Nach sechs Wochen Ausgangssperre in Spanien

Hier darf der kleine Camilo endlich wieder raus

Camilo (22 Monate) gehört zu den Hunderttausenden Kindern in Spanien, die seit dem 14. März wegen der Pandemie zu Hause bleiben mussten. Jetzt durfte er zum ersten Mal wieder raus – seine Mama Tina (35) hat uns von dem besonderen Tag erzählt.

"Hose, Jacke, Schuhe an", rufe ich meinem 22 Monate alten Sohn zu und kann mir dabei ein Grinsen nicht verkneifen. Er guckt mich verdutzt an. Den Satz hat er schon eine gefühlte Ewigkeit nicht mehr gehört. Haben wir doch schließlich nicht ein einziges Mal das Haus verlassen, seitdem hier in Spanien am 14. März wegen der Corona-Pandemie der Notstand ausgerufen wurde und das Land zum Stillstand kam. Öffentliche Straßen durften seitdem nur noch mit einem wichtigen Grund wie der Besorgung von notwendigen Lebensmitteln betreten werden. Zunächst war von 15 Tagen die Rede, doch schon bald folgten zwei Verlängerungen der Ausgangssperre. 

Unter dem Stubenarrest leiden besonders die ganz Kleinen. Kein Kindergarten oder Treffen mit Freunden, kein Spielplatz und keine Bewegung an der frischen Luft. Sechs lange Wochen in denselben vier Wänden eingesperrt. Und nicht alle erleben die Abschottung mit Garten und Balkon. Eigentlich haben wir hier an der Costa Blanca mit traumhaften kilometerlangen Stränden und einer atemberaubenden Landschaft im Hinterland das Paradies direkt vor der Tür, doch Familienausflüge in die Natur sind hier in Zeiten des Coronavirus verboten. Und auch wenn wir versuchen, die neu gewonnene Zeit zusammen so abwechslungsreich und erfüllend wie möglich zu gestalten mit Spielen und Basteln, Vorlesen, Turnen und Tanzen, merke ich doch, wie sehr unsere wöchentliche Portion Natur fehlt. Sehnsüchtig verfolgen wir die Bilder in den sozialen Netzwerken von Familie und Freunden in Deutschland. Sie zeigen Spaziergänge unter blühenden Bäumen, Kinder, die ausgelassen durch tiefgrüne Wälder laufen, im Park Radfahren und an blauen Seen Enten füttern.

Nach über 40 Tagen Abriegelung will Spanien endlich raus. Ein Volk, das nahezu das ganze Jahr über im Freien lebt, fordert diese Freiheit zurück. Der größte Wunsch der Spanier: Das Kinderlachen soll zurück in die Straßen. Denn Psychologen befürchten, dass die soziale Isolation gerade bei den Kleinen langfristig negative Auswirkungen haben könnte. Die Regierung hat uns gehört, und da die Zahlen für eine schrittweise, vorsichtige Lockerung sprechen, ist es heute soweit: Spaniens Kinder unter 14 Jahren dürfen an die frische Luft! Unter Auflagen allerdings: Nur in Begleitung eines einzelnen Erwachsenen, maximal eine Stunde lang und nicht weiter als einen Kilometer vom Zuhause entfernt. Spielplätze und Parks sind dabei tabu – zu groß ist die Sorge, dass sich mehrere Familien ansammeln könnten und so der vorgeschriebene Sicherheitsabstand nicht eingehalten werden könnte. Rund acht Millionen Kinder scharren mit den Hufen. 

Und auch mein Sohn hat inzwischen seine Jacke angezogen und steht mit funkelnden Augen vor unserem Tor. Ich öffne es etwas unbeholfen und wir gehen erst mit langsamen, dann immer schnelleren Schritten los Richtung – ja, wohin eigentlich? Weit können wir ja nicht gehen. Ach, egal. Hauptsache raus. Ich blicke an meiner Hand hinunter zu meinem Kind. Der kleine Körper bebt vor Erwartung, als die kleinen Füße auf dem Bürgersteig vorwärts tippeln. Aus der Entfernung hören wir fröhliches Quietschen und lebhaftes Gebrabbel – Laute, die die meisten Einwohner hier fast vergessen haben dürften. Unter einem Kilometer findet sich zwar kein ersehnter Strand oder Wald, aber immerhin ein kleiner Hügel mit üppigem Unkraut, das nach so langer Zeit drinnen gerne als Blumenwiese durchgehen darf. Mein Sohn rennt ein paar Meter vor mir her und zeigt aufgeregt im Sekundentakt auf Bäume, Blüten und Vögel. Ich schließe die Augen, atme tief ein, höre meinen Sohn lachen und lächle zufrieden. Auch wenn Sandstrände, Buchten und Täler noch warten müssen, so war das heute doch ein kleines Stückchen Freiheit, das uns niemand nehmen kann. 

Teile diesen Artikel: