Ostern 2019 versus Ostern 2020

"Was, wenn der Osterhase auch Corona hat?"

Feiertage ohne Familie, kein gemeinsames Eiersuchen: Unsere Autorin blickt wehmütig auf das Osterfest im vergangenen Jahr zurück.

Der Tag begann mit einer sehr ernst gemeinten Frage. "Mami", sinnierte mein Fünfjähriger, und schob sich noch einen übervollen Löffel Schoko-Porridge in den Mund, "Was ist denn, wenn der Osterhase auch Corona hat?"

Er hatte am Rande mitbekommen, wie die "Deutschland-Chefin" davon gesprochen hatte, dass Ostern in diesem Jahr anders ablaufen müsse als üblich – und das beschäftigte ihn offenbar nachhaltig. "Kaninchen kriegen das doch nicht", fiel seine Zwillingsschwester ihm augenrollend ins Wort, und ich stimmte heftig nickend zu.

Während die beiden längst schon um ein halbes Leberwurstbrötchen stritten und ich mich gedanklich für die erste Videokonferenz des Tages im Homeoffice wappnete, überlegte ich, was wir jetzt vor genau einem Jahr taten. 

  • In der Woche vor Ostern war ich wie eine Irre durch Deko-Läden gerannt. Hier noch ein Körbchen, da noch eine Vase. Eine neue Etagere, pastellglänzende Porzellanhäschen, und passende Servietten dazu. 
  • Am Gründonnerstag hatten wir eingekauft, bergeweise und so, als kämen fünf Fußballmannschaften zu Besuch. Ich färbte (als offizielle Assistentin des Osterhasenbosses) 40 Eier, und hatte Sorge, sie könnten nicht reichen.
  • An Karfreitag trugen wir die Gartenmöbel raus, und fuhren noch schnell zum Pflanzenmarkt, um die Terrasse ein bisschen bunter zu machen. Ich tackerte die Happy-Easter-Girlande an den Zaun, freute mich auf die Sippschaft und stellte den Prosecco kalt.
  • Der Sonntag war sonnig. Meine Oma war aus dem Rheinland angereist, meine Eltern aus dem Ruhrpott, mein Patenonkel von der Nordsee. Wir saßen auf der Wiese im Garten, aßen zu viel, sahen den Kindern beim Eier suchen zu – und kapierten nicht, wie schön dieses Friede-Freude-Eierkuchen-Leben im Frühling 2019 doch war.

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  • 12 Monate später, es ist wieder die Woche vor Ostern – und dieses Mal renne ich nur noch durch den Wald, weil die Läden jetzt schon seit drei Wochen dicht sind. Ich krame das Osterzeug vom letzten Jahr raus, und verzweifele vor dem Tchibo-Fach im Supermarkt, das dekomäßig in etwa so leergefegt ist wie das Klopapierregal.
  • Gründonnerstag werden wir einkaufen, Abstand haltend und bloß nicht bergeweise, damit man uns nicht den schwarzen Hamster zuschiebt. Ich werde Eier färben, vielleicht zehn, denn mehr brauchen wir alleine ja nicht.
  • Am Karfreitag werde ich am Rechner sitzen und versuchen wegzuackern, was ich unter der Woche nicht geschafft habe, weil es bei uns nicht weniger chaotisch ist als bei all den anderen Heimarbeitskandidaten. Vielleicht finde ich später die alte Happy-Easter-Girlande.
  • Der Sonntag mag vielleicht wieder sonnig werden, die Seele aber stänkert trotzdem über Schatten, denn die Sippschaft fehlt. Meine Mama, mein Papa, die 91-jährige Oma: alleine zu Hause. Der Lieblingspatenonkel nur eine Stunde entfernt, und trotzdem ganz weit weg. Frohe Ostern 2020. 

Mir hingen diese Gedanken nach und mich nervte am meisten, dass mich das nervte. Denn eigentlich hatten wir diese ersten drei Stayhome-Wochen doch ganz okay hinbekommen. Wieso jetzt also Depri-Stimmung schieben, nur weil Ostern dieses Jahr mal etwas ruhiger würde? Es gab doch deutlich schlimmere Probleme gerade da draußen. 

Es war 10.15 Uhr, als ich wieder lächelte. Kollegin Silke erzählte von einem Tweet der Polizei München, die auf die Frage einer Mutter reagierte, deren Sohn sich nach einer Ausgangsbeschränkung für den Osterhasen erkundigt hatte. "Der Osterhase ist schlau und verbindet das Verstecken von Ostereiern mit der Bewegung an der frischen Luft. Diese ist weiterhin erlaubt", verkündeten die bayerischen Ordnungshüter nüchtern und ohne auch nur den kleinsten Zwinkersmiley, "Zudem achtet er natürlich auf den Mindestabstand von 1,5m und wäscht sich vorher und im Anschluss seine Pfoten."

Am Nachmittag ein zweites Schmunzeln zum selben Thema. Meine Lieblingsnichte hatte dem Osterhasen einen Brief nach Ostereistedt geschickt – und Antwort erhalten. Hanni Hase schrieb von einem Streich der Hasenkinder, von Lieblings-Ostereier-Farbe und Bastelideen. Nichts von Krankheiten oder anderem komischen Kram.

Mit meinen zwei Beweisstücken ging ich deutlich besser gelaunt als am Morgen zu meinem Sohn, las ihm beide Texte vor und erklärte lauthals, dass wir genauso auf der Wiese sitzen würden wie im vergangenen Jahr. Dass wir wieder zu viel essen, Eier suchen, uns genauso lieb haben werden wie 2019 – und noch mehr Zeit zusammen haben, weil ich nicht ständig durch die Gegend rennen, aufräumen oder andere mit Getränken versorgen würde.  

Corona, sagte ich, kann uns mal. Jedenfalls an diesem einen Tag. Dafür aber so richtig.

Unsere Autorin

Claudia Weingärtner reiste jahrelang als Reporterin um die Welt. 2014 aber begann ihr größtes Abenteuer: Sie wurde Mama von Zwillingen. 

Seitdem übt sie täglich den Spagat zwischen Jobdingen und Kinderkram – und verarbeitet den Muskelkater und andere Konsequenzen u.a. in Briefen, die sie an ihre beiden Kinder schreibt und auf zwillimuddi.com veröffentlicht. Seit April 2020 ist sie Chefredakteurin von "Leben & erziehen".

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