Kolumne "Zeilen von Zwillimuddi"

Die Pandemie ist nicht vorbei, nur weil wir gelangweilt sind

Unsere Autorin fragt sich, ob sie ein bahnbrechendes Ereignis in Sachen Corona verpasst hat, weil das Leben da draußen für viele inzwischen weitergeht wie vor der Pandemie. Eigentlich ist sie Optimistin. Aber dieses Mal hat sie Angst. Und ertappt sich gleichzeitig dabei, wie sie selbst wieder Dinge tut, die eigentlich mehr als unvernünftig sind.

Diese Woche war ich in der Innenstadt, weil ich nach Monaten des Einigelns zu Hause ein paar Dinge brauchte, die Amazon & Co. nicht hergeben. Ich wohne jetzt seit knapp einem Jahr in Hamburg – so überfüllt habe ich das Zentrum der Stadt nie zuvor gesehen. Eine bumsvolle Terrasse bei Starbucks an der Mönckebergstraße, sich drängelnde Menschenmassen am Jungfernstieg, eine Europapassage, die aus allen Nähten platzte. Und das an einem Dienstag.

Für ein paar Sekunden fühlte es sich an, als hätte ich den weltweit entscheidenden Durchbruch verpennt. Die Jubelmeldung über das Forscher-Team, das DEN ultimativen Impfstoff entwickelt hat, der ab sofort eingesetzt werden kann und überall verfügbar ist. Die Nachricht, dass wir den Kampf gegen Corona gewonnen haben.

Das Problem: Wir haben nicht gewonnen.

Daran erinnern mich an diesem Nachmittag in der Stadt immerhin die, die ihre Masken nicht (wie inzwischen ein Großteil) auf halb acht hängen hat, sondern so trägt, dass tatsächlich Mund UND Nase verdeckt sind. Ja: Deutschland scheint die Lage – zumindest im Moment – im Griff zu haben, und ja: Das finde natürlich auch ich gut. Ich kann kaum in Worte fassen, wie laut ich innerlich jubelte, als ich erfuhr, dass meine Zwillinge ab kommenden Montag wieder in die Vorschule dürfen – für zwei Stunden täglich. Zwei Stunden, in denen ich konzentriert arbeiten kann. Zwei Stunden, die besser sind als gar nichts nach diesen zwei Monaten der Doppelbelastung mit Vollzeitjob und Vollzeitkinderbetreuung. 

Und dennoch: Die volle Innenstadt ist nicht das einzige Problem. Die Spielplätze in unserem Kiez müssen aus der Vogelperspektive wimmelnden Ameisenhaufen gleichen. Menschen strömen tatsächlich wieder in Kinos, zur Pediküre, zu den Frisören sowieso. In Parks wird gegrillt und gepicknickt, was die Kühltasche hergibt, beim Einkaufen ignoriert inzwischen jeder zweite die Abstandsmarkierungen vor den Kassen, und zum gestrigen Vatertag tauchten in meiner Timeline Bilder von Typen auf, deren Trinkkumpanen mit relativ großer Wahrscheinlichkeit nicht aus nur zwei Haushalten stammten. 

Noch extremer als in Hamburg ist es offenbar in meiner geliebten, langjährigen Ex-Wahlheimat Berlin: Hier scheint mindestens der halben Stadt egal zu sein, was in Sachen Corona-Maßnahmen eigentlich noch immer gilt. Ich höre von Dachpartys hier, Geburtstagsfeiern da. Reihenweise Freunde sind bereits am letzten Wochenende in (als Bistros getarnten) Bars versackt. Ohne Abstand, ohne Mundschutz, ohne schlechtes Gewissen. Alles wieder wie in der Zeit v. Cr. (vor Corona). 

Das Verrückte ist: Ich ertappe mich selbst dabei, wie ich unvernünftig, unvorsichtig werde.

Die innige Umarmung mit meiner Freundin Anne neulich, nach Monaten der Dauer-Vermissung. Der Wein bei den Nachbarn letzte Woche. Der Plausch mit Kollegen im Büro, zu denen der Abstand am Ende meist doch keiner mit Zollstocklänge ist. Meine Kinder, die ich jetzt wieder über den Gartenzaun zum Nachbarsjungen Lars klettern lasse.  

Morgen habe ich Geburtstag, und ich war wochenlang fest davon ausgegangen, dass ich dieses Jahr zum ersten Mal in 38 Jahren auf dieser Welt einfach mal NICHT feiere. Jetzt fahren wir ans Meer, wie gefühlt ALLE in unserem Umfeld an diesem langen Wochenende. Und treffen nicht nur meine Schwester & den Schwager samt drei Kids, sondern auch meine älteste Freundin mit Family – und meine Eltern. Risikopatienten. Ich führte diese Woche lange Diskussionen mit meinem Vater darüber, ob es wirklich sein müsse, dass er die 400-Kilometer-Strecke mit zwei seiner Enkeln im selben Auto fährt, argumentierte vehement dagegen. Und gab am Ende auf: Denn Papa sagt, im Zug sei das Risiko noch höher. Mag sein, dass das stimmt. Aber macht es dann noch einen so großen Unterschied, wenn auch ich ihn endlich mal wieder drücke, zumindest ganz kurz und zur Feier des Tages morgen?

„Die Pandemie ist nicht vorbei, nur weil Euch langweilig ist“, twitterte neulich eine Amerikanerin, der Satz wurde unfassbare 931.000 Mal geteilt. Aber wo sind all diese Menschen, die das zu unterschreiben scheinen? Ich sehe keinen von ihnen. Selbst die, die es (inklusive mir selbst) sehr ernst nahmen mit der Stayhome-Sache, brechen auf einmal Regeln. Und das ist nicht klug. Denn Kate hat Recht.

Ich bin oft optimistischer als es vielleicht gut wäre. Dieses Mal aber habe ich Bauchweh. Und Angst, dass wir uns alle so sehr nach Normalität, Sommer, Urlaub, Freiheit, Konsum sehnen, dass wir kollektiv vergessen, dass es noch nicht vorbei ist. 

Im Moment scheint die Sonne, das Leben fühlt sich wieder schön an. Aber mir einen Herbst oder gar Winter vorzustellen, in dem das Virus zurückschlägt, und alle Maßnahmen möglicherweise schärfer werden als sie es im März und April waren: diesen Gedanken finde ich echt unerträglich. 

Gestern gab die Weltgesundheitsorganisation bekannt, dass die Zahl der Neu-Infektionen weltweit so hoch wie nie zuvor ist. Für mich fühlt es sich so an, als hielten wir uns gerade alle wie dreijährige Kinder "la-la-la-la-la" singend die Ohren zu, weil wir solche Nachrichten wie diese nicht hören, lieber das Wochenende am Strand/die nächste Party/den Frisörbesuch oder sonst irgendetwas genießen wollen, das jetzt sehr lange nicht ging.

Paradoxerweise starte auch ich genau so in dieses seltsamste Geburtstagswochenende. Mich permanent fragend, wieso wir es verdammt noch mal nicht hinkriegen, uns einfach alle weiter zusammenreißen, um die verflixte zweite Welle zu verhindern, die täglich ein bisschen wahrscheinlicher wird.

Zeilen von Zwillimuddi

Chefredakteurin Claudia Weingärtner ist Zwillingsmama – und hat vom Spagat zwischen Kids und Job manchmal ganz schön Muskelkater. Den verarbeitet sie am liebsten, in dem sie sich den Stress von der Seele schreibt – jetzt auch in der "Zeilen von Zwillimuddi"-Kolumne.

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