. Wir teilen sie nur unterschiedlich ein." Diese Krise ist eine Gelegenheit mal zu überprüfen, wie ich mir meinen Tag einteile. Wo setze ich Prioritäten? Was ist mir wichtig? Und wie gehe ich mit mir um...?
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Unsere Autorin

Claudia Weingärtner

Jahrelang reiste sie als Reporterin um die Welt. 2014 aber begann ihr größtes Abenteuer: Sie wurde Mama von Zwillingen.

Seitdem übt sie täglich den Spagat zwischen Jobdingen und Kinderkram – und verarbeitet den Muskelkater und andere Konsequenzen u.a. in Briefen, die sie an ihre beiden Kinder schreibt und auf zwillimuddi.com veröffentlicht. Seit April 2020 ist sie Chefredakteurin von "Leben & erziehen".

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