Kolumne "Liebe Lena ... Post von Papa"

Opa – der Babysitter und Hilfspädagoge in Corona-Zeiten

Ab sofort ist jeden Freitag Kolumnen-Tag bei "Leben & Erziehen"! Zum Start ins Wochenende lassen wir Euch ein bisschen am Leben unserer Redakteurinnen und Redakteure teilhaben. Heute mit Christian Personn, der seiner Tochter Lena in Corona-Zeiten unter die Arme greift.

Liebe Lena ...

... nächste Woche komme ich ja zu euch nach Hause, als Opa-Babysitter. Endlich kann ich wieder mit Sophie und Jonna nicht nur per Facetime rumalbern, sondern sie auch real sehen. Wenn auch mit dem gehörigen Abstand, der sein muss. Ich werde halt nicht auf der Schaukel Anschwung geben – sondern auf dem Rasen mit den beiden Cricket spielen. Und in der Sandkiste halt nicht rumbuddeln und Förmchen mit klebrigem Sand füllen.

Aber: Das alles ist echte Betreuungszeit – nur mit Corona-Charakter. Sicher ist das eine Entlastung für dich, die jetzt gerade für dich als Mama und Berufstätige sein muss.

Denn Kleinkinder betreut frau ja nicht nebenbei.

In diesen Pandemie-Zeiten bleibt so viel mehr an euch Müttern hängen: Du musst die Rasselbande bei Laune halten, den Haushalt schmeißen, wo mehr Arbeit anfällt als sonst. Weil die beiden Mädels monatelang nicht im Kindergarten sein konnten, bist du zur Aushilfspädagogin geworden und noch mehr zur Zeitmanagerin der Gesamtfamilie.

Die Arbeit, die du als selbständige Illustratorin vorher in der Kita-Zeit erledigen konntest, ist ja nicht einfach verschwunden. Du bist weiter für Aufträge verantwortlich, hast Abgabetermine und musst Akquise betreiben. Für alles brauchst du ungestörte, konzentrierte Stunden. Zeitfresser, die jetzt nachts oder am Wochenende anstehen. Vieles musst du so nebenbei erledigen, wenn die Kleinen gerade mal mehr und weniger beschäftigt sind. Was heißt: Sie malen und basteln, was du ihnen vorher gezeigt hast. Sie bauen Zeltdörfer im Kinderzimmer oder "renovieren" die Küche. Manchmal dürfen sie auf dem Tablet einen kurzen Film sehen, Kindersongs auf dem Handy dudeln oder im Garten der Nachbarn toben. Und du powerst währenddessen durch den Alltag – getrieben vom schlechten Gewissen.

Wir haben darüber diskutiert: Einer Zweijährigen kann man nicht einfach sagen: "Lass Mama mal in Ruhe, ich habe Homeoffice".  Ein Kind versteht das als Zurückweisung.  Und es fordert. Aufmerksamkeit, Nähe und Erfüllung der Grundbedürfnisse.

Zwischen eins und sechs Jahren prägt sich eine Persönlichkeit aus.

Klein, schutzlos und total abhängig von den Eltern kommen Menschen auf die Welt. Überlebenswichtig ist es für Säuglinge, eine Bindungsperson zu finden. Spiel, Spaß, Freude, Zuwendung und Geborgenheit geben ein Gefühl der Sicherheit, der sich Kinder aber auch immer wieder versichern: Wir wollen nicht allein gelassen werden, Mama und Papa sollen uns nicht aus den Augen lassen.

Spätestens im zweiten Lebensjahr, wenn kleine Menschen meist schon Laufen können, setzt das ein, was wir später Erziehung nennen. Die Eltern begrenzen das Kind, es werden Verbote ausgesprochen. Das Fühlen des Kindes lernt, ob es grundsätzlich willkommen ist – oder auch nicht. Das Füttern, das Baden, das Wickeln – und besonders das Streicheln vermittelt dieses Ur-Vertrauen. Dieses psychische Grundbedürfnis umfasst Bindung und Anerkennung.  Und dazu kommt Autonomie, die mit einem großen Erkundungsdrang verbunden ist. 

Warum schreib ich dir das alles? Was hat das mit Betreuung in Corona-Zeiten zu tun?

Ganz einfach: Betreuung ist immer auch Erziehung bei Kleinkindern. Kontrolle vs. Schutz vor Gefahren,  Vertrauen vs. Ausprobieren von Verbotenem, Nähe vs. Weltentdecken. All dies "wirkt" in den Stunden, in denen wir Erwachsenen neben den Kleinen sitzen – und wir uns mit ihnen beschäftigen.

Und dies kann nicht nebenbei – neben Job, Einkauf, Haushalt – passieren. Deshalb komme ich für einen Tag zu euch. Opa als Hilfspädagoge.

LIEBE LENA ... POST VON PAPA

Chefredakteur Christian Personn ist nicht nur Papa, sondern auch Opa – und schreibt in seiner Kolumne Briefe an seine Tochter Lena und hilft ihr in Erziehungsfragen. Der Jesper Juul von Leben-und-erziehen!

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