Slow Fashion

Kleidung leihen statt kaufen – wir haben es getestet!

Kleidung mieten statt besitzen: Unsere Autorin Silke
 wurde vom Fast-Fashion-Victim zum Leihmode-Fan. Was sie an dem System so begeistert und wie es funktioniert, verrät sie hier in ihrem Erfahrungsbericht.

Warum eigentlich Leihmode?

Wie viele neue Kleidungsstücke kauft ihr pro Jahr? Im deutschen Durchschnitt sind es sage und schreibe 60 Teile. Ja, das sind fünf Kleidungsstücke pro Monat, und nein, da sind Klamotten für Kinder nicht mit eingerechnet – sondern wirklich nur das, was wir uns selbst gönnen. Das eigentlich Verrückte an diesem Konsumverhalten: Bis zu 40 Prozent der neu gekauften Teile tragen wir laut eines Reports des Leihmode-Unternehmens Unown nur ein- oder zweimal, bevor wir sie entsorgen (oder einfach im Kleiderschrank vergessen).
Mein persönliches Verhältnis zu Besitz hat sich in den vergangenen Jahren fundamental verändert. Als ich im Jahr 2014 zum ersten Mal Mutter wurde, war es unvorstellbar für mich, die Erstausstattung gebraucht zu erwerben. Mein geliebtes Baby in einen Winteranzug stecken, den zuvor schon ein anderes Kind vollgesabbert hatte? Niemals!

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Schon gewusst?

73 Prozent unserer Kleidungsstücke landen auf Deponien oder werden verbrannt. Nur ein Prozent wird zu neuen Kleidungsstücken recycelt ergab der Unown Impact Report. Deshalb ist es so sinnvoll, weniger Kleidung zu produzieren und die Lebensdauer jedes bestehenden Kleidungsstücks zu verlängern.

 

Secondhand-Kleidung erst für die Kinder, jetzt für die Mama!

Acht Jahre und ein zweites Kind später hat sich nicht nur unsere Welt, sondern (zum Glück!) auch meine Einstellung ein ganzes Stück weit verändert – und mir erscheint das genaue Gegenteil als Zumutung. Nicht nur wegen der Schadstoffe, die in werksneuer Kleidung oft enthalten sind. Sondern auch aufgrund des immensen Energie- und Ressourceneinsatzes, der für die Herstellung neuer Textilien vonnöten ist. (Na ja, und weil ständig neue Kinderklamotten kaufen einfach sauteuer ist, ich geb’s ja zu.)

Nachdem dieses Umdenken für die Ausstattung meiner Kinder also erfolgreich geklappt hat, ist mein eigener Kleiderschrank dran. Mein textiles Konsumverhalten war bislang von Impulskäufen geprägt. Die dunkelblaue Teddyjacke, die ich kurz vor Corona im Sale entdeckt hatte, hängt seitdem ungetragen an der Garderobe. Das viel zu teure Sporttop, das ich nach einer anstrengenden Woche mit Homeoffice und Homeschooling in einer Instagram-Werbung entdeckt hatte (und mit dem ich mich eigentlich belohnen und schöne Gefühle auslösen wollte), ärgert mich besonders: Wann genau wollte ich bauchfrei trainieren gehen? Welche Sportart überhaupt? Und für die Hochzeit meiner besten Freundin habe ich nicht nur ein, sondern gleich drei neue Kleider gekauft – nur um am großen Tag selbst dann doch wieder mein Lieblingskleid aus dem Schrank zu ziehen.

Kleidung mieten: Ist das was für mich?

In einer Zeitschrift entdeckte ich einen Bericht über das Start-up Unown, ein Leasing-Service für Kleidung und Accessoires. Die Idee: Neue Kleidung wird nicht gekauft, sondern gemietet. Borgen statt besitzen – auf den ersten Blick erscheint mir die Idee genial. Ausgefallene Teile oder Stücke für besondere Anlässe trägt man ohnehin nur wenige Male. Warum also nicht für den jeweiligen Zeitraum die Wunschteile preiswert ausleihen, anstatt teuer zu kaufen? Für einen anstehenden Kundentermin wollte ich mir ohnehin ein neues Kleid gönnen. Ich beschließe: Das wird nicht gekauft, sondern gemietet.

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Linda Ahrens

...hat langjährige Erfahrungen in Technologie- und Innovationsberatungen gesammelt, bevor sie 2019 gemeinsam mit Tina Spießmacher Unown gründete. Die beiden Hamburgerinnen wollen mit ihrem Nutzungsmodell zu einem bewussten Umgang mit Kleidung beitragen.

Wie genau funktioniert das Konzept "Kleidung leihen"?

Auf der Website des Unternehmens kann ich mich entscheiden, ob ich einzelne Teile für einen Zeitraum von zwei oder vier Wochen miete oder ob ich direkt eine "Membership" zum monatlichen Fixpreis abschließen möchte. Ich entscheide mich für das kleinste der drei möglichen Miet-Abonnements: Zwei Teile kann ich mir nun aussuchen und für einen Preis von 39 Euro vier Wochen lang ausleihen. Dabei bereitet es mir besondere Freude, dass die eigentlichen Kaufpreise angezeigt werden – und ich direkt sehe, wie viel Geld ich gerade spare: Das schwarze Kleid von Marc O’Polo, das ich wähle, kostet neu 249 Euro. Der Wintermantel von Drykorn sogar 349 Euro. Nun darf ich beide Teile für umgerechnet 19,50 Euro einen Monat lang tragen. Es fühlt sich schon jetzt an, als hätte ich das Schnäppchen des Jahres gemacht!

Leasing statt kaufen: Was kostet eigentlich einmal anziehen?

Geliefert wird meine Mietmode in einem Versandbeutel, den ich nach vier Wochen auch wieder für den Rückversand nutzen soll. Oder für den Fall, dass mir eines der Teile nicht passt: Innerhalb von drei Tagen ist ein Umtausch möglich. Gegen eine andere Größe, sofern die vorrätig ist. Oder man sucht sich eben ein anderes Teil aus. Meine Auswahl passt prima – und beide Teile sehen brandneu aus. Ich frage mich, ob ich wirklich das Glück habe, die allererste Mieterin zu sein?

Der Mantel kommt genau zum neuerlichen Wintereinbruch, und ich trage ihn ab jetzt an jedem einzelnen Tag der Mietphase. Und mache mir den Spaß, folgende Rechnung aufzustellen: Für 28-mal "Mantel anziehen" zahle ich 19,50 Euro, das sind 70 Cent pro "Trageeinheit". Hätte ich den Mantel für 349 Euro gekauft, hätte ich ihn mehr als 500-mal anziehen müssen, um auf diesen Wert zu kommen.

Ich gebe zu: Nach vier Wochen fällt es mir richtig schwer, mich von dem Mantel zu trennen. Trotzdem klicke ich online an, dass ich ihn zurücksenden möchte. Alternativ könnte ich die Leihdauer auch einfach verlängern – aber der Wunsch, den Mantel durch ein neues Teil zu ersetzen, überwiegt.

Bei dem schwarzen Kleid hingegen bin ich richtig froh, dass ich es nun wieder abgeben kann: Es hat seinen Dienst getan, ich hatte es bei dem Kundentermin und zu drei weiteren Anlässen an. Nun bildet es bereits Pilling unter den Armen und ist irgendwie aus der Form. Wäre es mein eigenes Kleid, würde ich es im Schrank verstauen. Jetzt aber sende ich es zurück, es wird vom Pilling befreit, gereinigt und in Form gebracht – und die nächste Mieterin darf sich freuen über ein Kleid, das aussieht wie neu.

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Immer wieder anziehen(d)

Ein neu gekaufter Wollpullover wird im Schnitt 79-mal* getragen. Wird er secondhand weiterverkauft, werden daraus 109 Einsätze. Im Miet-Modell von Unown liegt der Schnitt bei 160 Trage-Einheiten.

*Quelle: Studie "Environmental impacts associated with the production, use, and end-of-life of a woollen garment"

Ausgefallene Teile leihen statt kaufen

Ich hingegen habe schon zwei Tage später die nächste Lieferung im Briefkasten. Ausgesucht habe ich mir dieses Mal eine Yoga-Hose von Hey Honey (ja, die aus der Instagram-Werbung, ich bleibe trotz aller nachhaltiger Vorsätze ein Opfer der Social-Media-Werbung) und einen Einteiler (!) mit Animal-Print (!!) von Scotch & Soda.

Niemals hätte ich mich getraut, so ein ausgefallenes Teil zu kaufen! Zweimal hatte ich meinen Miet-Jumpsuit mit Leoparden-Muster immerhin schon an. Ob ich einen dritten Anlass finden werde, weiß ich noch nicht. Hätte ich ihn für 159 Euro gekauft, wäre das ein teures modisches Experiment geworden. Aber für die 19,50 Euro war es den Spaß absolut wert.

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Luxustaschen leihen

Gucci, Prada, Dolce & Gabbana: Auch Luxus ist mietbar! Auf rentobag.com kann man eine kleine Auswahl an Designertaschen tageweise ausleihen (Abendtasche von Aigner zum Beispiel drei Tage lang für 27 Euro). fobe.me bietet ein Abo-Modell: Ab 79 Euro/Monat erhaltet ihr drei Luxustaschen, die alle zwei Monate ausgetauscht werden.

Nachhaltiger Konsum und sorgsamerer Umgang mit Kleidung

Ja, ich bin Fan des Miet-Modells. Entdecke ich jetzt einen neuen Trend bei den Fast-Fashion-Ketten, schaue ich zunächst online, ob ich mir ein vergleichbares Teil ausleihen kann. In deutlich besserer Qualität und vor allem: mit deutlich besserem Gewissen. Außerdem stelle ich etwas Faszinierendes fest: Dadurch, dass ich logischerweise sehr vorsichtig mit den geborgten Teilen umgehe (sie gehören schließlich nicht mir), behandle ich automatisch auch meine eigenen Kleidungsstücke plötzlich wieder wertschätzender.

Wieviel spare ich durch die Leihmode?

Wie viel Geld ich durch das Leasing-Modell dauerhaft spare, lässt sich nur überschlagen. Hätte ich den 349 Euro teuren Mantel wirklich gekauft? Vermutlich nicht. Aber ziemlich sicher einen anderen Wintermantel, der irgendwann neben der blauen Teddyjacke im Schrank vergammeln würde. Ach ja, und die Yoga-Pants aus der Instagram-Werbung hätte ich ganz sicher auch gekauft.

Mein Fazit:

Alles in allem stelle ich fest, dass ich weniger Impulskäufe tätige, seitdem ich Mode auch mieten kann. Das schont nicht nur meinen Geldbeutel, sondern auch Ressourcen. Mit einem besseren glücklichen Gewissen habe ich mich schon lange nicht mehr durch einen Online-Shop geklickt.

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Fünf Fragen an Linda Ahrens...

Wie bereitet ihr die Kleidungsstücke für neue Kundinnen auf?
Es ist Kern unseres Service, dass sich die Stücke nicht nach "Secondhand" anfühlen, sondern wie neu. Dafür werden alle Produkte vor dem Versand professionell gereinigt und – wenn nötig – repariert.

Und wie muss ich die Sachen reinigen, bevor ich sie zurücksende?
Wir empfehlen, die Kleidungsstücke während des Leihzeitraumes nicht zu waschen. Wenn du trotzdem etwas waschen willst oder musst, dann orientiere dich exakt an den Hinweisen im Pflegeetikett.

Was, wenn meine Kinder das geliehene Teil ruinieren?
Die Sorge haben viele, doch die tatsächlichen "Totalschäden" können wir an einer Hand abzählen. Normale Abnutzungserscheinungen sind einkalkuliert und für die Kundin versichert. Wenn wirklich etwas ruiniert wird, berechnen wir maximal den Restwert.

Wie halten eure Kleidungsstücke das viele Tragen eigentlich aus?
Dank der hohen Qualität. Wir achten schon bei der Auswahl der Teile darauf, hochwertige Stoffe zu wählen, bei denen zum Beispiel Ziehfäden oder andere Mängel gar nicht erst auftreten.

Und wenn ich doch spüre, dass mein Teil schon getragen wurde?
Dann ist das ein erwünschter Teil der ganzen Idee. Kleidungsstücke sind nicht weniger wert, nur weil jemand anderes sie schon anhatte. Wir wollen an dem Gedanken schrauben, dass Kleidung ihren Wert entfaltet, wenn sie getragen wird – nicht, wenn sie im Schrank hängt.

 

Alle Infos: unown-fashion.com

Tipp: Praktisch in der Schwangerschaft – bei Unown kann man auch Umstandsmode leihen.

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