Selbstversuch

Ökologischer Fußabdruck: Wie grün lebe ich wirklich?

Klimaschutz, Tierwohl, Bio-Bewusstsein: Unsere Autorin dachte, sie gehöre zu den "Guten" – bis sie ihren ökologischen Fußabdruck errechnen ließ. Ein Vorher-nachher-Selbstversuch mit alarmierenden Ergebnissen.

Da war ich mir so sicher: An mir liegt es nicht. Die Klimasünder, die Tierquäler, die CO2-Verursacher – das sind die anderen. Ich habe ja noch nicht einmal ein Auto! Fleisch kaufe ich stets in Bio-Qualität und Eier nur von regionalen Höfen. Mein ökologischer Fußabdruck auf der Erde dürfte klein wie ein Mäusepfötchen sein. Na ja, oder vielleicht wie eine Katzentatze, denn das Prinzip der Mülltrennung ist in unserem Hamburger Wohnhaus erst 2019 angekommen. Aber abgesehen davon ist meine Öko-Weste blütenweiß – besser gesagt: grasgrün. Einem Selbsttest stelle ich mich daher gern.

Ökologischer Fußabdruck einfach erklärt

Online gibt es verschiedene Anbieter, die einem dabei helfen, den sogenannten ökologischen Fußabdruck auszurechnen. Der wird in der Maßeinheit "globale Hektar" (gha) dargestellt – die Einheit für die biologisch produktive Fläche, die jeder von uns für seinen Lebensstil benötigt. Also: für Energiegewinnung, Bauland, Viehzucht – eben alles, was Fläche beansprucht. Dazu gehören auch Abfälle und Abgase, denn die muss die Umwelt verarbeiten. Mit dem ökologischen Fußabdruck kann man so errechnen, wie viele Heimatplaneten benötigt würden, wenn der Rest der Menschheit sich genauso verhielte wie man selbst.

Der perfekte Fussabdruck

Umgerechnet auf die Weltbevölkerung dürfte jeder Mensch nur einen ökologischen Fußabdruck von 1,7 globale Hektar (gha) haben.

Die Realität sieht leider anders aus:

Ø Deutschland: 4,9 gha
Ø Welt: 2,8 gha

Phase 1: der erste Test

Ich entscheide mich für den angenehm einfachen Test von Brot für die Welt auf fussabdruck.de: Der besteht aus nur 13 Fragen, für die ich weder meine Heizkostenabrechnung herauskramen noch den Pro-Kopf-Wasserverbrauch in unserem Vier-Personen-Haushalt errechnen muss. Gewissenhaft beantworte ich die Fragen zur Ernährung, zur Mobilität, zum Konsumverhalten und zur Wohnsituation meiner kleinen Familie. Und schon während ich die Regler der animierten Grafik auf die zutreffenden Antworten schiebe, schwant mir: Da ist gewaltig grüne Luft nach oben.

Der Schock: mein erstes Ergebnis

Kurz lädt mein Rechner, dann steht es da, Schwarz auf Orange: Mein ökologischer Fußabdruck beträgt 5,6 gha! Zum Vergleich: Der weltweite Durchschnitt liegt bei 2,8 gha, nachhaltig wäre ein Wert von 1,7 gha. Und selbst wenn der Mittelwert in Deutschland mit 4,9 gha deutlich höher liegt: Sogar DEN überschreite ich! Würde der Rest der Welt so leben wie ich, bräuchten wir 3,3 Planeten. Ich brauche ein wenig, um diese Info zu verdauen. Ich bin keine von den "Guten". Ich gehöre zu dem Problem, das unsere Erde mit der Menschheit hat. Das zu erkennen tut weh.

Zum Glück liefert der Test nicht nur ein Ergebnis, sondern auch konkrete Infos zu den einzelnen Lebensbereichen. Ein einziges Mal werde ich darin gelobt: für meinen Verzicht aufs Autofahren. Ansonsten sieht es düster aus. Dass ich ausschließlich Bio-Fleisch kaufe, verbessert meinen Wert zwar – doch dass bei uns täglich Fleisch oder Fisch auf dem Tisch landet, macht diesen kleinen Vorsprung direkt wieder wett. Dass meine Eier nicht aus Bodenhaltung kommen, spielt da auch keine Rolle mehr (im Gegenteil: Es wurde nicht einmal abgefragt). Meine Antwort auf die Frage, wie oft ich Lebensmittel wegschmeiße, macht es noch schlimmer. Doch ich wollte ehrlich sein und die vielen Brotdosenreste der Kinder nicht verschweigen. Problematisch wird es beim Thema Müll generell: Zwar können wir Papier und Plastik in unserer Hausgemeinschaft endlich trennen, doch das interessiert im Test gar nicht. Viel wichtiger ist die Frage nach der Menge des Abfalls – und da muss ich zu meiner Schande den höchstmöglichen Wert angeben. 

Phase 2: Die Verbesserung

Ich setze mir ein Datum als Limit: Vier Wochen werde ich mir und meiner Familie Zeit geben, einige der Punkte aktiv anzugehen. Ich starte direkt am nächsten Morgen: Anstatt wie gewohnt die Brotdosen meiner Kinder allein vorzubereiten, binde ich sie in den Prozess mit ein. Ich möchte ihnen wirklich nur das einpacken, was sie in der Schule oder Kita auch essen werden. Gemeinsam entscheiden mein sechsjähriger Sohn und ich über mögliche Snacks und sinnvolle Mengen. Und sogar meine Dreijährige packt sich stolz ihre eigene Brotdose – natürlich aus einer Auswahl an Lebensmitteln, die ich zuvor bereitgelegt hatte.

Beim Abendessen führe ich ein neues Ritual ein: Die Teller fülle ich nicht mehr in der Küche auf, sondern jedes Kind tut das am Tisch – und kann so selbst entscheiden, wie viele Nudeln, wie viel Reis oder was auch immer es sein soll. Die Ergebnisse dieser ersten beiden Änderungen sind gewaltig: Nach wenigen Tagen sind die Neuerungen zur Routine geworden. Und dass Lebensmittel­reste der Kinder in der Tonne landen, ist plötzlich nicht mehr die Regel, sondern eine Ausnahme.

Unseren Fleischkonsum reduziere ich, indem ich feste vegetarische Wochentage einführe. Auch das ist, wenn man es sich erst einmal bewusst macht, ein simpler Schritt. Was nun noch bleibt, ist das große Thema Müll. Das lässt sich nicht mit einer einfachen neuen Regel angehen, sondern nur mit vielen kleinen und manchmal recht aufwendigen Veränderungen. Gemüse, das in Plastik eingepackt ist, kaufe ich ab sofort zum Beispiel gar nicht mehr. Damit ich mich selbst an diese Regel halte, habe ich meinen Sohn eingeweiht: "Immer wenn ich Paprika oder Tomaten mit Plastik drumrum in den Wagen packe, musst du die wieder auspacken!", erlaube ich ihm. Was soll ich sagen: Mit einem sechsjährigen Aufpasser hat man im Supermarkt wirklich keine Chance, schwach zu werden. Was mir dabei schmerzlich auffällt: Ausgerechnet das preiswerte und sonderbarerweise auch das Bio-Gemüse sind oft in Plastik verpackt. Wir kaufen nun also die Varianten, die teurer, aber dennoch nicht bio sind. Das fühlt sich falsch an – und ärgert mich.

Phase 3: Der zweite Test

Insgesamt vier Wochen, nachdem ich den ersten Test gemacht habe, bin ich dennoch positiv aufgeregt. Wieder beantworte ich alle 13 Fragen, so gut ich kann. Und siehe da: Mein Wert hat sich von 5,6 gha auf 4,1 gha verbessert! Umgerechnet auf die Weltbevölkerung würden wir bei diesem Wert immer noch 2,4 Erdplaneten benötigen. Und dennoch: Ich freue mich über den Erfolg in so kurzer Zeit – und die Gewissheit, dass wir die Änderungen auch wirklich beibehalten werden. Nun geht es weiter: Vor allem im Teilbereich "Konsum" gibt es bei uns noch ordentlich Verbesserungsmöglichkeiten. Mal sehen, wie mein ökologischer Fußabdruck in weiteren vier Wochen aussiehen wird, wenn ich auch hier mein Verhalten der Umwelt zuliebe optimiert habe.   

Das Ergebnis im Detail nach den Veränderungen

Profilbild

Unsere Autorin

Silke Schröckert

Silke Schröckert wollte Journalistin werden, seit sie im Alter von acht Jahren das erste Mal Lois Lane in "Superman" gesehen hatte. Mit 23 wurde sie Chefredakteurin eines Kinderzeitschriftenverlages.

Heute ist Silke spezialisiert auf Familienthemen und textet für Kinder- und Comic-Magazine. Das freut vor allem Sohn Tom und Tochter Mina. Auf ihrer eigenen Seite schreibt sie für die Generation Großeltern. Bei leben-und-erziehen.de nimmt sie sich aktuellen Themen aus Sicht einer Zweifach-Mama an.

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