Kolumne "Mama Kolumna"

Was ich in 2020 alles gelernt habe

Freitags ist Kolumnen-Tag bei "Leben & erziehen". Zum Start ins Wochenende lassen wir euch ein bisschen am Leben unserer Redakteure teilhaben. Heute mit Nora, die euch in dieser Kolumne eigentlich erzählen wollte, was 2020 alles gut war. Eigentlich ...

Es tut mir leid, ich habe mein Bestes gegeben. An dieser Stelle sollte eine vor Optimismus und positiven Ereignissen in 2020 nur so strotzende Kolumne stehen – aber in diesem Jahr kam ja so ziemlich alles anders als geplant, wieso sollte es mit diesem Text anders laufen, oder?

Nicht nur mir entfleucht bei dem Gedanken, dass dieses Jahr bald zu Ende geht, ein erleichterter Seufzer, da bin ich mir sicher. Gefühlt reihte sich in den letzten zwölf Monaten eine Katastrophe an die nächste. Und dabei spreche ich noch nicht mal von den ganz großen Weltschmerz-Themen wie Moria, George Floyd oder Hanau. Seit dem Beginn der Corona-Pandemie mussten unsere Kinder über Wochen und Monate ein Leben als Stubenhocker fristen, Großeltern konnten ihre neugeborenen Enkel bis dato nur via FaceTime kennenlernen, Eltern verloren zwischen Homeoffice und Kind die Nerven oder gleich ganz ihre Jobs. Und ständig war das Klopapier ausverkauft!

Ich erinnere mich noch ganz genau an den Tag, als ich vor unserem Budni stand und einfach losheulte, weil es kein Klopapier mehr gab. Natürlich vergoss ich diese Tränen für viel mehr als nur Klopapier: Sechs Wochen "Homeoffice mit Kind" sowie diverse Kontakt- und Ausgangsbeschränkungen lagen da schon hinter uns. Ich war müde, frustriert und schämte mich für all die Male, die ich meine damals noch 2,5-jährige Tochter unfair angemotzt hatte, weil sie spielen und ich arbeiten/haushalten/mal kurz Pause machen wollte. Dennoch finde ich, rückblickend betrachtet, dass dieses blöde 2020 auch etwas Gutes hatte: nämlich jede Menge Lehren und Erkenntnisse. Ich weiß, ihr habt nur darauf gewartet, deshalb möchte ich sie euch natürlich nicht vorenthalten.

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1. Wir entscheiden, was wichtig ist.

Was haben wir Eltern unter der einmaligen Kombi "Arbeit ja, Kinderbetreuung nein" geächzt! Homeoffice und Homeschooling an einem Tisch? Kein Problem. Drei Stunden Zoom-Meeting und nebenbei das Kleinkind an waghalsigen Stunts vom Sofa oder Feuer-Experimenten am Herd hindern? Nichts leichter als das. Dann stolperte ich über den Satz "Du allein bist für deine Prioritäten verantwortlich" – und es ist so wahr!

Arbeit ist wichtig, ja. Aber noch wichtiger ist doch, dass wir und unsere Kinder irgendwie halbwegs unbeschadet durch diese Zeit kommen. Anstatt frustriert am Laptop zu sitzen und nix zu schaffen, weil ein Wirbelwind um mich herumsauste und diesen dann auch noch gestresst anzumotzen, machte ich den Laptop also öfter mal zu und stattdessen genau das, was sich meine Tochter gerade wünschte. Ja, die Nächte wurden dadurch länger – aber wenigstens unser aller Laune nicht mehr schlechter.

2. Plan B ist wichtiger als Plan A.

Das gilt nicht nur beim Schreiben einer Freitagskolumne für "Leben & erziehen", sondern in Zeiten einer Pandemie definitiv immer. Ohne Plan B sollten wir nie wieder einkaufen gehen, solange Essentials wie Hefe, Mehl und Klopapier immer mal wieder vergriffen sind. Ein Plan B hilft, wenn wir großartige Pläne für einen gemütlichen Bastelnachmittag geschmiedet haben, das Kind nach fünf Minuten aber spontan keine Lust mehr hat. In Zeiten wie diesen ist ein Plan B für jeden einzelnen Tag total sinnvoll, denn wer weiß schon, wann der gefürchtete Anruf vom Gesundheitsamt kommt, der sagt: Quarantäne für die ganze Familie!

3. Wir sollten die kleinen Momente feiern.

Für die obligatorischen Fotobücher zu Weihnachten scrollte ich mich durch meine Schnappschüsse dieses Jahres: meine Tochter glücklich auf umgestürzten Bäumen kraxelnd, wir Eltern mit Aperol Spritz im Kinderplanschbecken sitzend, das Kind mit Papa am Lagerfeuer im Garten, Stockbrot in der Hand. Und ja: Sogar ein riesiges Eis mit Schlagsahne, das wir zusammen mit Oma und Opa am Meer verputzt haben, war dabei.

An vieles konnte ich mich gar nicht mehr erinnern, aber eines fiel mir sofort wieder ein: wie gut diese kleinen Momente uns getan hatten und wie lange diese Wirkung nachhielt! So abgedroschen das klingen mag, aber es ist einfach enorm wichtig, an diesen Kleinigkeiten festzuhalten, wenn große Freuden wie ein Urlaub oder Besuche bei den Großeltern nicht drin sind.

4. "Choose your battles"

Wähle deine Kämpfe oder: Ist es das echt wert? Ja, Fernsehen ist nicht gut für die Gehirnentwicklung. Stimmt, Schokolade macht die Zähne kaputt und dick. Aber mal ehrlich: Wenn mir "nur noch eine Folge, Mama!" genau die zehn Minuten verschafft, die ich brauche, um sorglos Feierabend zu machen oder "nur noch ein Keks, ja?" einen größeren Trotzanfall vermeidet, für dessen liebevolle Begleitung ich gerade zu fertig bin – dann erspare ich uns allen auch mal eine blöde Diskussion um Prinzipien. Für knallharte Erziehung ist morgen auch noch Zeit. 😉

5. Das nächste Abenteuer liegt so nah.

Vielleicht habt ihr in unserer Dezember-Ausgabe schon den Artikel über Mikroabenteuer gelesen? Wenn nicht, holt das nach! Denn in 2020 habe ich definitiv auch gelernt, unsere Umgebung wieder schätzen zu lernen. Man muss nur mal loslaufen oder -radeln (ich weiß, mit einem "Nö, ich will mich nicht anziehen"-Kind ist das leichter gesagt als getan)! So entdeckten wir z.B. umgekippte Bäume und geheime Höhlen im Alstertal, wo meine Tochter stundenlang spielte und ich einfach mal die Seele baumeln lassen konnte oder süße Läden in der Nähe, die wir uns nach dem Lockdown dann mal angeschaut haben.

Mein Tipp, wenn euch oder euren Kindern "einfach nur spazieren gehen" zu langweilig ist: Geo Caching. Echt. Probiert das aus, gerade in der Großstadt!

6. Heulen hilft.

Das habe ich eher von meiner Tochter als von diesem Jahr gelernt: Einfach mal alle Emotionen rauslassen (muss ja nicht direkt vor Budni sein, zu Hause ist auch völlig ok). Wer den dicken Kloß im Hals immer runterschluckt, platzt irgendwann. Schöner Nebeneffekt: Wenn ich eine Träne verdrücken muss, kriege ich eine extradicke Umarmung von meiner Kleinen und nichts tröstet schneller als ein "Alles wieder dut, Mama?", begleitet von einem sabberigen Kinderkuss.

Und ja, ich finde es völlig ok, vor meinem Kind zu weinen, wenn ich ihr den Grund erkläre. Und ich erkläre auch, was mich tröstet, damit sie nicht hilflos daneben steht.

7. Kinderspiele können auch uns Großen Spaß machen.

Ich gebe es zu: Ich hasse Rollenspiele ("Du bist Feuerwehrmann Sam, Mama! Ich bin Norman.") und mir reicht es, Bücher EINMAL am Tag anzuschauen, nicht 30 Mal. Kneten, malen, puzzlen … alles toll, aber nicht zwölf Stunden am Stück. Meiner Meinung nach ist es auch völlig okay, dass man nicht immer Bock auf Kinderspiele hat. Gerade inmitten eines Lockdowns muss man da aber meistens trotzdem durch.

Damit wir beide Spaß an der Sache haben, überlege ich oft, wie ich ihre Interessen auch für mich spannend gestalten kann: Es gibt z. B. richtig viele coole Ausmalbilder für Erwachsene, die man einfach ausdrucken und zusammen mit dem Kind verschönern kann. Oder kneten: Kann man auch mit Teig und am Ende ergibt das dann wenigstens auch noch leckere Kekse. Die "Peppa Wutz"-Folge mit Hula Hoop begleiten – zack, Sporteinheit erledigt. Falls ihr auch gerne näht: Stoffe zuschneiden klappt super mit Kind, wenn man ihm auch etwas Stoff und Kreide hinlegt. Bestimmt fällt euch auch für euer Hobby etwas ein, wie ihr euer Kind mit einbinden (oder ablenken) könnt.

8. In Zeiten von "Social Distancing" muss kreative Kommunikation her.

Firmen, für die Homeoffice gleichbedeutend mit Urlaub war, konnten ihren Mitarbeitern plötzlich doch Vertrauen und Technik zur Verfügung stellen. Oma und Opa haben das Internet nicht nur nicht kaputt gemacht, sie wissen mittlerweile auch, wie man darüber mit den Enkelkindern videotelefonieren kann. Die meckerige Nachbarin ist gar nicht so meckerig – sie traut sich nur nie um Hilfe zu bitten, ist aber nun umso dankbarer, dass ihr ihren Einkauf miterledigt!

Gemeinsam kochen ist zwar schöner, aber auch via FaceTime können richtig gemütliche Mädelsabende stattfinden. Ja, sogar Weihnachtsfeiern waren virtuell möglich! Wir mussten in diesem Jahr so oft umdenken wie nie zuvor und das öffnete viele neue Türen. Wer nicht mit aller Macht an alten Prinzipien festhielt und Neuem offen gegenübertrat, wurde oft positiv überrascht.

Mein Vorsatz für 2021: Mir all das immer wieder vor Augen zu rufen (ja, ok, und die acht Homeoffice-Kilos wieder loswerden). Ob das neue Jahr wirklich besser wird als das alte, steht in den Sternen. Obwohl – glaubt man diesen, sieht es wohl nicht so rosig aus. Also lassen wir das neue Jahr auf uns zukommen, machen uns nicht zu viele Hoffnungen, sondern erfreuen uns an den Kleinigkeiten. Und vor allem: Bleiben wir negativ!*

*Ich weiß, der Witz war richtig mies. Aber das war 2020 ja auch, von daher doch ein passender Abschluss für meinen kleinen Jahresrückblick!

Kolumne "Mama Kolumna"

Nora aka Mama Kolumna, die verschlafene Mama-Reporterin, kauft ständig Erziehungsratgeber – liest sie aber nicht. In ihrer Kolumne schreibt sie über das Leben mit ihrem dreijährigen Wirbelwind und versucht nebenbei Antworten auf Fragen wie "Mama, warum haben Elefanten einen Schwanz?" zu finden.

Wenn die Jahresrückblicke im TV laufen, schläft sie meistens schon. Deshalb hat sie über ihren ganz eigenen nachgedacht.

Mehr von Mama Kolumna findet ihr auch Instagram.

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