Coronakrise

23 Dinge, die plötzlich normal sind – und noch vor Wochen unvorstellbar waren

Erster Arbeitstag in Pantoffeln? 1,60 Euro mit Karte bezahlen? Früher undenkbar, jetzt Alltag für alle. Unsere Autorin ist überrascht, wie sich in nicht einmal drei Wochen eine neue Normalität in unser Leben geschlichen hat.

Gestern war mein erster Arbeitstag bei "Leben & Erziehen" – und hätte man mir vor ein paar Wochen gesagt, dass ich diesen Job am 1.4. in Pantoffeln antreten würde, hätte ich vermutlich laut gelacht.  

Tatsächlich aber trug ich zum Start nicht nur Hausschuhe, sondern hatte auch noch meine fünfjährigen Zwillinge zum "Amtsantritt" mit dabei: hallo Homeoffice.

Das Verrückte ist: Es zuckt nicht mal mehr jemand mit der Wimper, wenn man solch eine Geschichte erzählt. Denn in nicht einmal drei Wochen hat sich eine neue Normalität in unser Leben geschlichen, die ich bemerkenswert finde. Auf einmal sitzen Tausende im Homeoffice – auf einmal sind alle mehr oder weniger guten Gründe, wieso das früher nicht klappte, passé. Und ja: Unsere Kinder platzen in Videokonferenzen, der Gatte läuft versehentlich in Unterhose durchs Bild. Es ist chaotisch und anstrengend – aber bei allen. Und dadurch eben ziemlich normal. 

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Aber es ist nicht nur das mobile Arbeiten. Plötzlich sind so viele Dinge alltäglich, die noch vor ein paar Wochen unvorstellbar gewesen wären: 

Es ist normal geworden, dass unsere Kinder zwei Mal "Happy Birthday" beim Händewaschen mit sehr viel Seife singen, um die 20 Sekunden voll zu kriegen. Dass wir uns immer wieder dabei erwischen, wie wir selbst genau das gedanklich tun.

Es ist normal geworden, dass wir manchmal nicht mehr wissen, ob heute erst Donnerstag oder doch schon Freitag ist, das Kind beim Abendbrot noch immer den Schlafanzug trägt, der Sohn nach dem Nagelscherenhaarschnitt wie Harry Potter aussieht und wir bei jedem Räuspern der Tochter denken, dass es uns jetzt wohl auch erwischt hat.

Es ist normal geworden, dass wir das Klopapierregal im Supermarkt checken, uns kurz über Hamster echauffieren und dann auch noch die Hefe fehlt, die wir zwar jahrelang nicht brauchten, jetzt aber plötzlich sehr dringend.

Es ist normal geworden, dass wir Fremde grüßen, wenn wir spazieren gehen. Weil wir froh sind, überhaupt mal wieder jemanden zu grüßen, der nicht zufällig dieselbe Meldeadresse hat wie wir.

Es ist normal geworden, dass wir die Freunde auf einen "FaceWine" treffen und Oma und Opa zum Kuchen nur noch bei Skype. Dass Whatsapp-Videocalls jetzt auch vom größten Internetmuffel der Familie akzeptiert werden, wer hätte das gedacht. Sehnsucht danach übrigens verzehnfacht.

Es ist normal geworden, dass wir bargeldlos zahlen, und sei der Betrag noch so mini. Mein persönlicher Niedrig-Rekord: 1,60 Euro im Kiosk, für zwei Briefmarken. Münzen und Scheine? Fehlanzeige,die letzte Bargeld-Abhebung ist drei Wochen alt.

Es ist normal geworden, dass "Bleib gesund" das neue "Tschüss" ist. Dass wir uns Masken aus Küchentüchern und Tischdecken basteln, und nicht mal mehr doof gucken, wenn uns Menschen entgegenkommen, die statt mit Stoff mit Pampers improvisiert haben.

Es ist normal geworden, dass wir Regenbogenbilder an den Fenstern zählen und unseren Kindern dabei erzählen, dass nach einem Gewitter die Sonne wieder scheinen wird, weil das schon immer so war und weil wir es selbst nie so sehr glauben wollten. 

Es ist normal geworden, dass wir Bauchweh bekommen, wenn wir die Bilder in den Nachrichten sehen. Menschenleerer Markusplatz, sterbende Senioren, Tote in Turnhallen. Dass jeder schon mindestens einmal sagte, das sei jawohl alles wie in "12 Monkeys". Oder "Outbreak". 

Es ist normal geworden, dass freiberufliche Freunde, die wir immer um ihre Unabhängigkeit beneideten, vor dem finanziellen Aus stehen. Mit der Soforthilfe können sie ein paar Wochen überbrücken. Und dann gute Nacht. 

Es ist normal geworden, dass wir alle dieselbe Sorge und diese eine Hoffnung teilen: Dass sie demnächst Stück für Stück zurückkommt, die alte Normalität. Mit all den Dingen, die wir vermissen. Den Dingen, die zu normal waren, um sie wertzuschätzen.  

Claudia Weingärtner reiste jahrelang als Reporterin um die Welt. 2014 aber begann ihr größtes Abenteuer: Sie wurde Mama von Zwillingen. 

Seitdem übt sie täglich den Spagat zwischen Jobdingen und Kinderkram – und verarbeitet den Muskelkater und andere Konsequenzen u.a. in Briefen, die sie an ihre beiden Kinder schreibt und auf zwillimuddi.com veröffentlicht. Seit April 2020 ist sie Chefredakteurin von "Leben & erziehen".

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