Fragen an die Psychologin

Haben wir uns nach 21 Tagen an den Corona-Alltag gewöhnt?

Tausende Familien in Deutschland igeln sich seit Wochen zu Hause ein – und bei vielen haben sich neue Abläufe und Routinen eingeschlichen. 21 Tage, so sagt man, braucht man im Schnitt, um sich an eine neue Situation zu gewöhnen. Doch gilt das auch für die Ausnahmesituation während einer Pandemie? Wir haben nachgefragt.

Seit Wochen tourt Ulrike Scheuermann durch die Talkshows des Landes – und beschäftigt sich intensiv mit den psychologischen Auswirkungen der Pandemie. Wir wollten von der Diplom-Psychologin und Bestseller-Autorin ("Self Care – Du bist wertvoll") wissen, ob es stimmen kann, dass wir alle uns schon mehr an die neue Situation gewöhnt haben, als wir uns eingestehen wollen. Benötigt der Mensch im Schnitt tatsächlich nur drei Wochen, um sich an ein Leben anzupassen, das noch vor kurzer Zeit komplett anders aussah?

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Unsere Expertin

Ulrike Scheuermann lebt in Berlin und ist seit fast 25 Jahren Diplom-Psychologin. Sie baute den Berliner Krisendienst mit auf, war dort ein Jahrzehnt lang tätig. Heute unterstützt sie Menschen dabei, "das Wesentliche zu leben". 

Die Antwort der Expertin:
"Diese 21 Tage sind ein Mythos, den sich irgendwann mal jemand ausgedacht hat und der ein wirkliches Forschungsergebnis verfremdet: Hier kam nämlich heraus, dass man mindestens 21 Tage benötige, um eine Gewohnheit zu verändern. Daraus wurde 'Es braucht GENAU 21 Tage'. Drei Wochen sind überschaubar, so ist es leichter, sich für etwas zu motivieren, zugleich ist es lang genug, um noch plausibel zu klingen. Daher wahrscheinlich dieses 'Ummodeln'.

Neuere sozialpsychologische Studien zeigen aber: Im Durchschnitt dauert es mindestens zwei Monate bis zu einem Jahr, bis eine neue Gewohnheit automatisch wird. Und das variiert dann auch noch sehr – je nach Art und Länge der Gewohnheit, der Testperson und den Umständen. Andere Studien, zum Beispiel beim Ändern von Essgewohnheiten, nennen sogar ungefähr drei Jahre, bis das neue Verhalten wirklich stabil ist.

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In der Coronasituation geht es aber auch nicht darum, eine einzelne Gewohnheit wie regelmäßiges Joggen zu verändern. Sondern wir müssen uns an eine in fast allen Lebensbereichen komplett neue Gesamtsituation gewöhnen. Das heißt, viele Gewohnheiten müssen geändert werden.

Hierzu finde ich die 'Set-Point-Theorie' aus den 1990er-Jahren interessant. Sie besagt, dass man sich nach einem positiven oder negativen Lebensereignis oder in einer neuen Lebenssituation nach einer vorübergehenden Abweichung bald wieder auf den vorherigen Wert der Lebenszufriedenheit einpegelt. Nehmen wir den Klassiker Lottogewinn: Der Gewinner ist nach einigen Monaten Euphorie wieder so zufrieden wie vorher. Oder auch nach einer Trennung pegelt man sich irgendwann weitgehend wieder auf dem vorherigen Niveau ein.

Wie einschneidend jemand die Coronasituation erlebt, hängt ganz wesentlich davon ab, was man behält oder verliert.

Ich höre von vielen, dass sie sich in der jetzigen Situation einrichten können, sie nutzen die Zeit sogar zum Entschleunigen und persönlichen Runterfahren ... Viele haben zurzeit auch weniger Arbeit, dafür verbringen sie mehr Zeit mit der Familie, gehen öfter raus und kommunizieren häufiger und tiefgehender, digital, mit Freunden und Familie. 

Das Erleben ist jedoch zweigeteilt: Es gibt ebenso diejenigen mit extremem Stress, weil sie zum Beispiel alleinerziehend mit kleinen Kindern im Homeoffice arbeiten und das nicht immer gut zu vereinbaren ist. Andere haben kein Geschäft mehr und wissen nicht, wann ihr Business wieder laufen wird. Das macht Sorge und auch Angst. 

Wir werden Zeit brauchen, um in ein normales Leben zurückzukehren. Der Alltag nach Corona wird nach meiner Einschätzung nicht so sein wie unser gewohntes Leben davor. Im besten Fall nutzen wir die Krise als Möglichkeit zur Weiterentwicklung und lernen daraus – etwa, dass weniger mehr ist oder welchen Wert Geld wirklich hat oder wie wichtig gute Beziehungen sind."

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Unsere Autorin

Claudia Weingärtner

Jahrelang reiste sie als Reporterin um die Welt. 2014 aber begann ihr größtes Abenteuer: Sie wurde Mama von Zwillingen.

Seitdem übt sie täglich den Spagat zwischen Jobdingen und Kinderkram – und verarbeitet den Muskelkater und andere Konsequenzen u.a. in Briefen, die sie an ihre beiden Kinder schreibt und auf zwillimuddi.com veröffentlicht. Seit April 2020 ist sie Chefredakteurin von "Leben & erziehen".

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