Kolumne Schröckert schreibt

Geliebte gehasste Sprachnachrichten

Im hektischen Mama-Alltag sind Sprachnachrichten zur kommunikativen Allzweckwaffe geworden. Unsere Autorin findet die ungefiltert gesprochenen Textmengen unmöglich – und kann doch nicht darauf verzichten ...

12 Minuten und 37 Sekunden. So lang ist die längste Sprachnachricht, die ich je erhalten habe. Ich bade zwei Kinder und koche Abendessen in 12 Minuten und 37 Sekunden. Ich dusche, föhne, schminke und frisiere mich in 12 Minuten und 37 Sekunden. Vermutlich schreibe ich sogar diesen Text in weniger als 12 Minuten und 37 Sekunden. Nur eins kann ich nicht, während ich all diese Dinge tue: eine zwölfminütige Sprachnachricht abhören!

Ich hasse Sprachnachrichten!

Neben der übertriebenen Länge dieser speziellen Nachricht macht mich vor allem ihr allererster Satz wütend: "Ich mach das mal schnell per Sprachnachricht, das ist einfacher für mich." Mit diesen Worten beginnt der Marathon-Monolog. Und genau da liegt der Knackpunkt in der beliebten WhatsApp-Funktion: Eine Sprachnachricht ist bequem, einfach und zeitsparend – aber nur für den Absender. Für den Empfänger hingegen ist es die unpraktische, zeitintensivere und vor allem einschränkende Variante. Eine geschriebene Nachricht lässt sich selbst während einer Videokonferenz oder zwischen zwei Schaukelschubsern lesen. Um eine Sprachnachricht abzuhören braucht es hingegen Zeit, Ruhe und im blödesten Fall – so wie bei mir in diesem Beispiel – Stift und Papier, um wichtige Infos mitzuschreiben.

Sprachnachrichten sind also vor allem eins: unhöflich dem Empfänger gegenüber. Ich weiß das. Ich spüre es ja selbst mehrmals täglich, wenn ich wieder eine bekomme und gar nicht weiß, wann ich die nun auch noch abhören soll. Und dennoch: Genauso oft, wie ich mich über unnötig aufgeblähte Sprachnachrichten aufrege, versende ich selbst welche. Weil ich mich verspäte. Weil ich was "ganz, ganz Wichtiges" vergessen habe. Weil ich mich längst gemeldet haben wollte und es wieder nicht geschafft habe, "deshalb jetzt lieber per Sprachnachricht als gar nicht, haha". Weil ich keine Hand zum Tippen frei habe (was Quatsch ist, denn ich habe ja auch eine Hand zum Aufnehmen der Nachricht frei). Weil es wieder einer dieser Tage ist, an denen die Zeit viel zu schnell rennt, und ich deshalb auch die ganze Zeit renne, hin und her, und deshalb auf die Straße anstatt aufs Handy-Display gucken muss. Oder weil ich schlicht und einfach zu faul zum Tippen bin.

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Keine Zeit zum Tippen, muss brabbeln

Ganz egal, worum es geht – meine Nachrichten gehen dann meistens alle mit sehr ähnlichen Worten los: "Oh man, entschuldige, dass ich das jetzt per Sprachnachricht machen muss, ich kann das selber nicht leiden, haha, ich hab nur gerade keine Hand zum Tippen frei, bin mit beiden Kindern auf dem Weg zum ..." – was dann folgt, ist dem Empfänger natürlich herzlich egal, denn ob ich mich mit Kind und Kegel gerade auf dem Weg zum Rewe, zur Logopädie oder zum Wasserspielplatz befinde, hat selbstverständlich nichts mit dem Inhalt meiner eigentlichen Nachricht zu tun. Das wird mir beim Sprechen dann in der Regel auch bewusst. Und deshalb endet meine Nachricht in den meisten Fällen mit einem umständlichen "... oh man, haha, jetzt sind es fast drei/vier/fünf/sechs Minuten geworden, du Arme, wann sollst du das alles abhören, haha, ich mach mal schnell Schluss, sorry noch mal, wir sind jetzt auch gleich angekommen, tschüssi du, bis ganz bald, fühl dich gedrückt, und sorry noch mal! Bleib gesund! Tschüssi! Jetzt aber wirklich!"

Keine Zeit zum Tippen aber unbegrenzte Zeit zum Brabbeln: Es ist erstaunlich, wie dämlich eine studierte Journalistin sich ausdrücken kann, wenn niemand sie aufhält. Und so wird aus einer Info, die problemlos in wenige Sekunden gepasst hätte, ein mehrminütiger Monolog voller Floskeln und Entschuldigungen. Aus falsch gemeinter Höflichkeit, die in Wahrheit eine absolute Respektlosigkeit gegenüber dem Empfänger und dessen wertvoller Zeit ist.

Ich liebe Sprachnachrichten!

Irgendwann bin ich zurück vom Rewe, von der Logopädie und vom Wasserspielplatz. Als die Kinder schlafen, komme ich endlich dazu, die zwölfminütige Sprachnachricht abzuhören und die wichtigen Instruktionen darin nicht nur herauszufiltern, sondern auch mitzuschreiben. Als ich den Laptop zuklappe, freue ich mich sehr aufs Bett.

Zu meinem allabendlichen (oder eher allnächtlichen) Ritual gehört es, die unbeantworteten Nachrichten des Tages in meinem Smartphone "abzuarbeiten". Zwei Mal hat eine meiner Freundinnen heute probiert mich anzurufen. Ich schaue auf die Zeitanzeige im Handy-Display: 23:16 Uhr. Zu spät, um sie zurückzurufen. Schade. Heute war so ein Tag, nach dem ich einfach gern ihre Stimme gehört hätte. Ich öffne WhatsApp und muss lächeln: Eine Sprachnachricht von ihr wartet darin. Fünf Minuten und 24 Sekunden ist sie lang. Ich lehne mich zurück und freue mich beim Abhören über jede einzelne davon.

Vermutlich ist es mit Sprachnachrichten in Wahrheit wie mit jeder anderen Botschaft: Viel wichtiger als die Frage, wie man sie bekommt, ist die Frage, von wem man sie bekommt. Trotzdem nehme ich mir für die Zukunft vor, beim Versenden meiner eigenen Sprachnachrichten umsichtiger mit der Zeit anderer umzugehen. Und freue mich weiterhin auf das nächtliche Abhören der lieben Nachrichten meiner Lieblingsmenschen – je länger, je besser.

SCHRÖCKERT SCHREIBT

Vom unbeschreiblichen Glücksmoment bis zum nächtlichen Nervenzusammenbruch: Die Hamburger Zweifachmama Silke Schröckert kennt und kommentiert alle Seiten des Mama-Daseins. Manchmal brüllend komisch, manchmal emotional ernst, aber auf jeden Fall immer eins: absolut ehrlich.

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