Interview

"Wir laufen Gefahr, unsere Kinder zu anti-sozialen Wesen zu erziehen!"

Als im Frühjahr Kitas und Schulen geschlossen wurden, Eltern vor völlig neuen Herausforderungen standen und Kinder weder Freunde noch Spielplätze besuchen durften, entstand die Initiative "Familien in der Krise". Wir haben mit Heike Riedmann, eine der Gründerinnen und selbst Mutter von zwei Kindern (4 und 7), gesprochen: über den aktuellen "Lockdown light", was Quarantäne für Kinder und Familien bedeutet und natürlich über die Arbeit von "Familien in der Krise".

Der zweite Lockdown ist da. Schulen und Kitas bleiben vorerst geöffnet, für Kindergeburtstage gibt es in manchen Bundesländern eine Ausnahmeregelung - unter anderem deshalb wird von einem "Lockdown light" gesprochen. Was hältst du davon, kann man wirklich von "light" sprechen, gerade in Bezug auf Familien?

Grundsätzlich sind wir natürlich erleichtert, dass Kitas und Schulen in diesem Lockdown offen sind und verstehen das als großen Erfolg. Doch alleine, dass sie geöffnet bleiben, kann nicht das Ziel sein. Die Frage ist immer auch wie – und da gibt es je nach Bundesland große Unterschiede. In Bayern herrscht zum Beispiel eine generelle Maskenpflicht für Kinder ab sechs Jahren, in NRW gilt diese nur teilweise, woanders müssen Schüler sogar im Sportunterricht Masken tragen. Auf diese Weise wird eine große Verantwortung an Schulen und Kitas übertragen, die mit der Situation überfordert sind. Auch den Kindern wird eine Menge zugemutet. Viele Einschränkungen können Kinder nicht nachvollziehen: Wie erklären wir, dass sie in der Schule in ihrer Kohorte sitzen und gemeinsam spielen dürfen – aber sich nachmittags nicht mit drei Kindern auf dem Spielplatz treffen dürfen?

Kürzlich waren wir mit meinem Sohn (4) bei meinen Eltern. Dort fragte er mich, ob Corona in Bayern denn so viel schlimmer sei als bei uns in NRW. Was antwortet man da aus Elternsicht? Wie begründet man einem Vierjährigen, dass er nicht mit seinen zwei Freunden im Park spielen darf, obwohl er bereits den ganzen Vormittag mit ihnen zusammen in der Kita war?

Was hast du geantwortet?

Ich habe ihm erklärt, dass verschiedene Menschen verschiedene Entscheidungen treffen. Und dass Corona an manchen Orten ein größeres Problem ist, weil die Menschen dichter zusammen leben als beispielsweise auf dem Land. Natürlich kann er – und alle Kinder – das nur bedingt nachvollziehen. Kinder sind schlau und hinterfragen auf ihre eigene Art. Wenn etwas nicht logisch ist, fällt es ihnen schwer, es zu verstehen.

Was fordert ihr als "Familien in der Krise" konkret und wie setzt ihr euch dafür ein?

Generell fordern wir, dass das Versprechen offener Kitas und Schulen Bestand hat. Damit Kinder sich erfolgreich entwickeln und lernen können, brauchen sie Interaktion, Sozialkontakte und das Erleben mit ganzen Sinnen. Gerade benachteiligte Kinder, die zu Hause nicht die nötige Unterstützung erhalten, oder Kinder mit Förderbedarf drohen sonst unterzugehen. Sie benötigen dringend den Bezug zu Kita und Schule, zu den Freunden, zu Pädagogen und Pädagoginnen.

Weiterhin fordern wir die Einbindung aller Betroffenen. Es darf nicht über die Köpfe von Kindern und Eltern hinweg entschieden werden. Besonders Jugendliche haben eine starke Stimme und sie haben Erfahrungen – sie sollten unbedingt in alle Entscheidungen eingebunden werden! Die Situation, in der sich viele Familien derzeit befinden, können Unbeteiligte nicht abschätzen. Es gibt so vielfältige Problematiken in Familien, weshalb Entscheidungen nur funktionieren können, wenn sie mit den Eltern gemeinsam getroffen werden.

Außerdem, und das ist der für uns wichtigste Punkt, setzen wir uns dafür ein, dass Kinder nicht die gleichen Maßnahmen bekommen dürfen wie Erwachsene. Sie sind einfach keine kleinen Erwachsenen. Maßnahmen müssen verhältnismäßig sein. Bevor Kinder eingeschränkt werden, gilt es, den Alltag und Lebensraum von uns Erwachsenen soweit zu begrenzen, dass wir die Allgemeinbevölkerung schützen. Erst an letzter Stelle dürfen Maßnahmen für Kinder und Jugendliche stehen.

Seit über einem halben Jahr erziehen wir unsere Kinder zu anti-sozialen Wesen, indem wir versuchen, sie von anderen Kindern fernzuhalten. Dabei ist längst klar, dass die großen Infektionsherde nicht in Kitas und Schulen liegen. Schon jetzt haben Kitakinder oft gar keine Erinnerung mehr daran, was normales Spielen und ein normaler Umgang mit anderen Kindern eigentlich ist. Noch schlimmer: Immer wieder berichten uns Eltern, dass sich ihre Kinder für das Infektionsgeschehen verantwortlich fühlen! Es ist die Aufgabe von uns Erwachsenen, unseren Kindern zu vermitteln: "Nein, nicht du als Kind trägst die Verantwortung, sondern wir. Wir als Erwachsene sind für dich verantwortlich." Es ist unsere Aufgabe, Kinder zu schützen und ihnen in Pandemiezeiten möglichst viel Normalität zu geben.

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Ihr habt eine Petition gegen die aktuellen Quarantäne-Regelungen angestoßen und weist darauf hin, dass über 90 Prozent der sich in Quarantäne befindenden Kinder vollkommen gesund sind. Was bedeutet das für die Familien?

Quarantäne ist ein unvorhersehbarer Einschnitt in den Alltag des Kindes. Mit einem großen Garten vor der Tür oder auf dem Land mag das unangenehm sein, doch es ist oftmals noch möglich. Bei einer Familie, die mit zwei Kindern in einer 60-Quadratmeter-Wohnung in der Stadt lebt, sieht das anders aus. Was macht das mit den Kindern?

Kinder haben einen natürlichen Bewegungsdrang. Sie sind soziale Wesen, also auf den Umgang mit anderen angewiesen. So ein abrupter Einschnitt im Alltag bedeutet deshalb Stress, denn sie begreifen nicht, warum sie trotz vollkommener Gesundheit das Haus nicht verlassen dürfen. Über 90 Prozent der Kinder werden nicht in Quarantäne geschickt, weil sie krank sind, sondern nur, weil sie Kontaktperson sind. Dabei sind zwei Wochen für Kinder eine unglaublich lange Lebenszeit, besonders für Kitakinder. Bei uns haben sich bereits Eltern gemeldet, deren Kinder aggressiv werden oder sich plötzlich wieder einnässen, weil sie sich Sorgen machen. Denn sie sind nicht nur eingesperrt, sie wissen auch nicht, was mit ihren Freunden passiert. Sie fühlen sich verantwortlich und schuldig. Das ist eine Verantwortung, die nicht kindgerecht ist und die zu einer permanenten Überforderung führt.

Immer wieder liest man davon, dass Kinder in Quarantäne vom Rest der Familie isoliert werden sollten ...

Das fing in Baden-Württemberg an, wo ein sehr strenges Quarantäneschreiben für Familien versendet wurde. Wir dachten zunächst sogar, dieses sei für Erwachsene gedacht. Das war es aber nicht. Es wurde tatsächlich häusliche Isolation für Kinder angeordnet. Konkret wurden die Eltern aufgefordert, ihr Kind in einem separaten Zimmer komplett zu isolieren. Man muss sich nur mal vorstellen, was das für die Betroffenen bedeutet! Kinder, und das betrifft nicht nur Kleinkinder, sondern auch Zehnjährige, werden mit einer Schuld belastet, gänzlich isoliert und mit ihren Gedanken allein gelassen. Doch gerade wenn es um Kinder geht, bedeutet Gesundheit ja nicht nur Infektionsschutz, sondern ganzheitliche Gesundheit. Dazu gehören psychische Faktoren genauso dazu. Kindergesundheit ist ein umfassendes Konzept.

Eltern gerieten so in einen Zwiespalt, denn dieses Schreiben war eine Anordnung – und an diese muss man sich per se halten. Hinzu kam mitunter noch die Androhung von Herausnahme des Kindes aus der Familie bei Nichteinhaltung der Regelungen! Viele Eltern wussten dann nicht mehr, was sie tun sollen. Natürlich haben wir umgehend die Presse und Ministerien auf dieses Schreiben aufmerksam gemacht. Das Gesundheits- und das Familienministerium haben sich schließlich klar dagegen positioniert. Jens Spahn machte kürzlich erneut deutlich, dass häusliche Isolation, unbegleitet von Eltern, nicht vorkommen dürfe. Und trotzdem werden diese Schreiben weiterhin verschickt. Wir fordern, dass dies umgehend eingestellt wird! Wünschenswert wäre eine Herangehensweise wie etwa in Dänemark: Hier wird von einer liebevollen Begleitung für Kinder gesprochen. Gerade jetzt brauchen sie viel Liebe von ihren Eltern, um diese schwere Zeit zu überstehen.

Ihr habt Briefe von betroffenen Eltern gesammelt und auf eurer Seite veröffentlicht. Daraus wird deutlich, dass selbst die "klassische Durchschnittsfamilie" oft schon im Frühjahr an ihre Grenzen gekommen ist. Alleinerziehende oder Familien mit Kindern in einer Risikogruppe stehen da noch einmal vor ganz anderen Herausforderungen, oder?

Genau. Es gibt einfach keine digitalen Konzepte. Eltern eines Risikokindes können sich überlegen: Nimmt man es aus der Schule heraus, um es gesundheitlich zu schützen? Dann fehlt der Aspekt der Teilhabe. Oder setzt man es dem Risiko aus? Hinzu kommt die finanzielle Belastung in vielen Familien. Zu Beginn der Pandemie hatte das Bundesfamilienministerium gesagt, Homeoffice und Kinderbetreuung bzw. Homeschooling seien eine Herausforderung, aber machbar. Da sagen wir ganz klar: Nein, ist es nicht. Das ist ganz einfach eine Missachtung von Familien und deren Arbeitsleistung sowie aller Kinder und ihrer Rechte.

Auf der anderen Seite steht der wachsende Betreuungsnotstand. Gerade in Kitas kommen immer mehr Aufgaben on top. Es darf nicht soweit kommen, dass Familien aufgrund von Personalmangel erneut hängengelassen werden. Einrichtungen dürfen nicht tageweise schließen oder die Betreuungszeiten kürzen müssen. Kinder brauchen Stabilität. Stattdessen herrscht derzeit große Unsicherheit, ob die Betreuung morgen noch gewährleistet ist oder die Familie in Quarantäne muss. Das hinterlässt Spuren. Wir müssen dahin kommen, dass wir unseren Kindern eine gewisse Verlässlichkeit zusichern können!

Zurück zum Anfang: Wie kam es zur Gründung der Initiative "Familien in der Krise"?

Wir alle erinnern uns an diesen Halbsatz der Leopoldina, der von jetzt auf gleich ein absolutes Alleingelassenwerden von Familien bedeutete. Damals hieß es, Kitas müssten geschlossen bleiben, da sich Kleinkinder nicht an Hygienevorschriften halten könnten, und Schulen dürften nur schrittweise wieder öffnen. Das war der Startschuss für uns als Initiative, denn wir alle hatten diesen einen Gedanken: "Wir müssen was machen!"

Zum Glück klappt Digitalisierung für Erwachsene deutlich besser als an Schulen und Kitas, sodass wir uns schnell im Internet gefunden haben. Ich stieß damals über eine Elternvertreter-Chatgruppe auf Nele, Diane, Franziska und einige andere. Es fing dann an mit unserer ersten Online-Demo, die wir live zu Demos in Düsseldorf, Köln und Bonn schalteten. In kurzer Zeit gab es eine unglaubliche Resonanz von Eltern und wir merkten, das wir auch bei politischen Verantwortungsträgern nachhaltigen Eindruck hinterließen. Schnell wurde uns klar, dass es nicht nur um heute oder morgen geht. Es geht um strukturelle Benachteiligung von Familien. Also haben wir beschlossen, zu bleiben und langfristige Ziele zu entwickeln.

Wir sind erst zufrieden, wenn die Bildung revolutioniert ist, wenn mit Familien, Kindern und allen Beteiligten gesprochen wird, wenn nicht-wirtschaftliche Interessen in den Vordergrund gerückt werden und Kinder den notwendigen Schutz erhalten, der ihnen zusteht.

Wie können Eltern euch unterstützen bzw. mitmachen?

Mittlerweile sind wir bundesweit über 300 aktive Mitglieder, darunter Eltern mit Hintergründen wie Jura, Medizin, Pädagogik, Journalismus und aus verschiedenen Wissenschaftsbereichen. Das macht uns enorm handlungsfähig. Wir sind keine geschlossene Initiative, also sprecht uns einfach an! Schreibt uns über Facebook, Instagram oder per Mail, denn wir sind sehr dankbar für engagierte Leute, die mitmachen wollen.

Instagram: @familien_inderkrise
Facebook: https://www.facebook.com/familieninderKrise
Twitter: @FidK_Bund
Website: https://www.familieninderkrise.com

Unsere Expertin

Heike Riedmann ist 42 Jahre alt und lebt mit ihrer Familie in Köln. Als studierte Diplom-Sozialpädagogin arbeitet sie als Recruiterin für einen großen Konzern. Bereits seit Jahren ist sie gewählte Kita-Elternvertreterin. Deshalb war es ihr ein Anliegen, gerade zu Beginn der Krise und der Probleme, die sich für Familien stellten, zusammen mit anderen engagierten Eltern diese Initiative zu gründen.

"Familien in der Krise" hat langfristige Ziele und möchte die Situation für jede Form von Familien in Deutschland verbessern und Kindern zu mehr Rechten verhelfen.  

 

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