Großes Konfliktpotenzial

Wenn Großeltern sich in die Erziehung einmischen

Oma und Opa sind für uns Eltern meist Gold wert. Sie betreuen die Kleinen und entlasten unseren Alltag. Doch was passiert, wenn sie in Sachen Erziehung alles besser wissen und sich einmischen wollen? Wir haben uns in Familien umgehört und einen Experten befragt.

"Habt ihr denn keine festen Essenszeiten?", "Ben sollte weniger fernsehen", "Das Kind muss längst ins Bett!" und "Pia sollte lernen, sich alleine zu beschäftigen." Solche oder ähnliche Sätze kennen wir alle. Häufig sind es harmlose, gut gemeinte Ratschläge für Eltern von ihren Eltern. Das Problem: Sie kommen nicht immer gut an.

"Großeltern können toleranter sein, sollten sich aber an die Regeln halten"

Fakt ist dennoch: Für die meisten jungen Familien sind Großeltern eine große Stütze in Sachen Betreuung und Erziehung ihrer Kinder. Und auch die Enkel genießen die Zeit mit Oma und Opa. Diplompsychologe Dr. Wolfgang Krüger zufolge profitieren Enkel von den durchschnittlich fünf Stunden in der Woche mit den Großeltern, weil sie "meist mehr Zeit haben als die Eltern, entspannter sind, besser zuhören können und Anerkennung geben." Das Gefühl von Bodenständigkeit und Geborgenheit steigere neben dem Selbstbewusstsein auch die emotionale Stabilität der Enkelkinder. Krüger zufolge sind die Kleinen sogar besser in der Schule, weil durch die Großeltern als "Zukunftsspiegel" auch die Neugierde am Lernen mit allen Sinnen größer wird. Reden sie Eltern zu viel in die Erziehung rein, kann das ganz schön nerven und zu unnötigem Streit führen.

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Unser Experte

Dr. Wolfgang Krüger (72) 

Psychotherapeut und Autor aus Berlin. Für sein Buch "Die Geheimnisse der Großeltern" (BOD, 13,90 Euro) beschäftigte er sich intensiv damit, was Omas und Opas falsch machen können.

Jedes zweite Elternpaar hat Konflikte mit Oma und Opa

Einer aktuellen Umfrage der University of Michigan zufolge führen abweichende Erziehungsansichten der Großeltern zu regelrechten Generationenkonflikten. In der US-Studie von August 2020 wurden 2016 Eltern von Kindern zwischen 0 und 18 Jahren befragt. Das Ergebnis zeigt, dass etwa die Hälfte der Eltern schon einmal wegen Erziehungsangelegenheiten mit den eigenen Eltern in Streit geraten ist. 43 Prozent der Befragten haben ihre Eltern gebeten, ihr Verhalten so zu ändern, dass es ihren eigenen Regeln entspricht – mit mäßigem Erfolg.

Genereller Knackpunkt ist für 57 Prozent der Befragten das Thema Disziplin, gefolgt von Mahlzeiten (44 Prozent) sowie Streit um Fernsehdauer und Smartphone-Nutzung (36 Prozent). Zudem bieten das Benehmen (27 Prozent), Sicherheit und Gesundheit der Kinder (25 Prozent) Konfliktpotenzial.

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Wenn Großeltern Dinge erlauben, die die Eltern verbieten, oder umgekehrt, könne es nicht nur zu Spannungen zwischen Eltern und Großeltern, sondern auch zu Verunsicherungen bei den Kindern führen, sagt Sarah Clark, Kinderärztin und Co-Leiterin der Studie. Klassiker: Oma und Opa berufen sich auf Maßnahmen aus ihrer eigenen Erfahrung und "weil man es eben schon immer so gemacht hat".

Aber: Nur 17 Prozent der Omas und Opas lehnen es laut der US-Studie ab, sich an die Regeln ihrer Kinder zu halten. Bei jeder vierten Familie kam es deshalb schon einmal zu einem größeren Streit – bei 15 Prozent gipfelten die Auseinandersetzungen sogar in einer Beschränkung der Besuchszeit.

Respekt gegenüber den Erziehungsberechtigten

Sollten sich Großeltern also im Umgang mit den Enkeln strikt an die Regeln ihrer Kinder halten? "Grundsätzlich ja, aber sie dürfen toleranter sein", sagt Psychotherapeut Krüger. "Da gibt es eben auch mal Süßigkeiten und Fernsehen, was sonst vielleicht nicht erlaubt ist. Die Großelternwelt ist immer etwas gewährender und fröhlicher." Generationenkonflikte sind nichts Neues, grundsätzlich hält der Therapeut es jedoch für problematisch, wenn Großeltern immer alles besser wissen, sodass "die immer vorhandenen Minderwertigkeitsgefühle der Eltern bestätigt werden".

Für mehr Harmonie und gemeinsame Zeit empfiehlt der Experte: "Großeltern sollten sich mit unerwünschten Ratschlägen zurückhalten – oder vorher fragen, ob ihre Kinder es wissen wollen." Einen Tipp für Mamas und Papas hat er aber auch noch: "Es wäre schön, wenn Eltern die gelegentlichen Ratschläge ernst nehmen – und die zu häufigen mit Humor ertragen."

Haben Großeltern eigentlich Umgangsrecht?

Während Eltern das Umgangsrecht mit ihren Kindern grundsätzlich zusteht, ist es bei Oma und Opa nur unter besonderen Voraussetzungen gegeben und in § 1685 BGB geregelt.

  • Großeltern dürfen nur Umgang mit dem Enkelkind haben, wenn es dem Wohl des Kindes dient und wenn die Bindung für dessen Entwicklung förderlich ist.
  • Die Beurteilung der Kindeswohldienlichkeit erfolgt nur aus Sicht des Kindes!
  • Das Verwandtschaftsverhältnis allein ermächtigt Großeltern nicht, die Enkel z. B. von der Kita abzuholen – sie benötigen eine elterliche Vollmacht.
  • Problematisch für das Kindeswohl: Streit zwischen Eltern und Großeltern, durch den das Kind in einen Loyalitätskonflikt gerät.
  • Für das Kindeswohl haben Großeltern das Erziehungsprimat des/der Sorgeberechtigten uneingeschränkt zu respektieren.
  • Im Streitfall muss das Familiengericht über das Umgangsrecht entscheiden.
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