Eine Schulpsychologin über die Coronazeit

"Was wir gerade machen, ist KEIN Homeschooling"

Die Schulpsychologin Lea Weigand wendet sich auf Twitter öffentlich an alle Eltern, die während der Coronakrise zum Homeschooling gezwungen werden. "Stresst euch nicht! Und wenn etwas nicht klappt oder es nur zu Streit kommt, legt die Sachen beiseite und macht etwas Schöneres." Ihr Tweet geht viral. Im Interview spricht sie mit uns über das Homeschooling während Corona – und über die wichtige Bedeutung des täglichen Schulbesuchs.

Liebe Frau Weigand, auf Twitter haben Sie einen Aufruf an alle Eltern geschrieben, die sich durch die aktuelle Homeschooling-Situation überrannt fühlen: "Nichts ist wichtiger als die Beziehung zu euren Kindern!", steht darin. Fürchten Sie, dass die Beziehung zwischen Eltern und Kindern durch den coronabedingten Zwangs-Heimunterricht gerade leidet?

Ich denke, "fürchten" ist nicht das richtige Wort. Es gibt einen Teil der Schulkinder, um die ich mich ernsthaft sorge. Aber in diesem Falle habe ich mich vielmehr gefragt, wie es wohl all den Eltern da draußen derzeit geht, die von der Situation überrascht wurden und sich nun der Herausforderung gegenüberstehen sehen, ihren Kindern plötzlich als Hauptansprechpartner in Sachen Lernvermittlung zur Seite zu stehen. Dank der sogenannten Hattie-Studie wissen wir, je besser – also je tragfähiger – die Beziehung zwischen Lehrkraft und Schülern ist, desto wahrscheinlicher ist der Schulerfolg. Lernen ist also immer zu einem sehr großen Teil Beziehungsgestaltung. Von daher könnte man den Apell auch grundsätzlich an alle Lehrkräfte richten.

Aus meiner Arbeit als Schulpsychologin und auch als Mutter eines schulpflichtigen Kindes weiß ich, wie schwer es Eltern teilweise fällt, ihre Kinder im Bereich Schule und Hausaufgaben schon unter "Normalbedingungen" angemessen zu unterstützen. Fragen um Verantwortlichkeiten stellen sich da immer wieder. Was ist Aufgabe der Lehrkräfte, wo und wie sollten und müssen die Eltern mit einbezogen werden? In der Beratung spreche ich mich gerade in Bezug auf die Hausaufgabenbegleitung häufig dahingehend aus, die Kinder vor allem in ihrer Selbstorganisation zu unterstützen und nicht etwa in der tatsächlichen Bearbeitung der Aufgaben. Das fördert ihre Selbstständig- und ihre Selbstwirksamkeit. Sie merken, dass sie selbst für ihre Erfolge verantwortlich sind und lernen, wie sie sich selbst organisieren können.

Was die aktuellen familiären Situationen zu Hause angeht, so habe ich einfach vermutet, dass viele Eltern sich mit dieser so plötzlich eingetretenen Situation möglicherweise alleine gelassen fühlen und bei dem Versuch, ihr Bestes zu geben, großen Stress empfinden könnten. Wenn ich mir die Reaktionen auf meinen Tweet ansehe, dann habe ich damit wohl ziemlich richtig gelegen. Schule hat einen sehr hohen Stellenwert bei jedem Einzelnen von uns und in unserer Gesellschaft. Sie ist für jeden von uns mit eigenen und/oder stellvertretenden Lernerfahrungen verbunden – guten wie nicht so guten – die das eigene Handeln auch in dieser Situation beeinflussen. Hinzu kommt, dass viele Eltern berufstätig sind und nun die Anforderungen ihrer eigenen, veränderten Arbeitssituation und der Situation der Kinder bewältigen müssen. Manche müssen sogar um ihre berufliche Existenz bangen. Das alles verursacht normalerweise viel Unsicherheit und bei einigen auch Angst. Kinder und auch Erwachsene benötigen aber in der Regel Sicherheit und Struktur, um gut lernen und leisten zu können.

Meine Absicht war es, den Eltern wenigstens an dieser Stelle etwas Entlastung zukommen zu lassen und so zumindest einen Stressfaktor etwas zu verringern. Wenn es einigen geholfen hat, etwas entspannter an die Sache heranzugehen, dann war es das auf jeden Fall wert.

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Unabhängig von der Coronakrise: Können Mama oder Papa überhaupt gleichzeitig Eltern und Lehrer sein? Oder ist diese Vermengung für Kinder immer schwer zu verstehen und eine Belastung für die Eltern-Kind-Beziehung?

Das ist eine interessante Frage, die wahrscheinlich viel besser von Lehrkräften mit Kindern beantwortet werden kann. Wichtig ist mir aber zu betonen, dass Lehramt ein Studienfach ist und demnach eben auch spezifische Qualifikationen vermittelt. Aus meiner persönlichen Erfahrung kann ich nur sagen, dass es eher schwierig ist, die Rolle der Psychologin mit der der Mutter zu vermischen und auch schon öfter mal zu Hause für Unmut gesorgt hat. Als Mutter oder Vater ist man eben immer in genau DIESER Rolle gefragt. Kinder wollen so, wie sie sind verstanden, akzeptiert und angenommen werden und das an erster Stelle von ihren Eltern. Sie möchten, dass Eltern ihre Bedürfnisse wahrnehmen und entsprechend mit ihnen interagieren. Schwierig wird es immer dort, wo unterschiedliche Bedürfnisse, Erwartungen und Ansprüche miteinander kollidieren. Das betrifft übrigens nicht nur das Thema Schule.

In anderen Ländern ist das Homeschooling erlaubt, bei uns in Deutschland unter normalen Umständen nicht. Was sind Ihrer Ansicht nach die wichtigsten Gründe für dieses Verbot? Oder anders gefragt: Was sind die größten Nachteile des Heimunterrichtes?

Zunächst finde ich es sehr wichtig zu betonen, dass das, was wir gerade – zumindest in Niedersachsen – erleben KEIN Homeschooling im eigentlichen Sinne ist. Das Niedersächsische Kultusministerium beispielsweise hat sich hier sehr klar dahingehend geäußert, dass die Aufgaben, die den Kindern von den Lehrkräften gestellt werden, alle freiwilligen Charakter haben und nicht in die Benotung einfließen sollen. Auch sieht das Ministerium die Verantwortlichkeit in Bezug auf die Lernsituation nach wie vor klar bei den Lehrkräften. Eltern sollten sich da also nicht unter Druck setzen und brauchen auch keine Sorge zu haben, dass ihre Kinder etwas verpassen.

Homeschooling bedeutet eben nicht, dass die Kinder einfach zu Hause von den eigenen Eltern unterrichtet werden. Dazu kommt, dass die Situation, die wir gerade erleben, ja auch nicht nur unter dem Aspekt von Schule zu betrachten ist, da es viel mehr Faktoren gibt, die aktuell eine Rolle spielen. Die Kinder können ihre Freundschaften nur online oder per Telefon pflegen. Gefühle wie Unsicherheit und Angst spielen bei vielen Menschen im Moment eine große Rolle. Das Virus und alles, was damit zusammenhängt, beherrscht den Alltag aller.

Wenn ich all das aber gedanklich weglasse und nur das Thema Homeschooling betrachte, dann kann ich sagen, dass Schule in der Regel eine Ressource für die meisten Kinder darstellt und ihren Möglichkeitsraum erweitert. Der regelmäßige Besuch einer Schule ermöglicht es Kindern in der Regel, Freundschaften zu Gleichaltrigen zu knüpfen und aufrechtzuerhalten. Sie lernen, sich in sozialen Strukturen zurechtzufinden und zu bewegen und reichern so soziale Kompetenzen an.

Darüber hinaus fördert es ihre Selbstständigkeit und auch die Ablösung vom Elternhaus, was ein wichtiger Entwicklungsschritt im Leben eines jeden Menschen darstellt – dem der Kinder und dem der Eltern. Das ist übrigens auch ein Grund, warum Schulen sich dafür aussprechen, die Kinder alleine zur Schule laufen zu lassen. Die Kinder können in der Gemeinschaft ihrer Klasse gemeinsame und individuelle Erfolge feiern und Misserfolge verarbeiten. Sie entwickeln ein Gemeinschaftsgefühl und fühlen sich zugehörig. Das wird vor allem mit zunehmendem Alter immer bedeutsamer. Und all das bereitet sie letztlich darauf vor, sich im Arbeitsalltag und in unserer Gesellschaft zurechtzufinden.

Ein weiterer und für mich wirklich sehr bedeutsamer Aspekt ist auch, dass es sehr viele Kinder gibt, die nicht das Glück haben, in einem liebevollen und unterstützenden Haushalt aufwachsen zu dürfen. Kinder können zu Hause entweder selbst Opfer von Gewalt jeder Art werden oder dieses durch Familienangehörige an anderen Familienangehörigen miterleben. In manchen Familien gibt es keine geregelten oder sogar auch gar keine Mahlzeiten. Einige Kinder werden überwiegend ganz sich selbst überlassen oder müssen etwa noch für jüngere Geschwister mit Sorge tragen. Genauso gibt es Kinder, die unterliegen zu Hause einer absoluten Kontrolle und dürfen gar nichts alleine entscheiden oder gar selbstständig unternehmen. Gerade für diese Kinder ist Schule der sicherere Ort und genau dort können solche Kinder erkannt, aufgefangen, unterstützt und begleitet werden und gerade um diese Kinder mache ich mir derzeit tatsächlich Sorgen.

Experten-Bild

Unsere Expertin:

Lea Weigand ist Schulpsychologische Dezernentin bei der Niedersächsischen Landesschulbehörde. Mehr Infos auf landesschulbehörde-niedersachsen.de 

Werden die Eltern und Kinder diese Auswirkungen auch während der aktuellen Coronakrise erfahren? Oder entstehen diese Nachteile erst nach längeren Zeiten?

Ich persönlich glaube, dass wir ALLE die Auswirkungen der aktuellen Krise noch sehr lange spüren werden. Über Vor- oder Nachteile der derzeitigen Situation auf zukünftiges familiäres Zusammenleben kann nur spekuliert werden. Ich hoffe natürlich, dass die Krise neben dem Bereich der kritischen Infrastrukturen vor allem im Bereich Schule eher positive Veränderungen nach sich ziehen wird, zum Beispiel im Bereich der Digitalisierung oder der Lern- und Lehrgestaltung. Wir sehen ja jetzt, was alles möglich gemacht werden kann und wird.

Was ist ihr größter Wunsch für alle Familien, die aktuell zum Homeschooling gezwungen werden?

Im Grunde genau das, was ich in meinem Tweet bereits gesagt habe. Ich wünsche allen Familien, dass sie es schaffen, gemeinsam und am Ende vielleicht sogar als Familie gestärkt aus der Krise hervorzugehen. Dass sie nicht nur negative Erfahrungen miteinander machen, sondern vielleicht auch schöne Momente miteinander genießen können. Dass Eltern und Kinder sich gegenseitig Zugang zueinander gewähren und sich nicht nur in Streit und Wut begegnen (auch wenn das natürlich mal mit dazu gehört). Wichtig ist mir zu betonen, dass jeder für sich und innerhalb seiner Familie normalerweise am besten weiß, was ihm oder ihr guttut und was eher zu Stress führt. Das kann von Familie zu Familie sehr unterschiedlich sein. Sehr hilfreich ist es übrigens immer, mehr von dem zu tun, was gut funktioniert und das, was nicht funktioniert, zu verändern und anderes auszuprobieren.

Das Interview wurde am 25. März 2020 geführt.

Unsere Autorin

Silke Schröckert wollte Journalistin werden, seit sie im Alter von acht Jahren das erste Mal Lois Lane in "Superman" gesehen hatte. Mit 23 wurde sie Chefredakteurin eines Kinderzeitschriftenverlages.

Heute ist Silke spezialisiert auf Familienthemen und textet für Kinder- und Comic-Magazine. Das freut vor allem Sohn Tom und Tochter Mina. Auf ihrer eigenen Seite schreibt sie für die Generation Großeltern. Bei leben-und-erziehen.de nimmt sie sich aktuellen Themen aus Sicht einer Zweifach-Mama an.

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