Schluss mit dem Gemeckere!

Hört auf zu jammern: Wir sind nicht im Krieg!

Durch das Coronavirus ist gerade alles anders. Anstrengender, nervenaufreibender, schlimmer. Aber der Vergleich zu Kriegssituationen ist geschmackslos, findet unsere Autorin.

"Die größte Herausforderung seit dem Zweiten Weltkrieg." Mit diesen Worten hat Angela Merkel unsere aktuelle Situation in ihrer TV-Ansprache bezeichnet.

Natürlich ist das Wort "Herausforderung" sehr bewusst gewählt: keine Krise, kein Problem, sondern eine Herausforderung – fast schon eine Chance! So eine euphemistische Formulierung ist typische PR-Sprache, typisch Deutsch und auch typisch für unsere Bundeskanzlerin. Und es ist okay. Viel wichtiger in der Bezeichnung "größte Herausforderung seit dem Zweiten Weltkrieg" ist eine andere Stelle: das kleine Wörtchen "seit".

Ja, wir erleben gerade eine Ausnahmezeit. Und ja, es ist die größte Herausforderung SEIT dem Zweiten Weltkrieg. Aber sie ist nicht WIE der Zweite Weltkrieg. Nicht einmal annähernd. Das, was gerade passiert, hat nichts, überhaupt gar nichts mit Krieg zu tun. Wir sind zum Zuhausebleiben gezwungen. Daheim, in unseren eigenen vier warmen Wänden, die Küchenschränke mutmaßlich voller Pasta und Toilettenpapier. Und wenn ein Lebensmittel doch mal knapp wird, gehen wir in den nächsten Aldi, Rewe oder Edeka und besorgen es uns. Das dauert gerade mal etwas länger. Und ja, wir müssen dabei Abstand halten. Aber: Wir sitzen nicht zusammengepfercht in tageslichtlosen Bunkern eingeschlossen und müssen mit anhören, wie die Bombenanschläge nach und nach immer näherkommen. Wir können jederzeit rausgehen und frische Luft atmen. Okay, Shoppen können wir dabei nicht mehr. Und Amazon braucht auf einmal eine Woche länger als sonst, um uns ein Buch zu liefern. Was für eine Unverschämtheit! Und tatsächlich ist Hefe zurzeit schwer zu bekommen. Dabei wollte scheinbar halb Deutschland gerade DIESEN Monat damit anfangen, Brot und Pizzateig selbst herzustellen. Ist das wirklich unser größtes Problem? Manche Meinungen, die ich dazu in den sozialen Medien lesen muss, lassen mich an der Menschheit zweifeln.

Das alles nach 2 Wochen Ausnahmezustand?

Plötzlich kursiert auf Facebook ein Brief einer Mutter an ihr eigenes Kind: "Ich habe mir ein anderes Leben für dich vorgestellt“, lautet der tausendfach geklickte Titel. Ernsthaft? Nach zwei Wochen ohne Ponyreitstunden und Skiurlaub wird der gesamte Lebensentwurf des Kindes infrage gestellt?

Natürlich habe auch ich eine Träne verdrückt, als wir den 6. Geburtstag unseres Sohnes ohne seine Freunde feiern mussten. Und – um es mit den Worten der Autorin Marlene Hellene zu umschreiben – auch ich habe mich schon öffentlich darüber ausgekotzt, dass die Kombination aus Home-Office, Home-Schooling und Home-Haushalting nur in Home-Nervenzusammenbruching enden kann. Und dennoch: So zu tun, als befänden wir uns in einer kriegsähnlichen Situation, finde ich nicht nur peinlich übertrieben, sondern pietätslos.

Ja, unsere Bundeskanzlerin hat in ihrer Ansprache den Zweiten Weltkrieg genannt. Aber anders als andere Staatsoberhäupter hat sie unsere jetzige Situation eben NICHT mit dem Krieg gleichgestellt. Und das ist gut so. Noch besser wäre es, wenn wir alle diese besondere Zeit nutzen würden, uns ein wenig intensiver mit unseren Großeltern zu unterhalten. Darüber, wie es wirklich im Krieg war. Und darüber, wie gut wir es eigentlich haben – trotz Corona. Dann würde das Gejammere über fehlende Hefe oder ausgefallene Reisen vielleicht etwas leiser werden. Und die Dankbarkeit größer über das, was wirklich zählt: Familie.

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Unsere Autorin

Silke Schröckert

Silke Schröckert wollte Journalistin werden, seit sie im Alter von acht Jahren das erste Mal Lois Lane in "Superman" gesehen hatte. Mit 23 wurde sie Chefredakteurin eines Kinderzeitschriftenverlages.

Heute ist Silke spezialisiert auf Familienthemen und textet für Kinder- und Comic-Magazine. Das freut vor allem Sohn Tom und Tochter Mina. Auf ihrer eigenen Seite schreibt sie für die Generation Großeltern. Bei leben-und-erziehen.de nimmt sie sich aktuellen Themen aus Sicht einer Zweifach-Mama an.

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