Kolumne

Corona-Regeln: Das größte Problem sind die anderen Eltern

Schon wieder neue Regeln, neue Einschränkungen, neue Verbote. Unsere Autorin war heilfroh, als ihre Familie einen halbwegs realistischen Survival-Plan für die kommenden Lockdown-Wochen auf die Beine gestellt hatte. Doch dann kam die Kritik – von allen Seiten ...

"Bist du blöd, warum schickst du ihn denn nicht in die Kita? Du musst doch jeden Tag nutzen, solange die noch offen sind!" – "Was, ihr trefft euch noch zum Spielen? Spinnt ihr total?"

Ich zitiere nicht gern abgedroschene Floskeln, aber in der aktuellen Situation fällt mir keine bessere Formulierung ein: Wie man es macht, man macht es verkehrt. Zumindest in den Augen der anderen Eltern. Als es im März hieß, die Kinder müssen jetzt zu Hause bleiben, da war das scheiße – aber man war sich mit den anderen Eltern wenigstens einig, dass das scheiße war. Wir fluchten gemeinsam und das tat gut.

Jetzt ist alles anders – und das Gefühl von "Wir gegen Corona" (oder von mir aus auch "Wir gegen die Politik" oder einfach "Wir gegen alle anderen", Hauptsache "Wir!") ist vollkommen abhandengekommen.

Die Präsenzpflicht an der Schule ist aufgehoben. Und in den Kitas (zumindest in unserer hier in Hamburg) heißt es weiterhin nur, man solle die Kinder "nach Möglichkeit" zu Hause behalten. In beiden Fällen liegt die Entscheidung also bei den Eltern. Selbst mein Mann und ich (mit den vermutlich systemunrelevantesten Berufen in diesem Land) dürften unsere Kinder zur Schule und in die Kita bringen, wenn wir wollten.

Wollen wir? Zuerst wussten wir wirklich nicht, was das Richtige ist. Doch wir fällten Entscheidungen: Die Tochter geht nicht zur Schule, sondern lernt hier von zu Hause aus. Der Sohn geht nicht in die Kita, sondern darf mit ihr Schule "spielen". Während die Große ihre Aufgaben löst, wird er daneben sitzen und Bilder malen und Bügelperlen setzen. Und ich tippe am Schreibtisch nebenan meine Texte. Verabredungen zum Spielen gibt es nur noch draußen, zu uns nach Hause kommt nur noch ein festgelegter Freund pro Kind.

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Ob dieser Plan gutgehen wird, wird sich zeigen. Ich denke: nein. Er wird spätestens am dritten Tag spektakulär scheitern und ich werde mit Bügelperlen um mich schmeißen und Corona und Homeschooling und das Elterndasein an sich verfluchen. Aber das macht nichts. Denn das Bauchgefühl stimmt. Wir haben das Gefühl, die richtige Entscheidung gefällt zu haben. Für uns, für unsere kleine Familie, für diese Ausnahmesituation. Und: Ich respektiere jede Familie, die bei einer völlig anderen Entscheidung ein gutes Bauchgefühl hat. Nur bekomme ich diesen Respekt in keiner Weise zurück.

Warum wir so dumm wären, die Betreuungsangebote nicht zu nutzen, ist noch eine der freundlicheren Nachfragen zu unserer Entscheidung. (Wohlgemerkt von einer guten Freundin.) Ergänzt von einem "Dann will ich dich aber nicht wieder meckern hören, wenn dir alles zu viel wird!".

Von anderer Seite schlägt mir pures Entsetzen entgegen, dass wir überhaupt noch Spielbesuch zu Hause empfangen. Ich verweise auf die neue "Ein Haushalt + eine Person"-Regel und dass wir uns gewissenhaft daran halten.

"Ihr müsst auch nicht alles ausreizen, was noch erlaubt ist, nur damit es euch besser geht!", schlägt es mir da ins Gesicht. Eine Mitschuld an den vielen Corona-Toten trage ich aus dieser Sicht auch, wurde mir dann mitgeteilt.

Zusammenfassend ist es so einfach wie absurd: Es darf mir nicht zu viel werden in diesem zweiten Lockdown. Und wenn doch, dann darf ich mich zumindest nicht darüber beschweren, denn ich bin ja selbst Schuld daran. Es darf mir aber auch nicht zu gut gehen in den nächsten Wochen. Denn das wiederum würde ja nur zeigen, dass ich die Regeln zu sehr "ausgereizt" habe.

Das alles überfordert mich viel mehr als der Lockdown an sich. Und deshalb notiere ich mir gedanklich zwei Dinge: Scheiß auf das, was die anderen Eltern sagen. Und: Sobald die Zeit und die Kraft dafür da sind, muss ich dringend ein paar Freundschaften überdenken.

Wir haben diesen Text auf Wunsch der Autorin anonym veröffentlicht. Ihr Name ist der Redaktion bekannt. 

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