Die Kinderlos-Kolumne

Willkommen in Chillomania

Ohne Helikopter. Ohne rosarote Brille. Ohne Mama-Gen. Kids und ihre Eltern einfach aus anderer Perspektive betrachtet. Von einer, die es nicht besser weiß. Eine kleine Kolumne mit Herz, Humor, ein bisschen Kritik und ganz viel Respekt.

"Ich muss erst die richtige Balance zwischen Chillen und Erleben finden." Nach diesem Post meiner 18-jährigen Nichte in ihrer WhatsApp-Gruppe aus ihrem USA-Aufenthalt, wusste ich, dass es wahr ist: Die junge Generation hat eine selbsterklärte Lieblingsbeschäftigung und die heißt chillen. Danach kommt erst mal gaaanz lange gar nichts.

Und "Handychillen" ist das, wonach es klingt. Auf dem Bett oder Sofa lümmelnd stundenlang am Smartphone herumdaddeln, Musik hören, spielen, chatten und lustig verrückte Emoticons mit Satzfragmenten an Freunde schicken. Vorsicht: Es handelt sich möglicherweise um eine Art meditative Haltung. Bitte nicht stören, young men under construction! Gerade fertige Abiturienten fallen in das Chill-Loch, nachdem sie mit der Schule ihre äußere Struktur hinter sich gelassen haben.

Orientierungslosigkeit bei Jugendlichen

Zu Hause wird aufgrund der Erwartungshaltung der Eltern viel gelitten, gestritten und – gechillt. Weil außer "Ich weiß nicht" nichts kommt, was darauf schließen lassen könnte, was die Jugendlichen antreibt, um den nächsten Schritt in Richtung Zukunft zu tun. Sie wissen nicht nur nicht, was sie jetzt mit sich anfangen sollten, sie wissen auch nicht, wer sie sind. Orientierungslosigkeit auf ganzer Linie. Da sind die Erwachsenen wenig hilfreich. Denn stört man die Halbstarken bei der Untätigkeit des Chillens, kann das schwerwiegende Folgen haben. Sie geraten dann vollkommen aus den Takt.

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Entspannt euch!

Also, bitte lasst ihnen ihre Zeitlupe, sie ist wichtig für die geistige und womöglich auch für die körperliche Reifung. Irgendwie hat man nicht mehr den Eindruck, dass die jungen Leute wirkliche Interessen haben, sich für die Sache einsetzen (lassen wir Greta einmal außen vor), dass sie sich bereitwillig stressen oder ihren Tag mit Terminen und Hobbys vollknallen. Alles ganz gechillt, bitte! "Jetzt entspannt euch mal!" Diesen Satz kennt jeder aus der parentalen Generation.

Jobben ohne Stress

In der Tat: Die Chillenden beherrschen ihr Phlegma perfekt, ganz ohne Scham, und sie stehen offen dazu. Wahrscheinlich hätten wir uns früher nicht getraut, unsere Langsamkeit und Kontemplation derart zu feiern. Es ging doch immer darum, viel zu erleben und die Unendlichkeit des Tages möglichst sinnvoll zu füllen. Heute schadet zu viel Stress der Work-Life-Balance. Wer nach der Schule jobbt, sucht sich seinen Teilzeitjob und achtet akribisch darauf, dass der nicht zu anstrengend ist und zu den individuellen Bedürfnissen passt.

Zu Hause abhängen

Geld, Auto, Statussymbole (nehmen wir das Handy mal raus): Nebensache. Ebenso uninteressant wie rauschende Partys und wummernde Clubs. Sich nicht festlegen zu wollen ist angesagt. Unverbindlich bleibt vieles im Raum stehen. Die Vielfalt der Optionen hemmt die Entscheidungsfähigkeit und drückt den Pause-Knopf. Ich erlebe selbst die Kinder meiner Freunde meistens abends zu Hause, auch am Wochenende. Es wird gechillt (mit und ohne Handy), gestreamt, manchmal mit Freunden, alleine oder auch mit den Eltern.

Die Welt hat sich verändert, die Kids ticken anders

Ich kenne Ü-18-Jährige, die bis heute keine Disco von innen gesehen haben und das in vollem Bewusstsein. Nicht mega genug. Die Welt hat sich verändert, die Kids ticken anders, sind irgendwie entspannter, aber vielleicht dafür mehr bei sich. Hat, wer chillt, eher die Fähigkeit, auf sein Bauchgefühl zu hören? Vielleicht tut es ihnen wirklich gut, vielleicht können sie so einen Burn-out überlisten, bevor er entsteht, vielleicht macht es unsere Welt gefälliger, unsere Kinder sich selbst bewusster und lässt auch uns Großen in unserem Alltagswahn ruhiger werden. Wir sollen uns also entspannen. Dann werden sie schon ihr Plätzchen finden. Mal ganz gechillt abwarten!

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Unsere Autorin

Antonia Müller

Schon als Schülerin hat Antonia Müller Bücher verschlungen, Theater gespielt, Geschichten geschrieben und Hörspiele vertont. Auf Germanistikstudium und Textschmiede folgten Redaktionsjobs für Internet, TV und Verlage.

Zwölf Jahre Kreation von erfolgreichen Ideen und Texten in der Werbung runden ihr Profil als Story Teller ab. Für Junior Medien schreibt sie heute Wissenswertes über Familie, Kind und Kegel. Was noch fehlt, ist ihre erste Romanveröffentlichung.

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