Eine Mama berichtet aus dem Coronavirus-Risikogebiet Heinsberg

"Besorgt euren Kindern eine Turnmatte"

Anja ist 40 Jahre alt, Mutter eines fünfjährigen Sohnes – und Einwohnerin von Waldfeucht im Kreis Heinsberg. Was den Rest Deutschlands seit ein paar Tagen in Atem hält, ist in ihrer Heimatstadt schon wochenlang Alltag: Die Kitas und Schulen wurden aufgrund des Coronavirus bereits am 25. Februar geschlossen. Im Gespräch mit unserer Autorin macht Anja allen Eltern Mut für die bevorstehende Zeit – und gibt sehr konkrete Tipps.

Das Interview wurde am Abend des 16. März 2020 geführt.

Anja, du lebst im Kreis Heinsberg. Auf deinem Twitter-Account @BeiAnja hast du selbst ganz treffend formuliert, dass ihr in Sachen Corona einfach "ein paar Wochen voraus" seid. Wie lange sind bei euch die Schulen, Kindergärten und Kitas bereits geschlossen?

Am 17. März sind es drei Wochen.

Am 10. März hast du bereits getwittert: "Hier sind so langsam alle am Limit." Wie sehr bringt dich die Situation an persönliche Grenzen?

Die Infos kamen anfangs kleckerweise. Das war tatsächlich sehr fordernd. Erst hieß es, dass die Schulen für zwei Tage schließen. Dann noch einen weiteren Tag. Dann doch bis Montag. Und die Schwimmbäder und alles andere schließt auch. Du denkst: "Okay, jetzt zwei Tage Luft anhalten, dann ist alles wieder normal!", und verplanst die Tage danach – und dann kommt wieder die Botschaft, dass doch alles anders ist. Das war einfach sehr zermürbend.

Könnt ihr denn jetzt längerfristig planen?

Tatsächlich kam gerade heute ein Update von unserem Landrat, der übrigens hervorragende Arbeit leistet. Wir bekommen tägliche Videobotschaften und gerade reagiert er auf die zahlreichen Nachfragen zu gebuchten Osterurlauben und den Kommunionen, die natürlich in den kommenden Wochen geplant sind.

Und was ist die Prognose zu diesen Plänen?

Kurz zusammengefasst war seine Botschaft: "Leute, macht euch bewusst, dass wir noch lange nicht übern Berg sind." Er hat relativ deutlich gemacht, dass gerade in den Sternen steht, ob wir unseren Sommer-Urlaub so stattfinden lassen können, wie geplant. Klar ist: Reisen in den Osterferien fallen aus.

Das sind relativ klare, aber auch düstere Prognosen. Dafür wirken deine Status-Updates auf Twitter sehr zuversichtlich und nahezu positiv.

Ich muss dazu sagen: Wir befinden uns in der luxuriösen Situation, dass ich als Hausfrau ohne große Probleme zu Hause bleiben und die Kinderbetreuung übernehmen kann. Und eine große Reise habe ich gerade hinter mir: Meinen 40. Geburtstag durfte ich in New York feiern. Aber abgesehen davon: Der Rheinländer an sich ist ein entspannter Mensch. Das überträgt sich hier. Es entsteht keine Panik, manche sorgen sich vielleicht, aber der Großteil bleibt entspannt.

Was stört dich denn an der aktuellen Situation am meisten?

Ich darf nicht zu meiner Stiefmutter. Sie macht gerade eine Chemotherapie durch und ich würde ihr gern beistehen. Auch mein Mann ist krank, zudem wurde sein Chef positiv auf das Coronavirus getestet. Auch er kann also nicht zu ihr. Das ist ätzend.

Wie unterstützt ihr euch im Kreis Heinsberg untereinander? Du hast zum Beispiel auf Twitter beschrieben, wie dankbar andere Mütter dir waren, auf deren Kinder du stundenweise aufgepasst hast.

Genau, nachdem wir alle schon zwei Wochen zu Hause saßen und somit lange genug isoliert waren, um eine Infektion auszuschließen, habe ich in der Kindergarten-WhatsApp-Gruppe eine Art "offene Spielgruppe" bei uns zu Hause vorgeschlagen. Drei Eltern haben das Angebot dankend angenommen und ihre Kinder vorbeigebracht. Das kam sehr gut an – auch bei meinem Sohn.

Drei Wochen sind eine lange Zeit: Was ist dein ultimativer Beschäftigungs-Tipp für die Zeit zu Hause mit Kind(ern)?

Natürlich kann auch ich jetzt sagen: Lego bauen. Das gehört wohl bei jedem dazu. Was aber wirklich unser wichtigstes Utensil gerade ist: die Turnmatte. Die haben wir schon vor drei Jahren gekauft und haben sie seitdem bei Regenwetter immer wieder genutzt. Nun war sie quasi im Dauereinsatz: Springen, Radschlagen, von der Couch springen, Judorolle üben – das alles wird hier jeden Tag durchprobiert.

Was ist deine Botschaft an alle Eltern außerhalb des Kreises Heinsberg?

Nehmt die Lage ernst, aber geratet nicht in Panik. Lebensmittel sind bei uns übrigens nach wie vor problemlos erhältlich. Die Erfahrung nach drei Wochen "Shutdown" zeigt: Hamsterkäufe sind nicht notwendig. Und ja, auch Klopapier gibt es noch.

Liebe Anja, danke für deine Zeit – und deine mutmachenden Worte.

Auf ihrem Twitter-Account @BeiAnja berichtet Anja täglich humorvoll aus ihrem Leben als Mutter, Ehefrau und Twitter-Sternchen. Aktuell sind ihre Tweets – wie alles andere – vom Coronavirus bestimmt. Doch selbst jetzt kommt der Humor auf ihrem Account nicht zu kurz.

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Unsere Autorin

Silke Schröckert

Silke Schröckert wollte Journalistin werden, seit sie im Alter von acht Jahren das erste Mal Lois Lane in "Superman" gesehen hatte. Mit 23 wurde sie Chefredakteurin eines Kinderzeitschriftenverlages.

Heute ist Silke spezialisiert auf Familienthemen und textet für Kinder- und Comic-Magazine. Das freut vor allem Sohn Tom und Tochter Mina. Auf ihrer eigenen Seite schreibt sie für die Generation Großeltern. Bei leben-und-erziehen.de nimmt sie sich aktuellen Themen aus Sicht einer Zweifach-Mama an.

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