Ein Blick in die Zukunft

Ein Jahr Corona: Wie verändert sich unser Leben?

Kein Leben nach Corona, sondern ein Leben mit Corona. So blicken Zukunftsforscher auf die kommenden Jahre. Wie sieht unsere neue Normalität im Jahr 2021 aus?

Gesichtsmasken tragen, Abstand halten, Kontakte minimieren: Was sich im Frühling 2020 noch absurd anfühlte, ist jetzt – fast ein Jahr später – gelebter Alltag. Vor allem junge Kinder begegnen den Hygieneregeln mit einer beeindruckenden Selbstverständlichkeit. Für die "Corona Natives" hat das regelmäßige Händewaschen schon jetzt denselben Stellenwert wie das abendliche Zähneputzen. Und zu Rollenspielen mit Teddy, Puppe und Co. gehört der Mund-Nasen-Schutz heute genauso dazu wie der klassische Arztkoffer.

Für Erwachsene ist es bekanntermaßen schwerer, sich an etwas Neues zu gewöhnen. Doch die vergangenen Monate haben bewiesen, dass auch wir Großen – zumindest überwiegend – dazu in der Lage sind, neue Regeln zu akzeptieren und alte Bräuche wie das Händeschütteln abzulegen. Dieses Jahr werden weitere Entwicklungen hinzukommen. Manche von ihnen werden wieder verschwinden. Einige werden bleiben. Was uns 2021 auf jeden Fall noch beschäftigen wird, weiß Future-Circle-Mitglied Sören Mohr. Der Geschäftsführer der Werbe- und Marketingagentur New Communication und sein Team präsentieren jährlich die Trends für das kommende Kalenderjahr. Im Interview verrät er seine Prognose für das Familienleben der nahen Zukunft.

Experten-Bild

Sören Mohr

ist Geschäftsführer der Kieler Werbe- und Marketingagentur New Communication und Mitglied im Future-Circle des Zukunftsinstituts. Einen ausführlichen Blick in die Zukunft werfen er und sein Team unter new-communication.de/trendspot

"Wenn Corona vorbei ist, dann ..." – diese Worte hören wir immer wieder, wenn es um Urlaube, Veranstaltungen oder andere Pläne geht. Aber wann ist Corona denn vorbei, Herr Mohr? Können Zukunftsforscher das schon absehen? 

Sören Mohr: Die schlechte Nachricht ist: Corona wird nicht irgendwann "vorbei" sein. Corona wird bleiben. Oder anders gesagt: in Wellen immer wiederkommen.

Jetzt sind wir auf die gute Nachricht gespannt ...

... und die ist beruhigend. Denn sie lautet: Wir werden uns an das Leben mit Corona gewöhnen. So wie wir uns auch an das Leben mit der jährlichen Grippewelle gewöhnt haben.

Aber Corona beeinflusst unser Familienleben mehr als die Grippe.

Das ist wahr. Und natürlich wird das Virus weiterhin Einschränkungen mit sich bringen. Aber es wird auch neue Möglichkeiten eröffnen. Corona ist ein Trendbeschleuniger: Es treibt auch positive Entwicklungen in einer Geschwindigkeit voran, die ohne seine Existenz nicht möglich gewesen wären. In denke da an das digitale Lernen. Oder an das Thema Homeoffice. Hier hat das Coronavirus schnelle Lösungen erzwungen – und sie wurden vielerorts möglich gemacht.

Wenn das Virus bleibt, wie Sie sagen, werden dann auch das Homeoffice und Homeschooling im Jahr 2021 bleiben? Und was bedeutet das für Familien?

Das Lernen und Arbeiten von zu Hause aus wird uns noch eine ganze Weile begleiten, vermutlich weit über das Jahr 2021 hinaus. Gerade für Familien bringt das ganz neue Ansprüche an die eigene Wohnsituation mit. Im März 2020 haben viele Arbeitnehmer festgestellt, dass sie vielleicht vom Arbeitgeber die passende Technik zur Verfügung gestellt bekommen haben – aber zu Hause über gar keinen richtigen Arbeitsplatz verfügen. Am Küchentisch, zwischen Breigläschen und Brotdosen, kann man nur bedingt einer dauerhaften Beschäftigung nachgehen. Langfristig werden viele Arbeitnehmer einen Heim-Arbeitsplatz einrichten. Das ist auch wichtig, um dem Homeoffice das Stigma zu nehmen, dass es "gar keine richtige Arbeit" sei.

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Also heißt es in der Wohnungssuche ab 2021 "Drei Zimmer, Küche, Bad, Büro"?

Mindestens. Denn gerade in Familien ist ja der Arbeitsplatz nicht das Einzige, was sich in die eigenen vier Wände verschiebt. Wir treiben mehr Sport zu Hause. Wir entwickeln ganz neue Hobbys zu Hause. Die Kinder verbringen mehr Zeit zu Hause. Und: Wir bevorraten uns mehr. All das braucht Platz, manches einen eigenen Raum. Der Anspruch an unser Zuhause wird sich im Jahr 2021 also erhöhen.

Das klingt anstrengend. Und schreit nach Urlaub. Wie wird der im kommenden Jahr aussehen? Oder anders gefragt: Was können wir heute schon buchen, das wir nächstes Jahr nicht wieder stornieren müssen?

Das ist einfach: einen Camper. Die Unabhängigkeit eines Wohnmobils werden im kommenden Jahr viele Familien zu schätzen wissen, das steht heute schon fest. Und flexibel ist diese Reiseform auch: Man muss ja nicht in Deutschland bleiben, sondern kann zum Beispiel einfach mal bis nach Skandinavien fahren. Vorausgesetzt natürlich, dass es keine Reiseeinschränkungen gibt.

Wo wir bei den skandinavischen Ländern sind: Auf die blicken wir gerade neidisch, wenn es um die Digitalisierung geht. Das digitale Lernen zum Beispiel funktioniert dort ganz anders. Deutschland hinkt einfach hinterher ... 

... und da kann ich nur wiederholen: Corona beschleunigt auch positive Entwicklungen ganz enorm. Das digitale Lernen ist ein Beispiel, da holen wir durch das Virus enorm auf. Aber auch das kontaktlose Zahlen wird in Deutschland gerade in einem Tempo vorangetrieben, das es ohne das Virus nie gegeben hätte.

Aber funktioniert das tatsächlich? Werde ich wirklich demnächst in jedem Kiosk an der Ecke mit EC-Karte zahlen können?

Definitiv. Die Händler werden es sich künftig gar nicht mehr erlauben können, keine kontaktlose Zahlungsmöglichkeit anzubieten.

Das klingt aber sehr nach Zwang.

In dem Fall gilt das alte Sprichwort: Man muss Menschen manchmal zu ihrem Glück zwingen. Der Wunsch nach bargeldlosen Bezahlmöglichkeiten ist von Kundenseite her schon seit Langem enorm groß. Kundenzufriedenheit und Umsatzmöglichkeiten steigen durch die Zahloption. Die Händler werden durch die Maßnahme also langfristig profitieren.

Müssen Familien sich privat auch auf neue Anschaffungen einstellen? Von einer umfangreichen Auswahl an Alltagsmasken einmal abgesehen. 

Die vergangenen Monate haben gezeigt, dass bei Familien die Bedeutung der heimischen Endgeräte steigt. Wenn die Kinder am digitalen Unterricht teilnehmen oder schon Vorschüler Lern- und Vorlesevideos anschauen sollen, während die Eltern im Homeoffice arbeiten, braucht jedes Familienmitglied einen eigenen internetfähigen Laptop oder Computer. Wodurch wiederum auch die Bedeutung der privaten Internet-Leitung steigt. Und das gibt dem Ausbau des Glasfasernetzes eine noch größere Relevanz.

Wie werden die Kinder aufwachsen, die in der Corona-Zeit geboren wurden und die Zeit vor der Pandemie gar nicht kennengelernt haben? 

Homeoffice, Mundschutz, Hygieneregeln sind für kleine Kinder das "Normale". Der Weg zur neuen alten Normalität wird von ihnen als Veränderung in eine neue Welt wahrgenommen werden. Fragen wie "Papi, warum arbeitest du heute nicht mehr von zu Hause?" oder "Der trägt keine Maske, darf er das, Mami?" werden zu beantworten sein.

Mal abgesehen von alldem: Wie sieht Ihre ganz persönliche Prognose für das Familienleben im Jahr 2021 aus?

In einem Wort: gut. Das Familienleben gewinnt gerade an Bedeutung. Freunde können durch die Kontaktbeschränkungen weniger getroffen werden, Feiern und Veranstaltungen fallen aus. Was aber immer erhalten bleibt, ganz ohne Abstand und Masken, ist die Familie. Die kleinste, wichtigste Einheit. Ich realisiere es schon jetzt bei uns selbst und auch im Bekanntenkreis, dass gemeinsame Familienabende eine ganz neue Bedeutung bekommen. Plötzlich werden wieder Brettspiele gespielt. Oder die Familie trifft sich auf der Couch und einigt sich gemeinsam auf einen Film. Die Corona-Pandemie bringt viel Negatives und viel Leid mit sich. Und nichts davon möchte ich schön- oder kleinreden. Aber diese Entwicklung, dass die Familie enger zusammenrückt und mehr Zeit miteinander verbringt, die empfinde ich wirklich als große Bereicherung – und als den schönsten Trend von allen.

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Unsere Autorin

Silke Schröckert

Silke Schröckert wollte Journalistin werden, seit sie im Alter von acht Jahren das erste Mal Lois Lane in "Superman" gesehen hatte. Mit 23 wurde sie Chefredakteurin eines Kinderzeitschriftenverlages.

Heute ist Silke spezialisiert auf Familienthemen und textet für Kinder- und Comic-Magazine. Das freut vor allem Sohn Tom und Tochter Mina. Auf ihrer eigenen Seite schreibt sie für die Generation Großeltern. Bei leben-und-erziehen.de nimmt sie sich aktuellen Themen aus Sicht einer Zweifach-Mama an.

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