Grün leben

Omas for Future: "Lasst uns gemeinsam handeln!"

Und wenn mein Enkel mich eines Tages fragt: "Was hast du für mich getan, Oma?" Dieser Gedanke ließ Cordula Weimann keine Ruhe. Um die Erde als lebenswerten Ort zu erhalten, wurde sie aktiv – und gründete die "Omas for Future".

Sie nennen sich "Omas for Future" und gehen auf die Straße, um die Erde als lebenswerten Ort zu erhalten. Wir haben die Gründerin, Cordula Weimann, befragt, warum diese Initiative für sie eine Herzensangelegenheit ist – und was jeder beitragen kann.

Über die "Omas for Future"

2019 gründete Cordula Weimann gemeinsam mit Harry Lehmann "Leben im Einklang mit der Natur e.V.", den Trägerverein der "Omas for Future".

Heute gibt es bundesweit mehr als 80 aktive Gruppen mit teilweise bis zu 40 Mitgliedern – rund 20 Prozent von ihnen sind Männer.

Die Gruppen treffen sich mindestens monatlich, viele sogar wöchentlich. Künftig sollen auch Solidaritätsgruppen für inaktive Unterstützerinnen gegründet werden.

Mehr Infos findet ihr auf omasforfuture.de.

Leben & erziehen: Frau Weimann, wann haben Sie entschieden, dass Sie aktiv etwas für die Zukunft unseres Planeten tun möchten?

Cordula Weimann: Ich sah eines Tages meinen Enkelsohn an und auf einmal übermannte mich ein lähmendes Gefühl. Ich dachte plötzlich: Wie kann ich auf der einen Seiten Wadenwickel machen, Worte beibringen, nur das Beste für meine Kinder und meinen Enkel wollen – und gleichzeitig mit meinem Verhalten auf diesem Planeten dazu beitragen, dass ich diesem Wesen, das ich so liebe, die Grundlage entziehe, die es zum Leben braucht? Ich gucke ihn an mit strahlenden Augen, trage aber mit dem nächsten Atemzug dazu bei, dass seine Welt zerstört wird. Diese Erkenntnis traf mich wie ein Schlag, ich kam mir so verlogen vor.

Wie haben Sie auf diesen Moment der Erkenntnis reagiert?

Ich war erst einmal handlungsunfähig. Ich fühlte mich verloren. Und dann wuchs ein Gedanke in mir: Was, wenn mein Enkel mich in 10 oder 15 Jahren fragt: Was hast du für mich getan, Oma? Was hätte ich denn da sagen sollen, wenn ich nichts getan hätte? Meine eigenen Kinder sind mit Bio-Produkten großgeworden, aber es ist ja die eine Sache, was ich für mich und meine Familie tue – und eine ganz andere Sache, ob ich mein Wissen und meine Erkenntnisse weitergebe. Also habe ich erst einmal angefangen aufzuschreiben, was ich schon wusste, um zumindest dieses Wissen weiterzugeben.

Und traf Ihr Wissen auf Interesse?

Und wie! Ich hatte schnell ein Dutzend Frauen in meinem Umfeld, die mir zuhörten. Und die wissen wollten, was jede Einzelne durch Verhaltensänderungen tun kann. Und da wurde mir bewusst: Wir machen Vieles nicht extra. Wir wissen es nur noch nicht besser, denn wir haben eine falsche Form von Konsum gelernt.

Von wem?

Von der Werbung. "Geiz ist geil", "Nimm 3 zahl 2" – solche Botschaften wurden und werden uns permanent vermittelt. Und unseren Kindern auch. Da wird auf der Gefühlsebene mit Bildern gearbeitet, die uns Dinge zeigen, nach denen wir uns sehnen. Dabei geht es schon lange nicht mehr darum, ob wir uns eine Sache leisten können.

Die Frage ist, ob ich mein Konsumverhalten gegenüber der Erde und meinen Kindern verantworten kann. Alles, was ich mir kaufe, belastet die Erde. Auch dann, wenn es mich nur einen Euro kostet – die Rechnung für unseren Planeten ist viel, viel höher.

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Abgesehen vom Massenkonsum: Was ärgert Sie im Alltag am meisten?

Plastik, das in die Umwelt geworfen wird. Generell unsere Wegwerf-Mentalität. 30 Prozent unserer Nahrung schmeißen wir ungenutzt weg. 40 Prozent unserer Kleidung tragen wir nur ein Mal oder gar nicht. Zum Recyclen reicht die Qualität der Billigklamotten nicht mehr aus.

Woher kommt diese Wegwerf-Mentalität?

Uns hat nie jemand aufgeklärt über die Natur! Es ist doch so: Die Natur schreibt keine Rechnung. Ein Apfel, der am Baum wächst, ist kostenlos. Erst wenn der Mensch ins Spiel kommt und seine Hand auf den Apfel, den ganzen Baum legt, dann kommt auch eine Rechnung. Wir haben uns komplett abgekoppelt von dem Grundverständnis, dass wir mit der Natur verbunden sind. Ich würde sogar sagen: Wir sind im Krieg mit der Natur. Und das auf Kosten unserer Kinder und Enkel. Für unser Konsumverhalten zahlen sie die Rechnung.

Finden Sie nicht, dass sich das Bewusstsein für ein nachhaltigeres Leben in den vergangenen Jahren verändert hat?

Ein Umdenken hat gestartet, das ist richtig, aber es läuft viel zu langsam. Und ich finde es auffallend, dass gerade in Kindergärten und Schulen das Thema Natur eben nicht ausreichend im Mittelpunkt steht. Die Natur wird nicht einmal mehr besungen! Früher haben wir Lieder über die Jahreszeiten gelernt – die Kinder in den Kitas heute lernen Lieder über Selbstbewusstsein, ihren Körper, ihre Freunde und ihre Gefühle. Das alles ist wichtig, keine Frage! Aber die Natur ist es eben auch. Denn wir selbst sind ja zu 100 Prozent Natur.

Dann passen die Themen Natur und Selbstbewusstsein ja eigentlich wunderbar zusammen.

Auf jeden Fall! Was ich der Welt zufüge, das füge ich auch mir zu – und was für mich das Beste ist, ist auch für die Erde das Beste. Dieser Zusammenhang ist so wichtig. Hier brauchen wir einen Bewusstseinswandel, und für den haben wir keine 30 Jahre mehr Zeit. 

Was muss jetzt geschehen, damit unsere Kinder und Enkelkinder eine lebenswerte Zukunft erwartet?

Zum einen hoffe ich sehr, dass die neuen Gaspreise dazu beitragen, dass mehr Leute umsteigen auf öffentliche Verkehrsmittel. Zum anderen muss das Thema Artensterben mehr in den Medien behandelt werden. Unsere Natur hat viel zu wenig Raum, wir dressieren sie. Wir leben mitten im größten Artensterben seit den Dinosauriern, täglich verschwinden 150 Arten – für immer.

Die Erderwärmung entscheidet, wie wir überleben. Aber das Artensterben entscheidet, ob wir überhaupt überleben. Und im Supermarkt können wir alle selbst bestimmen, ob an den Produkten in unserem Einkaufswagen im übertragenen Sinne tote Insekten dran kleben – oder ob die Artenvielfalt erhalten werden kann, weil wir uns für giftfreie Bio-Produkte entscheiden.

Mitmachen!

Aktuell sammeln die "Omas for Future" selbstgebastelte Armbänder aus Stoffresten, mit denen die wichtigsten Klimawünsche und ihre Unterstützer sichtbarer gemacht werden sollen. 15.000 dieser "Klimabänder" sollen es mindestens werden. Wie ihr eines beisteuern könnt, erfahrt ihr unter klimabaender.de.

2050 sind Ihr Enkelkind und meine Kinder rund 30 Jahre alt. Wie sieht unsere Welt dann aus, wenn wir so weiterleben wie bisher?

Wenn sich nichts ändert, leben wir in extremsten Wetterverhältnissen. Unsere Krisen und Kriege nehmen dadurch drastisch zu, einfach weil die Menschen ums Überleben kämpfen. Wir hier in Deutschland werden gut aufgestellt sein, aber auch uns belastet die Situation. Wir werden nicht mehr die Ressourcen haben, um Flüchtlinge aufzunehmen. Und Dürren in anderen Ländern belasten auch uns.

Es wird Sommer geben, in denen es wochenlang 30 bis 40 Grad heiß ist, und Winter mit -30 Grad. Darauf ist unsere Natur gar nicht eingestellt! Wir Menschen können drinnen einfach die Klimaanlage oder die Heizung andrehen und den Wasserhahn auf – unsere Bäume und Tiere hingegen sind diese Extreme nicht gewohnt und schaffen die Anpassung nicht so schnell. Wir brauchen aber das Grün der Natur, denn wenn das wegfällt, fehlt uns etwas, was uns glücklich macht. Es wird eine psychische und eine soziale Katastrophe werden. 

Omas for Future - Umweltquiz

Tipp: Falls ihr testen wollt, wie viel ihr eigentlich über die Umwelt und eure eigenen Möglichkeiten zu helfen wisst, hier gehts zum Umweltquiz

Das klingt schlimm.

Ich will keine Angst machen! In jeder Krise steckt auch eine Chance. Wir haben lange gebraucht, diese zu erkennen. Nun müssen wir es schaffen, uns wieder an die Natur anzubinden. Denn das macht uns wirklich glücklich.

Fragen Sie einmal in einem Raum voller Menschen jeden einzelnen, was seine schönste, seine glücklichste Erinnerung ist. Ich garantiere ihnen: Die haben alle etwas mit Menschen oder mit der Natur zu tun. Es ist nicht die Biersorte aus der Werbung, der teure SUV oder die Kreuzfahrt, die uns glücklich machen. Die bedienen das Ego und machen mich stolz, aber sie nähren meine Seele nicht. Und diesen Sinneswandel müssen wir jetzt gemeinschaftlich schaffen.

Welche Rollen spielt die Generation der Omas bei diesem Sinneswandel?

Eine enorme! Es braucht unsere Sicht auf die Dinge. Die Welt wurde viel zu lange aus Männersicht betrachtet. Die Männer gucken: Wie kann ich überleben? Der weibliche, der mütterliche Anteil aber ist das Nährende, das Beschützende – auch für unsere Erde. Und es gibt so viele Frauen, die denken wie ich. Sie müssen nur von uns erfahren. Und sie können bei uns Fähigkeiten und Kompetenzen entwickeln. In meiner Generation hieß es ja noch: Kind oder Karriere, entscheide dich. Jetzt können wir Omas uns noch einmal völlig neu entfalten und weiterentwickeln!

Haben Sie selbst sich durch die Omas for Future weiterentwickelt?

Und wie! Meine Kinder sind stolz auf mich. Ich bin stolz auf mich. Ich hätte nie gedacht, dass mein Leben noch einmal so sinnvoll werden würde. Und so geht es nicht nur mir, sondern sehr vielen unserer Omas.

Top 3: Was kann ich tun?

Tipps von "Omas for Future"-Gründerin Cordula Weimann, die wir alle sofort umsetzen können:

1) Auf Ökostrom umsteigen! "Dauert fünf Minuten – und ist nicht teurer!" Aber: "Es gibt schwarze Schafe unter den Stromanbietern, die 'falschen' Ökostrom anbieten. Bitte unbedingt prüfen, zum Beispiel auf vergleich-dich-gruen.de."

2) Einwegwasserflaschen vermeiden! "Leitungswasser ist das gesündeste Nahrungsmittel der Welt! Bitte einen Wassersprudler besorgen und wem das nicht genug ist, einen Aufbereiter – und dann einfach den Hahn aufdrehen."

3) Kurzstrecken ohne Auto! "50 Prozent unserer Autofahrten sind kürzer als fünf Kilometer. So entsteht unnötiges CO²! Und auch hier gilt wieder: Ich tu nicht nur dem Planeten etwas Gutes, wenn ich zu Fuß gehe – sondern auch mir selbst."

Autorin: Silke Schröckert

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