Eine Mama erzählt

Wie ich mir drei Wochen Auszeit von Corona gönnte

Viele von uns Eltern sehnen sich nach Wochen der Doppelbelastung nach einer Auszeit – Venia Peuker aus Hamburg bekam sie schon. Als wir alle noch mitten im Stayhome-Fieber steckten, entspannte die alleinerziehende Mama mit Sohn Frederick fernab von Corona: Sie machte eine Mutter-Kind-Kur in einem Reha-Haus in Brandenburg, in dem die Pandemie kaum eine Rolle spielte. Venia hat für uns aufgeschrieben, wie sie die drei Wochen erlebte.

Es begann so harmlos

Als Mitte März die Kitas vorübergehend geschlossen wurden, habe ich wirklich geglaubt, dass das nur für zwei Wochen sein wird. Entsprechend haben sich die ersten Tage der Schließung wie Urlaub angefühlt. Endlich viel Zeit mit meinem Sohn verbringen, keine Termine, kein Stress. Als selbständige Fotografin hatte ich im März sowieso nicht allzu viel zu tun, die Hochzeits- und Eventsaison lag in naher Zukunft und so stelle ich mich auf zwei entspannte Wochen ein. Ich fotografierte meine Nachbarn, wie sie alle nach und nach anfingen ihre Fenster zu putzen, sich täglich am Fenster sonnten und vor Langeweile in der Nase bohrten. Ich nahm mir vor, die Bilder für einen Fotowettbewerb einzureichen.

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Mein Sohn wurde immer unausgeglichener

In der zweiten Woche kam dann die Erkenntnis, dass das etwas länger als gedacht dauern könnte. Mit dieser Erkenntnis kam die Verzweiflung und mit ihr die Wut. Von Tag zu Tag wurden mir mehr Aufträge abgesagt, Events gecancelt, Hochzeiten verschoben. Dazu mein Sohn, der immer unausgeglichener um mich herum hüpfte und gefühlt jede Minute "Maamaaa, kannst du mal hier, kannst du mal dort" brüllte. In meinem Kopf finanzielle Sorgen, Angst um unsere Gesundheit, und Wut darüber, mit meinem Sohn und meinen Sorgen völlig allein gelassen zu werden. Was mir bis dahin nicht bewusst war, wie absolut notwenig es für Kinder ist, mehrere Stunden am Tag mit anderen Kindern zu spielen!

Frederick war abends nicht müde genug, um zu seiner gewohnten Zeit ins Bett zu gehen. Trotz Fahrradtour, Pizza backen und fünf Vorlesegeschichten schlief er nicht vor zehn ein. Dabei brauchte ich so dringend Zeit, um mir in Ruhe Gedanken über unsere Zukunft machen zu können. Müde las ich mich nachts durch Gesetzestexte zur Soforthilfe, versuchte in Foren Antworten zu Definitionen wie Liquiditätshilfe zu finden und schlief nicht selten mit Projekt- und Akquise-Ideen ein, an die ich mich am nächsten Morgen nicht mehr erinnern konnte. Da war direkt wieder das Energiebündel wieder neben mir und keine Chance mehr einen klaren Gedanken zu fassen.

Dann kam die Rettung – die Kur, die ich längst vergessen hatte

Was ich auch total vergessen hatte, war, dass meine Hausärztin mir vor einiger Zeit eine Mutter-Kind-Kur verschrieben hatte, weil mein Immunsystem durch den üblichen Alltagsstress einer alleinerziehenden, selbständigen Mutter, völlig im Keller war. Und diese Kur stand nun vor der Tür. Leider wurden mir von der Klinik meine Anrufe und Mails nicht beantwortet, mit welchen Einschränkungen aufgrund der Pandemie zu rechnen ist. Ich wusste nur, dass die Klinik nach wie vor geöffnet war. Also habe ich unsere sieben Sachen gepackt und bin mit Frederick nach Brandenburg gefahren. Ich wusste nicht, was uns erwartet und im schlimmsten Fall wäre es ein Tagesauflug in die Märkische Schweiz geworden. Dann hätten wir immer noch mehr erlebt, als sonst an einem Corona-Tag.

Dort angekommen wäre ich vor Erleichterung und Glücksgefühlen fast in die Luft gesprungen! Die Sonne schien, das Klinikgelände lag wunderschön in einem kleinen Dorf direkt am See, überall spielende Kinder - auf den Spielplätzen, im Schwimmbad und im Kindergarten. Klar mussten wir ein paar Hygienemaßnahmen befolgen, aber im Großen und Ganzen gab es kaum Einschränkungen. Ich hatte Erwachsene, mit denen ich mich visavis austauschen konnte, Frederick war abends wieder richtig ausgepowert vom Spielen mit anderen Kindern. Er schlief wieder früh ein und ich hatte endlich wieder Zeit, mir Gedanken zu machen, meinen Optimismus zurück zu gewinnen und für meine Situation Lösungen zu finden.

Jetzt kommt man schneller an einen Platz

Viele Mütter haben mir in der Kur erzählt, dass sie ganz kurzfristig einen Kurplatz bekommen haben. Der Antrag dauert je nach Krankenkasse ungefähr zwei Wochen. Und in den geöffneten Kur-Kliniken werden immer wieder spontan Plätze frei. Ich möchte allen Müttern (und auch Vätern, denn auch diese können sich selbstverständlich eine Kur mit ihren Kindern verschreiben lassen), die unbedingt aus dem Corona-Alltag raus müssen, ermutigen, sich von ihrem Hausarzt/ihrer Hausärztin ein Erschöpfungssyndrom attestieren und eine Eltern-Kind-Kur verschreiben zu lassen. Mit etwas Engagement und Glück sitzt ihr schon in wenigen Wochen mit ausgeglichen Kindern entspannt in der Sonne am See. Ihr habt euch eine Pause mehr als verdient! 

Anmerkung der Redaktion: Informationen zu Mutter-Kind-Kuren findet Ihr unter beim Müttergenesungswerk – und wenn Ihr Venia als Fotografin buchen wollt, findet Ihr hier ihre Kontaktdaten.

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