Kinder vor

Deutschland, ein kinderfeindliches Land?

Kinder haben in Deutschland keine Lobby. Mit ihnen fühlt man sich an vielen Orten nicht willkommen. Darüber, dass Kinderfeindlichkeit nicht nur ein vages Gefühl ist, sondern sich in handfesten politischen und finanziellen Benachteiligungen äußert, und was sich ändern muss, hat Bloggerin und Journalistin Nathalie Klüver ein Buch geschrieben.

Da stehe ich mit meinen drei Kindern im halbleeren Restaurant und muss wieder gehen, weil alles reserviert sei. Muss ich erwähnen, dass die vier kinderlosen Mittfünfziger hinter mir direkt einen Tisch bekommen, obwohl sie ebenfalls nicht reserviert hatten?

Wenig später kämpfe ich mich mit dem Kinderwagen die Rolltreppe zum Bahnsteig hoch, während mich andere Fahrgäste anglotzen. Helfen tut niemand. Im Museum wird meine Frage nach einer Familienkarte mit der Antwort abgelehnt "Die Familienkarte gilt nur für Vater, Mutter und zwei Kinder, aber Sie sind eine Mutter mit drei Kindern."

Abends erzählt mir dann eine Freundin von ihrer Wohnungssuche als Familie mit zwei Kindern. Ihr Favorit, eine 130 Quadratmeter große Wohnung, ging an ein Ehepaar. Ohne Kinder. Bleibt sie also noch eine Weile wohnen in ihrer 75 Quadratmeter-Wohnung, wo sie nicht mal einen Sandkasten im ansonsten unbenutzten Innenhof aufstellen darf. Die Hausordnung untersagt das nämlich.

"Kinder unerwünscht"

Neben ihrem Haus ist ein Spielplatz, aber da darf man von 12.30 bis 15 Uhr nicht spielen, verkündet ein großes Schild. Viel deutlicher kann man Kindern gar nicht entgegenschreien: "Ihr seid hier nicht willkommen." Oder, wie ältere Semester gerne sagen: "Kinder sollte man sehen, aber nicht hören." Wobei man sie ja oftmals auch nicht sehen möchte, am liebsten nicht einmal ihre Spuren. Das demonstrierte uns gerade erst wieder ein Nachbar, als er sich beschwerte, dass meine Kinder den asphaltierten Fußweg unserer Straße mit Kreide verschönerten. Sie malten Regenbögen, Sonnen, Blumen und all so etwas. So viel (abwaschbare!) Farbe? Bitte nicht vor seinem Haus.

Wohl fast alle Familien kennen dieses diffuse Gefühl zu stören, wenn sie mit Kindern in der Öffentlichkeit unterwegs sind. Doch es ist viel mehr als nur ein diffuses Gefühl. Es sind nicht nur gefühlte Wahrheiten. Die Benachteiligung von Familien in unserer Gesellschaft ist real – und sie äußert sich auf vielfältige Art und Weise.

Die Pandemie zeigte, wie wenig Kinder der Gesellschaft wert sind

Richtig deutlich zeigte sich der Stellenwert von Kindern in unserer Gesellschaft während der Corona-Pandemie, als im ersten Lockdown 2020 ihre Bedürfnisse schlicht nicht auftauchten. Die damalige Familienministerin Franziska Giffey saß gar nicht erst mit am Tisch des Krisenstabs, als die Maßnahmen geplant wurden. Eine milliardenschwere "Bazooka" für die Wirtschaft zauberte die Regierung sofort aus dem Hut. Aber Schulen und Kindergärten wurden geschlossen, einfach so, es gab nicht einmal eine Diskussion darüber, ob das den Kindern guttut und ob es vielleicht auch Alternativen dazu gibt.

Wir Eltern zerbrachen unter der Last der Pandemie-Monate, fühlten uns alleingelassen und unverstanden. Spätestens dann kam er wieder, dieser Satz, den Eltern immer wieder zu hören bekommen, wenn sie es wagen, sich zu beschweren: "Dann hättet ihr halt keine Kinder bekommen sollen." Das ist er, der Satz, der tiefe Einblicke in die Mentalität hierzulande bietet.

Weg von der Kinderfeindlichkeit: 10 Schritte zu mehr Kinderfreundlichkeit

  1. Kinderrechte im Grundgesetz verankern mit dem Zusatz "vorrangig"
  2. Wahlrecht ab 16
  3. sämtliche politische Entscheidungen auf die Auswirkungen für Kinder überprüfen
  4. finanzielle Entlastung von Familien durch Umbau der Steuersystems
  5. Teilhabe und Chancengerechtigkeit stärken durch kostenfreie Angebote in Schulen und Kindergärten
  6. Straßenverkehr und öffentlichen Raum kindgerecht gestalten
  7. Partizipation von Kindern stärker ermöglichen
  8. Vereinbarkeit von Familie und Beruf stärken
  9. Kinderarmut (auch) in Deutschland bekämpfen
  10. ein soziales Miteinander, das Rücksicht auf Schwächere nimmt

Familien mit Kindern sind finanziell, steuerlich und politisch benachteiligt

Es ist schlicht und einfach eine Tatsache, dass Familien durch politische und steuerrechtliche Entscheidungen benachteiligt werden, auch ganz klar finanziell. Wenn man sich heute die gesellschaftlichen Rahmenbedingungen anschaut, stellt man fest: Es wird Frauen und Paaren nicht unbedingt leicht gemacht, sich für Kinder zu entscheiden – in finanzieller Hinsicht, aber auch im Hinblick auf die berufliche Tätigkeit und andere gesellschaftliche Aspekte. Anstatt die Rahmenbedingungen für Familien so gut wie möglich zu gestalten, stellte man sie hin und wieder durch eine Kindergelderhöhung ruhig – von der nicht einmal alle Eltern profitieren.

Und auch in Zeiten, in denen es längst normal geworden ist, als Eltern unverheiratet oder alleinerziehend zu sein oder in einer Patchwork- und Regenbogenfamilie zu leben, ist das Ehegattensplitting noch immer nicht abgeschafft. Bei der Rente zahlen Eltern doppelt in den Generationenvertrag ein – sie bezahlen mit ihren Renten die Rentenbeiträge der heutigen Senioren und geben sehr viel Geld dafür aus, die zukünftigen Rentenzahler großzuziehen, die wiederum auch mal die Rente der heute Kinderlosen zahlen werden.

Eine moderne Gesellschaft muss kinderfreundlich statt kinderfeindlich sein

Es gibt viele Stellschrauben, an denen gedreht werden sollte, um Deutschland familien- und kinderfreundlicher zu machen. Davon profitieren übrigens nicht nur Familien selbst, sondern die gesamte Gesellschaft: Eine moderne Gesellschaft muss kinderfreundlich sein, Rücksicht auf Schwächere nehmen und für Chancengerechtigkeit, Klimaschutz und Nachhaltigkeit sorgen. Denn nur eine kinderfreundliche Gesellschaft kann den Herausforderungen der Zukunft trotzen. Kinder sind das Fundament einer Gesellschaft, auf dem die Zukunft aufbaut. Da ist es doch nur logisch, alles zu tun, damit dieses Fundament so stabil wie möglich ist.

"Deutschland, ein kinderfeindliches Land?" – Buchtipp zum Weiterlesen

Die Journalistin Nathalie Klüver ist alleinerziehende Mutter von drei Kindern, hat mehrere Bücher über modernes Elternsein geschrieben und bloggt unter "ganznormalemama". In ihrem neuen Buch "Deutschland, ein kinderfeindliches Land? Worunter Familien leiden und was sich ändern muss" (Kösel Verlag, 18 Euro) schreibt sie pointiert und fein recherchiert, wieso die gesamte Gesellschaft von mehr Kinderfreundlichkeit profitiert und an welchen Stellschrauben gedreht werden muss, damit wir mehr Chancengerechtigkeit, Vereinbarkeit und Nachhaltigkeit erreichen.

Hinweis der Redaktion: Dieser Artikel enthält unter anderem Produkt-Empfehlungen. Bei der Auswahl der Produkte sind wir frei von der Einflussnahme Dritter. Für eine Vermittlung über unsere Affiliate-Links erhalten wir bei getätigtem Kauf oder Vermittlung eine Provision vom betreffenden Dienstleister/Online-Shop, mit deren Hilfe wir weiterhin unabhängigen Journalismus anbieten können.

Teile diesen Artikel: