Die Kinderlos-Kolumne

Neu-Mamis und ihre Macken

Unsere Redakteure schreiben in ihren Kolumnen für euch ein bisschen aus ihrem Leben. Heute erzählt Antonia über ihre Erfahrungen mit frischgebackenen Muttis und deren "Muttationen".

Meine Freundin Britt, Richterin, extrem schlau, dominant, cool und emotional eher bodenständig, stand bei unserem Antrittsbesuch im Storchennest tränenüberströmt an der Wiege ihres frischgeborenen Sohnes und referierte mit bebender Stimme über dieses Wunder und das unfassbare Glück, das er in ihr Leben gebracht hätte. Und das sie! Das allein war schon erstaunlich, gipfelte jedoch darin, dass sie meinen Mann um Abstand bat, da sein Rasierwasser das Kind aus dem Gleichgewicht bringen würde. Wir erkannten sie nicht wieder und wussten nicht genau, ob wir lachen oder weinen sollten. Sicher lag es nicht am Rasierwasser. In diesem Fall hatten die Hormone einen gnadenlosen Kurzschluss verursacht und einen ganz neuen hochsensiblen Menschen aus Britt gemacht. Dabei wollten wir das doch gar nicht. Und sie sicher auch nicht, denn sie war diesem Rausch wie ferngesteuert erlegen. Auch wenn die Gefühle nur so sprudelten, wollten wir doch lieber ganz schnell ihre alten, liebgewonnenen Macken zurück. Zum Glück hat sie inzwischen ein weiteres Kind und ist nun, viele Jahre später, wieder so normal wie wir das gewohnt sind.

Doch sie ist nicht die Einzige, die vorübergehend mutierte ...

... andere Freundinnen übten sich im konsequenten Rückzug, waren ab Tag X nicht mehr gesehen, komplett verschluckt vom Mamasein, in ihrem neuen Kosmos magnetisch um das Kleine kreisend. Alles andere ausgeblendet. Selbst diejenigen, die das Helikopterdasein bei anderen Müttern verurteilt hatten, werden zum Muttertier. "Sag mir Bescheid, wenn ich komisch werde." Wie oft habe ich diesen Satz gehört, sogar von meiner eigenen Schwester. Als ich es wagte, ihr vorsichtig Bescheid zu sagen, war die Aggression groß und der Satz "Du kannst das ja gar nicht beurteilen, du hast ja keine Kinder!" die Antwort. Bloß nicht dran rühren. Es ist so: Mit der neuen Verantwortung für ein Kind bricht eine neue Gefühlslage an. Und mit den Hormonen verschieben sich nicht nur die Prioritäten, sondern oftmals auch die Haltung.

Zwischen mich und meine Mädels kommt nichts und niemand ...

... dachte ich so lange, bis ihre Kinder zur Welt kamen. Nicht nur, dass Neu-Mamis ihr Baby permanent mit sich umhertragen, als wäre es noch immer Teil ihres eigenen Körpers. Es gibt auch quasi kaum noch ein anderes Thema. So geschickt wie fixiert schaffen es frischgebackene Mütter immer, das Thema wieder auf sich und ihr Neugeborenes zu lenken. "Guck doch mal, ist sie nicht süß?" Verzückung pur, wenn man gerade ansetzt, einen Satz aus dem eigenen Leben zu platzieren. Und natürlich hat jede das allerschönste Baby der Welt, ist die kleine Nase noch so platt. Ja, es ist definitiv entzückend, wenn das Kleine schlafend daliegt, selbst wenn ein Sabberfaden aus dem rosa Mündchen läuft. Wenn ich allerdings dann auch mal wage, einen flauschigen Hundewelpen süß zu finden, können die Muttis dem vergleichsweise wenig abgewinnen.

"Ich komme nicht mal mehr zum Duschen!"

Diesen Satz habe ich nicht nur einmal gehört. Und ganz ehrlich, das kann ich mir beim besten Willen nicht vorstellen. Gerne lass ich mich überzeugen, aber diese Form von Selbstaufgabe von jungen Mamas kommt mir paranoid vor. Allerdings hat meine Freundin Olga ihr kleines Mädchen in der Babytrage sogar mit aufs Klo genommen, wenn sie zu Besuch kam. Trennung undenkbar. Das hat mir fast die Schuhe ausgezogen und ich habe mich gefragt, ob das Baby in der Keramikabteilung nicht vielleicht eher traumatisiert werde als für einen Wimpernschlag ohne Mama. Garantiert hätte ich mir und dem kleinen Wesen für zwei Minuten Überbrückungszeit zu helfen gewusst.

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Damals haben wir geraucht, heute sprechen sie plötzlich alle nur noch über Windelinhalte

Man kann machen, was man will: Junge Mamas lieben es entweder oder es ist eine Laune der Natur, dass sie über alles, was sie in Babys Windel vorfinden, detaillierten Austausch suchen. Von der Frequenz über die Konsistenz bis hin zum Geruch. Wie magisch finden sich Müttergruppen zu diesem Plot zusammen und als einzige Nicht-Mama in solchen Runden kann das schon mal anstrengend werden. Gekrönt werden diese Diskurse durch insbesondere in Cafés hochgestemmte Babys, von deren Windelpos zum Inhaltscheck eine olfaktorische Probe genommen wird. Dagegen hilft gar nichts. Selbst meine piekfeine Freundin Thea schließt sich diesem Ritual an und drückt ihr Riechorgan euphorisch auf die Windel. "Ist doch ganz natürlich. Und so praktisch", lacht sie, während ich heimlich die Nase rümpfe. Praktisch war sie eigentlich sonst nie. Doch wer Mama wird, lernt umzudenken.

Abenteuerlich ist auch, wie manche Mamis ihre Form verlieren und Prinzipien verändern

Meine Freundin Feli zum Beispiel, die immer so viel Wert auf ihr Äußeres legt, die einem Nervenzusammenbruch bekommt, wenn die Hose kneift und die ständig auf Slim Fast ist, deren Wallemähe immer beneidenswert gestylt ist und die selbstredend in perfektem Makeup erstrahlt. Eben diese Feli war direkt nach ihrem ersten und einzigen Baby zunächst nicht wiederzuerkennen. Als hätte sie nie etwas anderes getragen, gab es statt Designerjeans und Edel-Pumps nur noch Sneaker und Bio-Schlabberlook, alles ganz natürlich, plattes Haar und ohne Schminke. Ein komplett neuer Anblick, an den ich mich nur schwer gewöhnen konnte. Selbst ihr Rettungsring um die Hüfte schien mich mehr zu stören als sie. Ich wollte ihn nicht sehen, während sie ungeniert Gummiteufel und weiße Schaummäuse in sich hineinschob, ihre Kleine nebenbei stillte und statt ihrer geliebten Coke-Light gehaltvolle Superfood-Smoothies tankte. Beneidenswert irgendwie, diese neue pausbackige Entspanntheit, aber auch sehr gewöhnungsbedürftig. Bei jeder anderen ja, aber das war nicht Feli! Ich muss ehrlich sagen, dass ich wirklich aufgeatmet habe, als sie nach gut einem Jahr endlich zurückfand zu ihrer alten Form, als sie endlich wieder gertenschlank, top gestylt und mit perfekt geschminkten Bambiaugen ihre altvertraute Art an den Tag legte, die wenig mit Kinderthemen zu tun hatte. Wenn auch vielleicht nur mir zuliebe.

Feuerwerk der Emotionen, Melancholie, gereiztes Nervenkostüm, Überempfindlichkeit in Sachen Geruch und Geschmack: ziemlich normal

Aber auch ein anderer Klang der Stimme, eine Oktave höher, zwei Nuancen leiser und mit eierndem Singsang im Abgang ist keine Seltenheit bei frischgebackenen Mamas. Das ist der "Sound of Silence", die sanfte in Watte gepackte Babymelodie, abseits von hartem Großstadtlärm und schädlichen Störgeräuschen. "Warum redest du so leise?" fragte mich Neu-Mami Silke mit einem Stirnrunzeln, als wir mit ihrem Kleinen im Wohnzimmer saßen und ertappte mich dabei, dass ich mich tatsächlich ungewollt ihrem neuen Sound angepasst zu haben zu schien. 

Sie werden ein wenig mehr öko, sie verlieren Allüren und haben dafür andere, sie finden viel mehr einfach nur noch natürlich, sie sind fokussiert, mehr bei sich und ihren Kleinen

Das macht die Natur, wenn aus jungen Frauen Mamis werden. Dieses verrückte Abenteuer mit Kind krempelt schließlich ihr gesamtes Leben um. Für immer. Wenn die Instinkte übernehmen, darf man ruhig auch mal etwas komisch werden. Die Nerven und ein bisschen den Verstand verlieren, dafür gibt es genügend Gründe und ja soooo viel zurück. Im Muttersein liegt schon vom Wort her viel Mut. Und wohl auch ein bisschen Mutation. Alles für den sehr guten Zweck. Meist finden die Muttis ja auch wieder heraus aus ihrem neuen Tal der Macken. Und je mehr Kinder kommen, desto sicherer und entspannter werden sie, desto weniger fällt die neue Eigenart auf. Wahrscheinlich bin ich inzwischen hier und da auch mal komisch oder nennen wir es besser gelassener. Und ich weiß ja: Spätestens wenn die Kids flügge werden, kommen die Freundinnen zurück und werden auch wieder (fast) die Alten sein – irgendwann auf jeden Fall!

Die Kinderlos-Kolumne

Ohne Helikopter, ohne rosarote Brille, ohne Mama-Gen: Unsere Autorin Antonia Müller betrachtet Kids und ihre Eltern aus einer anderen Perspektive – nämlich der ohne eigene Kinder. Eine Kolumne mit Herz, Humor, ein bisschen Kritik und ganz viel Respekt.

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