"Ich brauche keine Bastelanleitungen!"

Eure "Tipps gegen Langeweile!" könnt ihr euch sonstwohin stecken

Unsere Autorin ist sauer. Nicht darauf, dass sie Homeoffice, Kinderbetreuung und Homeschooling gerade miteinander kombinieren muss. Sondern auf die Menschen, die unterstellen, ihr könne dabei "langweilig" werden.

Ich komme direkt zum Punkt: Ich kotze, wenn ich nur noch einen Newsletter mit den "besten Tipps gegen Langeweile" bekomme.

Wer glaubt, dass Homeoffice und Kinderbetreuung sich gut miteinander verbinden ließen, der hat entweder das eine oder das andere nicht richtig verstanden. Wer aber in diese gerade deutschlandweit verbreitete explosive Kombination auch noch eine Mail mit dem Betreff "Gegen die Langweile!" sendet, in der sich eine Sammlung der "schönsten Beschäftigungs-Ideen" befindet, der hat doch einfach den Schuss nicht gehört.

Das Überangebot an neuen Online-Modellen allein setzt ja jedes Elternteil schon unter Druck. Wie, machen eure Kinder etwa nicht bei der täglichen Sportstunde morgens um 9 Uhr mit? Und nutzen dann das digitale Lernangebot für die Matheaufgaben, um anschließend in der Online-Musikschule zu musizieren? Die Wahrheit ist doch: Bei all diesen Angeboten kann man seine Kinder eben nicht alleine einfach vor den Bildschirm setzen (okay, man KANN schon, dann bringt es nur nicht viel). Man muss auch hier dabeibleiben, betreuen, erklären. Wann soll ich das noch leisten, wenn auf meinem Handy vier Rückrufe warten, der E-Mail-Eingang überquillt und parallel die Jüngste im Nebenzimmer heult, weil ich keine Zeit habe, Pfannkuchen zum Frühstück zu backen?

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Die multitaskingfähigen Mütter machen das schon ...

Aktuell knalle ich meinen beiden eine Schüssel Cornflakes hin und mache ihnen ein Hörspiel an, bevor ich in der ersten Videokonferenz des Tages mein noch ungeschminktes Gesicht in die Kamera halten darf. Da bekommt der Hashtag #wokeuplikethis eine völlig neue Tiefpunktbedeutung. Warum ich nicht einfach früher aufstehe? Weil ich auch gestern wieder bis halb zwei nachts vorm Rechner saß, um endlich in Ruhe die Texte fertigzuschreiben, die ich schon letzten Mittwoch hätte abgeben sollen. Denn wer hätte das gedacht: So multitaskingfähig wie wir Mütter immer gefeiert werden, bin ich dann doch nicht, wenn abwechselnd das Geschäftshandy klingelt, die dreijährige Tochter einen Wutanfall bekommt oder der Sohn Hilfe bei den Schulaufgaben braucht. Also beginnt meine eigentliche Arbeit dann, wenn die Kinder schlafen. Macht aber eh keinen Unterschied mehr. Denn während meine Arbeitszeit vor zwei Wochen noch pünktlich mit der Kitabetreuung um 15 Uhr endete, erwarten meine Kunden plötzlich ohnehin eine ganztägige Erreichbarkeit – schließlich sind wir ja eh alle zu Hause, juhu!

Bitte keine Bastelanleitungen!

Und nun frage ich mich ernsthaft, liebe Eltern-Redaktionen, Mama-Blogs und Familien-Portale: Wie kommt ihr darauf, dass in diesem tagesumfassenden Chaos eine Bastelanleitung für einen Vulkan aus Pappmaché (Bastelzeit: 2-3 Stunden!) eine gute Idee sei? Wieso zum Geier denkt ihr überhaupt, dass irgendjemand gerade Zeit zum Basteln, Balkonblumen-Pflanzen oder Experimentieren hat? Wenn jemandem von euch langweilig ist, darf er oder sie gern meine Kinder anrufen und ihnen ein Buch vorlesen oder mit ihnen telefonisch die Schularbeiten machen. In der Zeit gönne ich mir dann mal wieder so richtig was für mich. Eine Dusche vielleicht. Mit Haarewaschen. Aber eins wird mir ganz sicher nicht: langweilig.

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Unsere Autorin

Silke Schröckert

Silke Schröckert wollte Journalistin werden, seit sie im Alter von acht Jahren das erste Mal Lois Lane in "Superman" gesehen hatte. Mit 23 wurde sie Chefredakteurin eines Kinderzeitschriftenverlages.

Heute ist Silke spezialisiert auf Familienthemen und textet für Kinder- und Comic-Magazine. Das freut vor allem Sohn Tom und Tochter Mina. Auf ihrer eigenen Seite schreibt sie für die Generation Großeltern. Bei leben-und-erziehen.de nimmt sie sich aktuellen Themen aus Sicht einer Zweifach-Mama an.

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