Kolumne "Zeilen von Zwillimuddi"

Wieso die November-Maßnahmen super für kleine Kinder sind

Den Lockdown im Frühling fand unsere Autorin unfassbar anstrengend. Die Zweit- und Lightvariante hingegen sieht sie vor allem für kleine Kinder als großes Geschenk. Warum? Das schreibt Claudia Weingärtner in ihrer Kolumne "Zeilen von Zwillimuddi".

Es war 16.39 Uhr an diesem Montagnachmittag, als ein verloren gegangener Baby-Leopard mir Gänsehaut machte. Mein sechsjähriger Sohn Theo hatte seine zwei besten Freunde zu Besuch, und nachdem sie den coolen Part des Playdates (Ninjago-Karten tauschen) hinter sich gebracht hatten, beschlossen die drei, die Höhle unter Theos Hochbett in die "Kita der verlorenen Tiere" zu verwandeln.

Mein Homeoffice-Schreibtisch steht im Flur, unmittelbar neben der Kinderzimmertür – und so bekam ich, während ich noch schnell ein paar E-Mails beantwortete, live mit, wie die drei immer tiefer in ihrem Rollenspiel versanken: Das (manchmal schon so schrecklich erwachsene) Trio hatte sich in einen jungen Fuchs, ein Leoparden-Baby und einen neugeborenen Wanderfalken (!) verwandelt. Alle drei Tierkinder hatten tragischerweise ihre Eltern verloren, und waren in der Kita der verlorenen Tiere zu einer unschlagbaren Bande geworden. Die drei sprachen in gekünstelter Babysprache, watschelten zwischendurch wie die Pinguine an mir vorbei, um neuen Zaubertrank (aka Apfelschorle) aus der Küche zu holen; und während ich kurz überlegte, ob das nicht einen guten Stoff für ein Kinderbuch hergäbe, lief mir ein wohliger Schauer über den Rücken. Ich trank einen Schluck meines fast vergessenen Milchkaffees und dachte: Wie toll, dass sie endlich mal Zeit für so etwas haben. 

Kein Karate, kein Chor, kein Kinderturnen

Spielverabredungen wie diese sind aktuell die einzige Nachmittagsbeschäftigung, die wir uns seit Beginn des Light-Lockdowns noch "erlauben" – dazu haben sich meine Zwillinge auf je drei Spielkameraden festgelegt, die sie ohnehin auch in der Schule sehen. 

In der Vergangenheit waren solche Dates in etwa so schwer zu organisieren wie Termine mit dem Kaiser von China. Denn normal geworden ist ja inzwischen irgendwie, sein Kind so vollzuballern mit Terminen, dass es möglichst von Montagmorgen bis Freitagnachmittag kaum zum Atmen kommt. Kein Witz: Ein paar Kinder im Bekanntenkreis haben JEDEN Tag irgendeinen anderen Kurs. Montags lernen sie schwimmen, dienstags ist Geigenunterricht, mittwochs Karate, donnerstags Malkurs. Mit Glück ist der Freitagnachmittag frei – aber natürlich erst nach der Chor-Stunde. 

Das ist etwas, das sich (neben der Tatsache, dass alles immer früher beginnt und Kinder offenbar aktuell spätestens mit drei Radfahren, mit vier Schwimmen und mit fünf schreiben können sollten) im Vergleich zu meiner Kindheit extrem verändert hat: Natürlich war auch ich regelmäßig beim Kinderturnen (meine Mama war nämlich die Turnlehrerin). Aber den Großteil meiner Erinnerungen an "damals" machen die Nachmittage aus, die ich einfach nur zu Hause oder im Garten verbrachte: Wie ich mit meiner Schwester das Kinderzimmer zum Flugzeug umräumte – eine war Passagier, die andere Stewardess. Wie wir stundenlang unsere Mutter-Vater-Kind-Variante "Mutter-Mutter-Baby-Baby" spielten. Wie wir uns verkleideten wie alte Omas, und wie wir eine "Seilbahn" von der Küche zum Baumhaus spannten, damit die Snack-Versorgung sichergestellt war. 

Ich habe vor der Coronazeit oft die Kinder bedauert, die fürs kreative Spielen schlicht keinen Raum mehr bekommen. Natürlich möchte auch ich, dass meine Kinder anständig schwimmen und vielleicht ein Instrument lernen, auch sei es ihnen gegönnt, sich beim Sport auszupowern. Bei uns hat es sich allerdings bewährt, nicht mehr als zwei Nachmittagstermine pro Woche zu haben. Denn die Vorstellung, meinen Kindern die Luft zum Atmen zu nehmen, finde ich einigermaßen unerträglich. Gleichzeitig habe ich immer wieder auch ohne ausgeprägte Kurs-Kultur gemerkt, wie schnell sich eine Woche so füllt.

Dass sich das gerade ändert, weil im Moment einfach ALLES ausfällt, tut aus meiner Sicht vielen Kindern richtig gut. Für die meisten ändert sich ja gar nicht viel – die aktuellen Maßnahmen tangieren ihr Leben kaum. Das einzige, was fehlt, ist der Druck, auch nach Kita und Schule ständig zu einer bestimmten Uhrzeit irgendwo sein zu müssen. 

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Schöne Erinnerungen an entschleunigte Wochen

Was ich im Übrigen nicht mehr hören kann, sind diese Weltschmerz-Aussagen, wie schrecklich diese Pandemie doch für unsere Kinder sei, weil sie ja "auf so viel verzichten müssen".

Fakt ist doch: Die kleinen Menschen sind es, die am allercoolsten damit umgehen. Die sich an so vieles, selbst ans Mund-Nasen-Schutz-Tragen, schneller gewöhnen als so ziemlich jeder Große. Und die vermeintliche Tragik der ausgefallenen Events erreicht sie doch nur, wenn wir ihnen das ständig vorjammern. 

Neulich fragte ich meine Zwillis, ob sie sich noch an den ersten Lockdown erinnern können. Sie sahen mich fragend an, und ich erinnerte sie daran, dass doch im Frühling die Vorschule für ein paar Wochen dicht war. "Ach ja", sagte Elli, "war das die Zeit, in der wir manchmal schon vor dem Frühstück iPad gucken durften?"

Ich musste schmunzeln: Wenn DAS das einzige ist, was bei den beiden hängen geblieben ist von dieser Phase, die für mich anstrengender war als die ersten Monate mit zwei frisch geschlüpften Babys: Dann ist doch alles gut.

Dass dieses seltsame Jahr deutlich weniger mit Kinderseelen macht als viele befürchten, das hat meine Kollegin Silke kürzlich hier so schön zusammengefasst. Ich bin fest davon überzeugt, dass viele Kids sich später sogar gern an diese entschleunigten Wochen zurückerinnern werden (wenn es keinen Krankheitsfall gibt und die Rahmenbedingungen stimmen) – selbst wenn ihre ständig am Computer hängenden Eltern manchmal motzen, wenn es mit dem selbstständigen Spielen ausgerechnet während des wichtigen Videocalls mal nicht so gut klappt. 

Wenn ich Elli und Theo in einem Jahr frage, ob sie sich an den Light-Lockdown erinnern: Dann fällt ihnen vielleicht die Kita der verlorenen Tiere ein. Denn die ist jetzt eine etablierte Einrichtung, in die inzwischen auch Elli, das Baby-Känguru, eingezogen ist. 

Experten-Bild

ZEILEN VON ZWILLIMUDDI

Chefredakteurin Claudia Weingärtner ist Zwillingsmama – und hat vom Spagat zwischen Kids und Job manchmal ganz schön Muskelkater. Den verarbeitet sie am liebsten, indem sie sich den Stress von der Seele schreibt – jetzt auch in der "Zeilen von Zwillimuddi"-Kolumne.

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