Hamstern vor den Feiertagen

Wie mich der anstrengendste Ostereinkauf aller Zeiten zum Heulen brachte

Unsere Autorin wollte eigentlich nur schnell ihre Ostereinkäufe erledigen. Doch der Besuch im Supermarkt wurde zur Nervenzerreißprobe.

Das war's. Ich werde meine Kinder nicht mehr mit zum Einkaufen nehmen – jedenfalls bis auf's Weitere. Denn gestern hatte ich den anstrengendsten Supermarkt-Besuch aller Zeiten, und er endete mit Tränen. Im Übrigen nicht bei meinen beiden Fünfjährigen, sondern bei mir.

Vorweg: Wir nehmen #Stayhome schon länger als viele andere sehr ernst, und natürlich versuche auch ich, die Lebensmittelbeschaffung alleine zu erledigen. Diese Woche aber hielt es für eine gute Idee, den Oster-Einkauf auf den Mittwoch zu legen, wo vielleicht noch nicht alle komplett durchdrehen würden – auch, wenn ich so meine Zwillinge dabei haben würde. Ich beschloss außerdem, dass es klug sei, dieses Mal nicht im Hofladen ums Eck einzukaufen wie so oft in den vergangenen Wochen, sondern acht Kilometer zu fahren, dafür in einem der größten Supermärkte der Stadt dann aber alles zu bekommen. Das Problem: Diese Idee hatten neben mir auch ungefähr 1387 andere. 

Schon im Eingangsbereich um die Schokohasenaufsteller dichtes Gedrängel. "Bitte bleibt bei mir, haltet Abstand, fasst nichts an und Euch nicht ins Gesicht", bete ich die neuen Einkaufsregeln runter, während meine Tochter mit einem Jungen zusammenstößt und mein Sohn in der Nase bohrt. "Abstand bitte", mahne ich nochmal und etwas lauter, "und BITTE, Schatz: Finger aus dem Gesicht!"

Ostergeschenke? Fehlanzeige!

Dann die Spielzeugabteilung. Zwei Mütter streiten (kein Witz) um die letzte Meerjungfrauen-Babyborn, und was soll ich sagen: Ich habe Verständnis. Denn meine Osterhasenbestellung (nach sehr expliziten Wünschen) liefert Amazon wider Erwarten frühestens im Mai, obwohl ich schon im März geordert habe – und hier im Supermarkt ist alles so abgegrast, dass auch der Plan, heimlich etwas in den Wagen zu schmuggeln, die Theorie bleibt.

In der Obstabteilung. Ich lasse den Einkaufswagen bei den Erdbeeren stehen, um an die Bananen zu kommen. "SCHON MAL WAS VON ABSTAND GEHÖRT?!", raunzt ein mindestens 1,50 Meter entfernt stehender Typ, und schiebt ein Schimpfwort hinterher, das ich ungern wiederholen möchte. Geht's noch?

Bei den Hygieneartikeln. Ein Teenager schießt an uns vorbei, als sei er auf der Zielgeraden eines entscheidenden 100-Meter-Laufs. Während er sich das letzte Paket Klopapier sichert, kratzt meine Tochter sich in den Mundwinkeln. "Mann Elli", schimpfe ich, "das darf doch nicht wahr sein, hast Du es wirklich noch nicht verstanden?!"

Als wir an der Kasse warten, tragen ausnahmslos ALLE um uns herum Masken. Der Mann vor uns hat eine Schlafmaske zweckentfremdet, die Frau hinter uns ein Mulltuch, selbst das Kind im Einkaufswagen neben uns hat einen Schal vor dem Mund. Vor uns stehen vierzehn Menschen, alle mit übervollem Wagen, während ich die Hälfte (sogar das Salz) vergessen habe, aber nicht mehr zurück will und mich frage, ob ich ein schlechter Mensch bin, weil ich als offenbar einzige Einkäuferin noch keinen Mundschutz genäht habe.

Leben & erziehen Abo + Geschenk

Dein Begleiter von der Schwangerschaft über die Geburt bis hin zum Alltag mit Kindern. Jetzt mit 25% Rabatt testen!

Endlich auf dem Rückweg

Ernste Frage von der Rückbank, als wir endlich im Auto sitzen. "Mami", erkundigt meine Tochter sich mit ihrer zuckersüßesten Stimme, "wieso warst Du gerade so blöd zu uns?" Ich schlucke, meine Augen schwitzen. Die beiden waren lieb. Sind bei mir geblieben, hielten Abstand, wo es ging – und haben sich gekratzt, als es juckte, so wie Kinder das nun mal tun.

Meine Überreaktion hatte viel mehr mit diesen anderen Menschen zu tun. Wieso sind plötzlich alle so aggressiv? Wieso gönnt man sich hier nicht mal mehr die Hefe im Osterzopf – wieso schnauzt mich ein Fremder an, als hätte ich seine Großmutter vergiftet? Ich fahre rechts ran, drehe mich nach hinten, entschuldige mich sanft, und erkläre ihnen ruhig, was ich ihnen seit Wochen erkläre. Die beiden nicken verständnisvoll, und lauschen Sekunden später schon vertieft den drei Fragezeichen, so dass ich kurz meine Tränen laufen lassen kann, auch wenn ich weiß, dass es größere Probleme in der Welt da draußen gibt und mein Geheule ein bisschen albern ist.

Aber dass ich gerade das vorerst letzte Mal mit meinen Kindern einkaufen war und ich nicht den blassesten Schimmer habe, wann ich sie wieder mitnehmen werde: das beweist, dass ein weiteres Stück Normalität flöten geht. Das beweist, wie seltsam diese Zeiten sind.

Eure Meinung ist gefragt!

Profilbild

Unsere Autorin

Claudia Weingärtner

Jahrelang reiste sie als Reporterin um die Welt. 2014 aber begann ihr größtes Abenteuer: Sie wurde Mama von Zwillingen.

Seitdem übt sie täglich den Spagat zwischen Jobdingen und Kinderkram – und verarbeitet den Muskelkater und andere Konsequenzen u.a. in Briefen, die sie an ihre beiden Kinder schreibt und auf zwillimuddi.com veröffentlicht. Seit April 2020 ist sie Chefredakteurin von "Leben & erziehen".

Teile diesen Artikel: