Nicht so kritisch, bitte!

Schluss mit Mom (und Dad)-Shaming!

Spitze Bemerkungen, abwertende Blicke, offene Anfeindungen –
 die deutliche Mehrheit aller Mütter und Väter kennt das Gefühl, kritisiert zu werden, und leidet darunter, wie eine aktuelle Studie zeigt

Wer kennt nicht die folgende Situation? Ihr steht mit dem Nachwuchs an der Supermarktkasse, als die Kinderaugen das Süßigkeitenfach erspähen. Aus dem anfänglichen "Bitte, Mama!" wird schnell Geheule und schließlich ein Wutanfall. Schlimm genug. Doch das Kopfschütteln und die verächtlichen Blicke der Umstehenden machen die Situation zum puren Eltern-Stress. Bloß raus hier!

Für eine Forsa-Umfrage im Auftrag der Bepanthen-Kinderförderung wurden 1000 Eltern mit Kindern zwischen drei und 16 Jahren zum Thema "Familien unter Druck" befragt. Demnach gaben 59 Prozent an, schon einmal von anderen für den Umgang mit ihrem Kind kritisiert worden zu sein. Ein Drittel dieser Eltern fühlte sich in der Folge sogar als schlechte Mutter oder schlechter Vater. "Die Unsicherheit zieht sich durch die gesamte Elternschaft und wird so richtig erst mit mehreren Kindern besser", sagt Henriette Zwick, Bloggerin und Mitglied im Expertengremium der Bepanthen-Kinderförderung. Besonders beim ersten Kind seien Eltern noch sehr anfällig für Kritik.

Experten-Bild

Unsere Expertin:

Henriette Zwick

 ... ist Mitglied im Expertengremium der Bepanthen-Kinderförderung. Die Bloggerin aus Berlin schreibt über die Herausforderungen und Probleme des Familienalltags mit vier Kindern, lässt aber auch die schönen Erlebnisse nicht zu kurz kommen.

Mehr Infos: supermom-berlin.de

Auch beiläufige Bemerkungen lösen leicht Verunsicherung aus

Tendenziell werden Mütter (65 Prozent) dabei häufiger kritisiert als Väter (53 Prozent). Und dieses Phänomen hat einen Namen: "Mom-Bashing", also das Heruntermachen von Müttern, oder "Mom-Shaming", also das Verursachen von Schamgefühl. Aufgrund von beiläufigen oder tatsächlich kritischen Bemerkungen am Erziehungsstil entsteht bei Betroffenen das Gefühl, versagt zu haben. Solche Rückmeldungen zur Kindererziehung müssen nicht unbedingt besonders kritisch kommuniziert werden, um Verunsicherung bei Eltern auszulösen, weiß Vierfach-Mama Henriette Zwick aus eigener Erfahrung: "Da kamen gern mal so nebenbei eingestreute Bemerkungen wie 'Ach, stillst du immer noch?' oder 'Verwöhnst du dein Kind nicht zu sehr?' oder 'Kriegt es denn Luft in der Trage?'. Erst später, als ich selbst schon sicherer war und die Kinder älter waren, wurde es weniger und griff mich nicht mehr so stark an."

"Mom-Shaming" in der eigenen Familie

Häufig, nämlich zu 45 Prozent, kommen Bemerkungen oder Spitzen dabei aus der eigenen Familie und treffen besonders die jüngeren Eltern oder Eltern jüngerer Kinder. In solchen Fällen rät Henriette Zwick, erst einmal tief durchzuatmen: "Eltern sollten immer daran denken, dass die Äußerung vielleicht gar nicht so böse gemeint war, wie sie klang. Gerade wenn die Kritik von älteren Menschen geäußert wird, sollte man vielleicht erst einmal überlegen, ob sie eventuell mit einem Tipp helfen wollten, der eben nur veraltet ist." Und letztlich sollte jede Mutter und jeder Vater das Selbstvertrauen haben, zur eigenen Entscheidung zu stehen. Denn Eltern sind die Experten für das eigene Kind, nicht irgendeine andere Person.

Wenn es bei einer Mama gut läuft, wird sie gemobbt

Besonders hässlich wird die Kritik in der Anonymität des Internets. Dort geht es dann oft nicht mehr um vermeintlich hilfreiche Tipps, sondern ums Verletzen und Lästern. Bloggerin Zwick vermutet hinter solchen Kommentaren vor allem Unsicherheit bei den Verfassern. "Weil keine von uns sich immer zu 100 Prozent sicher in ihren Entscheidungen ist. Wenn dann auch noch bei einer anderen Mutter alles besonders gut läuft, ärgern sich andere vielleicht und lassen diesen Ärger dann raus." Es sei zwar ganz normal, sich zu vergleichen, es käme nur eben darauf an, wie man die Information im Anschluss verarbeitet. "Die einen können sie annehmen und vielleicht sogar davon profitieren, andere fühlen sich angegriffen, weil es nicht ihr eigener Weg ist – sie bewerten die Info dann als negativ", sagt Zwick.

Nicht perfekt zu sein macht sympathisch

Sie selbst sei diesen Anfeindungen im Netz trotz ihrer Offenheit nur selten ausgesetzt, was vermutlich auch an der Art ihrer Blogbeiträge liegt. Henriette Zwick, deren Blog zwar "Super Mom Blog" heißt, zeigt genau die gegenteilige Seite von sich. Die, die eben nicht immer perfekt ist, mit immer ordentlich frisierten Kindern und ausnahmslos gesundem, selbst gemachtem Essen. "Zu wissen, dass es Menschen gibt, die unsicher waren und denen ich vielleicht auch mit meiner nicht perfekten Welt helfen kann, durchzuatmen und dem Druck zu entkommen, ist ein schönes Gefühl." Deshalb zeigt sie ihre Küche nach der Mehlschlacht beim Backen oder erzählt von der Erschöpfung, die sie nach zwei Jahren Pandemie spürt. Damit andere Eltern sehen, dass sie nicht die einzigen sind, bei denen es mal wieder nicht wie geplant läuft. "Der Satz 'Ich dachte, damit wäre ich allein' ist vermutlich das häufigste Feedback, das ich bekomme", erzählt Zwick.

Tipps aus dem eigenen Umfeld: meistens unerwünscht

Die Bloggerin trifft mit dieser Intention einen Nerv, wie auch die Studie zeigt: 61 Prozent der Eltern wünschen sich mehr Verständnis für den eigenen Erziehungsstil und dafür, dass sie Dinge anders machen als andere. Dagegen wünschen sich gerade einmal vier Prozent der Befragten mehr Tipps aus dem eigenen Umfeld. "Meine Mutter sagt oft, dass sie vieles anders machen würde, als wir es tun, dass sie aber sieht, wie gut es uns geht. Aus diesem Grund hat sie gelernt, unsere Art zu akzeptieren", sagt Henriette Zwick.

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Und genau diese Akzeptanz macht den Unterschied. Auch im Supermarkt gegenüber der Mutter mit dem schreienden Kind. Man stelle sich nur einmal vor, die Frau in der Schlange hinter der gestressten Mama würde sie anlächeln oder ihr sogar gut zusprechen. Es ginge ihr umgehend besser, glaubt auch Henriette Zwick: "Zuspruch tut so gut, und er kostet genauso viel Energie wie die Kritik."

Autorin: Andrea Leim

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