Corona-Tipps einer 91-Jährigen

"Vergesst das Lachen nicht"

Wie geht es eigentlich der Generation 90+ in der Corona-Krise? Unsere Autorin hat ihre Oma Ursula Kilzer (91) interviewt. Und die hat nicht nur erzählt, wie es ihr so ganz alleine zu Hause ergeht und was sie trotz allem zum Lachen bringt – sie hat auch einen ultimativen Tipp für alle, denen das Klopapier ausgeht. Und eine Bitte an die, die über fehlende Hefe klagen...

Kein Rummikub spielen mit Freunden, kein Kaffeeklatsch mit deinen Geschwistern, keine Konzerte: Wie sieht ein typischer Tag bei dir gerade aus – und was ist dein persönliches Rezept gegen Langeweile?

Also, nach dem Aufstehen checke ich erstmal meine Mails auf dem iPad. Danach gibt es Frühstück – und dann habe ich eigentlich den ganzen Tag zu tun! Ich lese die Zeitung, kümmere mich um mein Kräuterbeet, mache Kreuzworträtsel. Neulich habe ich endlich mal meine vier Chaos-Schubladen im Wohnzimmer aufgeräumt, außerdem lese ich gerade das Buch "Der Zitronengarten". Ich bin froh, dass das Wetter gut ist, ich sitze viel auf dem Balkon und schaue auf den Rhein. Zwischendurch telefoniere ich immer wieder. Mit meinem Zwillingsbruder und meiner Schwester, mit meinen Kindern und Enkelkindern, aber auch mit Freunden, die ich schon ganz lange nicht gesprochen habe – und von denen ich weiß, dass ihnen ein Anruf guttut, weil sie gerade noch öfter alleine sind als ohnehin schon. Nachmittags dann ein Spaziergang um die vier Ecken. Abends mache ich den Fernseher an, dann habe ich ja genug getan und kann mich entspannen. 

Was möchtest du Menschen sagen, die sich darüber aufregen, wenn es mal kein Klopapier oder keine Hefe im Supermarkt gibt?

Improvisiert! Backt einen anderen Kuchen, wenn keine Hefe da ist – esst Kartoffeln, wenn die Nudeln leer sind. Meckert nicht über Dinge, die wir gerade nicht ändern können. Und zum Thema Klopapier: Mein Großvater hat früher jeden Abend die Zeitung in kleine Vierecke geschnitten und diese dann auf der Toilette an einem Haken aufgespießt, an dem sich dann am nächsten Tag jeder bedienen konnte. Wenn alle Stricke reißen: Macht es wie mein Opa damals! Es geht sanfter, aber auch wir haben es überlebt. 

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Gibt es Dinge, die du im 2. Weltkrieg gelernt hast – und die dir jetzt weiterhelfen?

Erstens Disziplin: Ich lasse mich nicht hängen, versuche so normal wie es geht weiterzuleben und akzeptiere die Dinge, die nun mal gerade nicht gehen, auch wenn ich Euch alle vermisse und gerade niemanden umarmen darf. Zweitens Gelassenheit: Es ist wie es ist. Ich bete jeden Tag, dass keiner von uns krank wird, mehr kann ich gerade nicht tun. Und drittens Optimismus: Irgendwann und irgendwie geht es weiter. 

Verglichen mit damals: Wie empfindest du die Situation heute?

Die Bedrohung scheint gerade weiter weg als damals. Das Virus sieht man nicht, man hört es nicht. Im Vergleich zu den Bomben, die rechts und links neben unserem Haus einschlugen, während wir im Keller saßen, ist es für mich wenig greifbar. Damals lauerte die Gefahr direkt vor der Tür, jetzt sehe ich sie nur in den Nachrichten. Mir ist klar, dass Corona vor allem für Menschen wie mich genauso tödlich sein kann wie die Bomben damals. Und trotzdem ist das alles scheinbar weit weg – zumal ich ja im Moment niemanden treffe, bei dem ich mich infizieren könnte. Wenn ich mir vorstelle, wie Kinder heute verstört sind durch die Atemmasken, muss ich an unsere Gasmasken denken, die im Krieg neben unseren Betten lagen. Unser Vater übte mit uns, wie wir sie im Ernstfall anziehen, und ich habe sie immer nicht über meinen dicken Kopf bekommen. Irgendwann gehörten die Masken dazu – so wird es auch den Kindern von heute irgendwann gehen, schätze ich. 

Was bringt dich gerade trotz allem zum Lachen?

Witze auf dem iPad, dieses Ding ist echt die beste Erfindung, so kann ich ganz anders am Leben teilhaben. Mein Liebling der Woche sind die neuen Urlaubsziele zu Coronazeiten: Gardinien, Terrassien, Flurenz, Kloatien, Virsulawien, Kochlumbien, Balkongo und Sofambik – darüber musste ich sehr lachen. 

Was rätst du Menschen, die gerade große Angst vor der Pandemie haben?

Versucht, das Beste draus zu machen. Und vergesst das Lachen nicht!

Was machen wir beide als allererstes, wenn wir uns endlich wiedersehen?

Uns fest drücken. Und ein Glas Sekt trinken. Oder zwei. Oder Wein. Oder beides, das mache ich nämlich gerade alleine nicht. Hoffentlich müssen wir darauf nicht mehr zu lange warten. Ich habe nämlich Sehnsucht...

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Unsere Autorin

Claudia Weingärtner

Jahrelang reiste sie als Reporterin um die Welt. 2014 aber begann ihr größtes Abenteuer: Sie wurde Mama von Zwillingen.

Seitdem übt sie täglich den Spagat zwischen Jobdingen und Kinderkram – und verarbeitet den Muskelkater und andere Konsequenzen u.a. in Briefen, die sie an ihre beiden Kinder schreibt und auf zwillimuddi.com veröffentlicht. Seit April 2020 ist sie Chefredakteurin von "Leben & erziehen".

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