Deutsche Familie aus New York erzählt

"Die Stimmung ist apokalyptisch"

Die ganze Welt blickt auf New York – die US-Metropole ist besonders stark vom Coronavirus betroffen, laut Johns Hopkins University starben hier schon mehr als 5150 Menschen. Wir wollten wissen, wie sich das Leben im Big Apple verändert hat – und sprachen mit einer Familie aus New York.

Barbette Havriliak (59) und Tobias Everke (57) leben mit ihren Zwillingen Lena und Otto (12) in einem typischen New Yorker Townhouse im Stadtteil Harlem. Barbette hat eine Fotoagentur, ihre älteste Tochter Anya ist 29 und schon aus dem Haus, sie arbeitet in Denver als Rechtsanwältin. Tobias ist Fotograf, er produziert derzeit täglich Bildmaterial rund um Covid-19 für große Tageszeitungen und Wochenmagazine weltweit. Wie die deutsch-amerikanische Familie die Corona-Krise erlebt, hat sie uns im Interview erzählt. 

Wie hat sich das Leben in eurer Stadt verändert?

Barbette: New York hat sich durch Corona natürlich wie viele andere Städte weltweit enorm verändert, die Stimmung ist irgendwie etwas apokalyptisch. Jeder schaut jeden etwas misstrauisch an. Man betrachtet andere als mögliche Virenüberträger. Mein Mann ist beruflich gerade viel unterwegs, trägt fast ganztägig eine Maske. Unsere Kinder haben einen selbstgemachten Mundschutz, wenn sie mit den Hunden rausgehen, ich improvisiere auch mit Schals. Denn die Masken, die wir online bestellt haben, sind noch immer nicht angekommen. Zu viert gehen wir überhaupt nicht mehr raus. Das Einkaufen von Lebensmitteln ist schwieriger geworden, vor den Supermärkten sind sehr lange Schlangen, da nur eine bestimmte Anzahl von Kunden in den Laden darf, so dauert alles sehr lange. Aber jede Krise bringt auch Leute zusammen, wie in anderen Ländern stärkt sich auch bei uns das Gefühl von Gemeinschaft. Jeden Abend um 19 Uhr klatschen die Leute zwei Minuten lang, um die Krankenschwestern und Äzte zu unterstützen. 

Tobias, welche Situationen sind dir bei der Arbeit in den vergangenen Tagen besonders nah gegangen?

Tobias: Es gibt visuelle Momente und realle Situationen, die herausstechen. In den ersten Tagen, nachdem die Restaurants, Läden und Theater in New York geschlossen wurden, bin ich mit dem Fahrrad durch die Stadt gefahren. Mitten über die leeren Straßen, den Times Square und die Park Avenue. Da ich Tage vorher erst “I Am Legend” mit Will Smith gesehen hatte, kam ich mir an manchen Stellen vor wie in diesem Film. Dann habe ich das Verstauen von Corona-Opfern per Gabelstapler in einen Kühllastwagen vor einem Krankenhaus fotografiert. Und war ein paar Tage später in einem Bestattungsunternehmen in Brooklyn, die nicht mehr wissen, wo und wie sie die Mengen von Toten lagern sollen. In solchen Situation scheint einen die Kamera irgendwie zu beschützen, denn man macht seinen Beruf und berichtet. Erst später wird sich herausstellen, wie lange solche Bilder bei mir bleiben und wie sie sich auswirken.

Lena & Otto: Wie erlebt ihr beide den Ausnahmezustand?

Lena: Die Krise fing gerade vor unserem "Spring Break" an. Meine Schule hat uns zwei Tage lang auf "distant learning" vorbereitet und uns dann vier Tage vorzeitig in die Ferien geschickt. Seit einer Woche hätten wir jetzt eigentlich wieder Schule, aber die hat natürlich zu, deshalb machen wir zu Hause die Aufgaben, die wir von den Lehrern bekommen. Ich sitze im Esszimmer, mein Bruder in der Küche. Unsere zwei Rauhaardackel sind im Keller, weil sie sonst immer bellen und uns von den Hausaufgaben abhalten würden...

Otto: Am Anfang war es etwas chaotisch, ich habe direkt am ersten Tag nach den Ferien hier zu Hause aus Versehen ein Glas Wasser über meinen Schul-Laptop geschüttet, den ich eigentlich für die Hausaufgaben benutzen wollte. Er musste erstmal ein paar Stunden lang trocknen, meine Mum hat mir ihren alten Rechner zur Überbrückung geliehen. Und dann ist heute auch noch Lenas Computer vom Tisch gefallen, ihr Kopfhörerkabel ist abgerissen, mit dem kleinen Stecker noch im Computer. Zum Glück konnte Papa das mit einer Pinzette wieder retten. 

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Barbette, ist die Krise auch in deinen Auftragsbüchern schon angekommen?

Barbette: Zum Glück nicht. Da manche unserer Kunden Tageszeitungen sind, haben wir sogar mehr zu tun. Meine Angestellten arbeiten gerade sicherheitshalber von zu Hause, was die Arbeit nicht einfacher macht. Magazine, die nicht über Tagesgeschehen berichten, machen weiterhin ihre regulären Geschichten, zu denen wir Fotos und Informationen liefern. Ob sich die Corona-Krise langfristig bei den Auflagszahlen bemerkbar macht, weiß ich nicht. Vielleicht lessen die Menschen jetzt mehr. Wäre schön.

Wie ist Euer Tagesablauf zurzeit?

Barbette: Wir stehen etwas später auf, 6.30 statt 5.45 Uhr, von 7 bis 7.30 Uhr gibt es Frühstück. Lena meldet sich um 7.45 Uhr online an, Otto um 8 Uhr. Dann mache ich die Wäsche, setze mich gegen 8.30 Uhr, spätestens 9 Uhr an den Schreibtisch. Tobias geht morgens immer noch kurz mit den Hunden in den Park und verlässt gegen 10 Uhr das Haus, ist dann den ganzen Tag als Fotograf in der Stadt unterwegs. Da die Kinder beide gleichzeitig Mittagspause haben, lunchen wir zusammen, das ist sehr schön. 

Habt Ihr Corona-Infizierte oder Freundes- und Familienkreis?

Tobias: Ja, der Sohn meines Bruders war einer der ersten Corona-Patienten in Berlin, lag wochenlang in der Charité. Jetzt wurde er zum Glück entlassen, es geht ihm wieder gut. Hier in New York kämpft ein befreundetes Ehepaar seit 18 Tagen gegen das Coronavirus. Vor allem der Frau ging es sehr schlecht, beide konnten aber einen Krankenhausbesuch vermeiden. Unser Neffe ist Feuerwehrman in New York. Ihm ging es nicht gut, er hat sich testen lassen und wartet zu Hause auf die Ergebnisse.

Was vermisst Ihr aktuell – und worum macht Ihr Euch die größten Sorgen?

Barbette: Raus und in Restaurants zu gehen, die Familie und Freunde zu treffen, sie zu Besuch zu haben. Die größte Sorge ist, dass sich einer von uns ansteckt. Meine Eltern sind 83 und 82 Jahre alt, wohnen in Queens. Ich fahre ein bis zweimal die Woche hin, um Medizin aufzufüllen und Essen zu bringen. Jedes Mal habe ich Angst, meinen Eltern das Virus ins Haus zu bringen.

Wenn Ihr einen Wunsch an Trump frei hättet, welcher wäre das?

Tobias: Die Klappe halten, zurückzutreten oder sich zumindest nicht zur Wiederwahl zu stellen. Ich möchte einfach wieder in Ruhe schlafen können.

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Unsere Autorin

Claudia Weingärtner

Jahrelang reiste sie als Reporterin um die Welt. 2014 aber begann ihr größtes Abenteuer: Sie wurde Mama von Zwillingen.

Seitdem übt sie täglich den Spagat zwischen Jobdingen und Kinderkram – und verarbeitet den Muskelkater und andere Konsequenzen u.a. in Briefen, die sie an ihre beiden Kinder schreibt und auf zwillimuddi.com veröffentlicht. Seit April 2020 ist sie Chefredakteurin von "Leben & erziehen".

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