Halloween im Corona-Herbst

Süßes, sonst gibt's SARS-CoV-2!

Die Empfehlung von Bund, Ländern und Ärzten ist klar: An Halloween sollen Kinder dieses Jahr nicht um die Häuser ziehen. Dass sie am Samstag keine Gruselparty schmeißen muss, ist für unsere Autorin (auch ganz abgesehen von der Pandemie) eine der besten Nachrichten des Monats. Was ihr nicht in den Kopf will: Wie, um Himmels Willen, kann man seine Kinder trotz der aktuellen Situation verkleidet in die Nachbarschaft schicken ...?

Wieso ich Halloween hasse

Also, einmal kurz vorweg: Ich bin ein Kölsche Mädche, und demnach in einer Stadt zur Welt gekommen, in der man den späteren Spaß an Verkleidungspartys quasi in die Wiege gelegt und mit der Muttermilch eingeflößt bekommt. Karneval war ein Fest, das in meiner Kindheit auf der Beliebtheitsskala gleich hinter Geburtstag und Weihnachten folgte.

Mit Halloween hingegen konnte ich nie so richtig viel anfangen. Zu Studenten-Zeiten gab's halt irgendwo eine lustige Party und das war's dann. Doch seitdem ich Mutter bin, habe ich Halloween regelrecht zu hassen gelernt. Denn ernsthaft: Aus Elternsicht ist das doch der pure Graus. 

Das ganze Jahr über erklären wir unseren Kindern, dass sie nicht zu Fremden nach Hause gehen und bloß keine Süßigkeiten annehmen sollen. Dass sie die Tür nicht öffenen sollen, wenn da jemand steht, den sie nicht kennen. Dass sie nicht tütenweise Süßkram essen und es nicht übertreiben sollen, wenn sie keine Bauchschmerzen bekommen wollen. Dass Spinnen und kleine Krabbeltiere nicht ins Haus gehören. Dass sie freundlich zu ihren Mitmenschen und bitte nicht unverschämt sein sollen. 

Dann kommt der 31. Oktober – und alle Regeln sind plötzlich außer Kraft: 

Zu Fremden gehen? Klar! Süßigkeiten von ihnen annehmen, auch wenn die Gummibärchen steinhart, die Schokoriegel mit Haltbarkeitsdaten aus dem letzten Jahrzehnt versehen sind (weil ja gefühlt in jedem dritten Haus Halloween nur ein Anlass ist, um die verstaubten Rest-Vorräte aus der Süßigkeitenschublade loszuwerden)? Immer rein in den Kürbis-Eimer! Tür aufmachen, auch wenn da ein Zombie neben einem Skelett steht und man nicht im Ansatz erkennen kann, wer oder was sich dahinter verbirgt? Auf jeden Fall! Marshmallows als Vorspeise, Lollis zum Hauptgang, Chips zum Nachtisch: bestes Menu! Ach, und mit den künstlichen Spinnweben aus dem Dekoladen kriegt man jedes zuvor geputzte Wohnzimmer garantiert wieder schmutzig, die kleinen Plastikspinnen müssen auch in jeder Sofaritze verteilt werden. Höflichkeit, was war das noch mal? Wer nichts gibt, dem klatschen wir Eier an die Hauswand! Und zu schnorren ist doch das normalste der Welt ...

"Nehmt unseren Kindern nicht auch noch DAS!"

Falls ihr mich für eine Spießerin haltet: Natürlich habe ich mich in den letzten Jahren all dem Mist gebeugt, mir gedanklich zurecht gelegt, dass das ja doch alles nur Ausnahmen sind, wohlwissend, dass der Hype um das Grusel-Event Halloween für viele Kids zu DEM Jahres-Highlight noch vor dem 24. Dezember macht.

Ich möchte zu meiner Verteidigung sogar gestehen, dass ich letztes Jahr sogar selbst eine nicht ganz kleine Halloweenparty für sehr viele Kinder bei uns zu Hause organisierte, mir eine fette Spinne auf den Kopf setzte und mich sehr unspießig dabei fühlte. 

Aber ganz ehrlich: In DIESEM Herbst?!

Kürzlich haben wir eine Umfrage auf unserer Facebookseite von Leben & erziehen gestartet, weil wir wissen wollten, wie Eltern in diesem Jahr mit Halloween umgehen. Eindeutiger Tenor: Die meisten wollen ihren Kindern nicht auch DAS noch nehmen. Und sie trotzdem ziehen lassen. Nur zu den direkten Nachbarn, nur im kleinen Kreis – aber das alles komplett ausfallen lassen, damit können sich offenbar die wenigsten anfreunden. 

Und das ist mir nicht nur ein Rätsel, sondern macht mich richtig sauer. 

Bleibt. Zu. Hause.

So ziemlich alle Eltern, die ich kenne, hat der erste Lockdown mit dem Spagat zwischen Haushalt, Homeoffice und Homeschooling mehr gefordert als alles andere in ihrem Leben. Am Montag starten wir in den zweiten Lockdown – und 48 Stunden vorher wollen nicht wenige Menschen offenbar allen Ernstes noch mal ausnutzen, dass die Regeln noch nicht in Kraft sind?!

Wir können so froh und dankbar sein, dass die Kitas und Schulen dieses Mal vorerst geöffnet bleiben. Wer am Samstag den Halloween-Umzug wagt, hat offenbar großes Interesse daran, dass sich das ganz schnell wieder ändert. Und möchte dazu noch bewusst die Nachbarschaft gefährden. Süßes, sonst gibt's SARS-CoV-2.

Backt euren Kids eine Halloween-Torte, lasst sie meinetwegen den eigenen Süßigkeitenschrank plündern und guckt Gruselfilme. Aber bitte: Bleibt zu Hause! 

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Unsere Autorin

Claudia Weingärtner

Jahrelang reiste sie als Reporterin um die Welt. 2014 aber begann ihr größtes Abenteuer: Sie wurde Mama von Zwillingen.

Seitdem übt sie täglich den Spagat zwischen Jobdingen und Kinderkram – und verarbeitet den Muskelkater und andere Konsequenzen u.a. in Briefen, die sie an ihre beiden Kinder schreibt und auf zwillimuddi.com veröffentlicht. Seit April 2020 ist sie Chefredakteurin von "Leben & erziehen".

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