Gastbeitrag von Katharina Mahrt

Corona zwingt uns, politisch zu werden!

Katharina Mahrt (32) aus Berlin hat ein einen dreijährigen Sohn – und stößt wie Tausende andere Eltern gerade im Homeoffice an ihre Grenzen. Jetzt hat sie eine Petition gestartet, die Familien finanziell unterstützen soll. Und hat uns beschrieben, wie es dazu kam.

Arbeiten bis zur Erschöpfung

"Seit sechs Wochen betreuen mein Mann und ich unser dreijähriges Kind zu Hause. Parallel dazu arbeiten wir im Home-Office: zusammen kommen mein Mann und ich regulär auf knapp 70 Stunden Arbeitszeit in der Woche. Unser ohnehin brüchiges Vereinbarkeits-Kartenhaus ist durch die Kitaschließungen und Kontaktbeschränkungen im Kontext der Corona-Pandemiebekämpfung nun gänzlich in sich zusammengefallen: Es fehlt sowohl die professionelle als auch private Unterstützungsstruktur. Das bedeutet für mich arbeiten bis zur Erschöpfung. Entweder widme ich mich meinem Kind, der Arbeit oder dem Haushalt. Freie Zeit für mich oder meinen Partner fehlt.

Mein dreijähriges Kind hat ganz neue Ängste entwickelt, es will am liebsten gar nicht mehr aus dem Haus gehen. Egal ob ich auf die Toilette möchte oder eine wichtige Videokonferenzschalte habe, mein Kind möchte jetzt immer mit dabei sein. Da ich noch in Probezeit bin, mache ich mir Sorgen, welchen Eindruck das bei meinem Arbeitgeber hinterlässt. Besonders produktiv bin ich zur Zeit jedenfalls nicht! Homeoffice und Kinderbetreuung zusammen sind einfach nicht möglich.

42.000 Unterschriften in einer Woche gesammelt

Mein Kind braucht gerade viel mehr Fürsorge als zuvor. Gleichzeitig kann ich nicht die Mutter sein, die ich gerne wäre und die mein Kind verdient hat. Ganz oft muss der Fernseher aushelfen, wenn ich eine wichtige Deadline auf der Arbeit habe. Und auch mein Nervenkostüm ist merklich dünner geworden. Ich meckere mehr als mir lieb ist.

Ein paar Wochen hält man das durch. Aber als klar wurde, dass dieser Zustand sich über Monate hinziehen könnte, habe ich eine Petition an Bundeskanzlerin Angela Merkel gestartet. Ich fordere mehr Unterstützung für Eltern in der Coronakrise in Form eines Corona-Kindergeldes von 1.000 Euro pro Familie. Alleinerziehende, Eltern mit mehreren Kindern und mit Kindern mit Behinderungen sollen zusätzlich unterstützt werden. Über 42.000 Eltern haben den Eil-Appell auf der Plattform Change.org innerhalb einer Woche unterschrieben.

Über den Erfolg der Kampagne freue ich mich. Es ist total viel Arbeit an einem Zeitpunkt, an dem wir ohnehin unsere Grenzen überschreiten. Was mich antreibt weiterzumachen, ist dass es viele Familien gibt, die es noch härter getroffen hat und denen die Kraft oder die Stimme fehlt selbst aktiv zu werden. 

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Auch Eltern haben Solidarität verdient

Ich war fassungslos, als nach vier Wochen Kita- und Schulschließungen Angela Merkel in ihrer Pressekonferenz am 16.04. die Kitaschließungen mit keinem einzigen Satz erwähnte. Die Politik scheint die Situation der Familien als unvermeidlichen Kollateralschaden aufzufassen - als ob es ein reines Privatproblem sei. Aber Kinder sind keine Hobbies - wir müssen als Gesellschaft zusammenstehen, und gemeinsam solidarische Lösungen finden. 

Meine Situation ist kein Einzelfall. Betroffen von der Doppelbelastung sind laut DIW etwa 4,2 Millionen Familien mit Kindern bis zu zwölf Jahren, bei denen beide oder alleinerziehende Elternteile erwerbstätig sind. Der große Zuspruch zu meiner Petition ist daher kein Wunder. Wir Eltern können uns nicht einfach damit abfinden, dass es keine politischen Antworten dafür gibt, wie wir die Folgen der Kita- und Schulschließung auffangen sollen. Und deswegen engagiere ich mich gemeinsam mit anderen Müttern (und einem Vater) aus der Initiative "Kitakrise" und dem Verein "Elternstimme" für Veränderungen.

Die bisherigen Maßnahmen, wie Kurzarbeit und Verdienstausfall laut Infektionsschutzgesetz reichen nicht aus, gelten nur für eingeschränkte Gruppen und sind zudem zeitlich befristet. Für viele Familien bedeutet das existenzbedrohende Einkommenseinbußen hinnehmen zu müssen oder hat eine Doppelbelastung durch die 24 Stunden Kinderbetreuung neben dem Beruf zur Folge. Und in den meisten Fällen sind es Frauen, die nun beruflich zurückstecken, um sich um die Kinder zu kümmern. Rentenpunkte zum Ausgleich: Fehlanzeige.

Lockerungen wären ohne Protest undenkbar gewesen

Kinder sind von den Kontaktbeschränkungen indes ungleich härter betroffen als Erwachsene. Kinder können sich nicht mit einem anderen Kind alleine zum Spazierengehen treffen. Das was einen normalen Kinderalltag ausmacht, ist verboten: der Besuch der Kita, der Ausflug zum Spielplatz oder Zoo und das Treffen mit den Freunden/-innen. 

Berlin hat nun als erstes Bundesland auf die Nöte der Eltern und Kinder gehört und erlaubt feste, kleine und private Betreuungsgemeinschaften mit bis zu drei Kindern. Auch die Spielplätze werden hier geöffnet, manche Bezirke richten sogar temporäre Spielstraßen ein. Das ist eine ungemeine Erleichterung für uns und beendet die soziale Isolation unserer Kinder und gibt Stadtkindern wie meinem Sohn wieder einen Platz zum draußen sein. Diese Lockerungen wären ohne den Elternprotest undenkbar gewesen.

In dieser Woche wird nun auf der Bundesebene entschieden, wie es für die Kitas nach dem 6. Mai weitergeht. Neben der reinen Entscheidung ob und wie Kitas und Schulen wieder geöffnet werden können, muss es dabei auch endlich darum gehen, wie wir Eltern entlastet werden. Bis es einen Impfstoff gibt, wird es keine Rückkehr zur Normalität geben. Auch wenn die Kitas die Notbetreuung nun schrittweise und die Schulen eingeschränkt öffnen, sind wir nicht sicher, ob bei einem erneuten Ausbruch des Coronavirus ein erneuter Lockdown nötig wird.

Auch vor Corona engagierte sich Katharina bereits für diverse Projekte:

Geld allein löst nicht alle Problem - aber es wäre eine große Hilfe

Viele Eltern sind aktuell vor finanzielle Probleme gestellt und haben Existenzängste. Leider macht sich dieser zusätzliche Stress negativ bemerkbar, wie man anhand der Studien zu häuslicher Gewalt gegen Frauen und Kinder ablesen kann. Diese Zukunftssorgen könnten durch eine finanzielle Hilfe abgefedert werden.

Ein Corona-Kindergeld von 1.000 Euro für Familien ist der einfachste, schnellste und gerechteste Weg, um Familien in der Coronakrise zu unterstützen. Es muss nicht extra beantragt werden. Der universelle Ansatz spart Kosten und Ressourcen bei der Verwaltung. Ein einkommensunabhängige Förderung kommt Familien mit kleinen Einkommen zu Gute. Und mit einem Corona-Kindergeld können Familien selbst entscheiden, was ihnen am meisten hilft: die Stunden reduzieren und damit den Verdienstausfall ausgleichen oder einen Babysitter zu engagieren zur Entlastung. Wichtig wäre dazu ein Kündigungsschutz für Eltern. Und das Kindergeld sollte nicht länger auf ALG2 angerechnet werden, damit sich Kinderarmut in der Krise nicht weiter ausbreitet.

Ich finde es richtig und wichtig, dass wir als Gesellschaft alle zusammenstehen ...

... und dafür sorgen, dass sich die Pandemie nicht weiter ausbreitet und Risikogruppen – zu denen auch Kinder, Eltern und Erziehern/-innen zählen – geschützt werden. 

Aber wir können dabei die Eltern nicht einfach mit den Folgen der Kita- und Schulschließungen sich selbst überlassen. Deswegen rufe ich andere Eltern dazu auf, sich direkt mit ihren Forderungen an die Politik zu wenden. Es wäre ein starkes Zeichen, wenn Angela Merkel unsere Petition annimmt, und die Familien selbst zu Rate zieht, was sie brauchen, um gut durch diese Zeit zu kommen."

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