Zeit zum Arbeiten, Abwechslung für die Kinder

Wieso Patchworkfamilien zu Corona-Zeiten ein Segen sind

Am Wochenende sind die Kids bei Papa: Für unsere Autorin und ihre zwei Kinder ist das ganz normal. Warum alle das Patchworkfamilienleben in Zeiten des Coronavirus besonders zu schätzen lernen, erzählt sie hier.

Ich liege in der Hängematte, trinke Tee, sammele die ersten Sommersprossen des Jahres – und habe in den letzten zwei Stunden gefühlt mehr am Rechner geschafft als diese Woche an einem ganzen Werktag. Es ist Wochenende, und meine fünfjährigen Zwillinge sind bei ihrem Papa, von dem ich seit knapp zwei Jahren getrennt lebe.

Obwohl der finale Schlussstrich jetzt schon ein Weilchen her ist, und obwohl ich in einer sehr glücklichen neuen Beziehung bin, hadere ich bis heute deutlich öfter mit der Situation als mir lieb ist, und beneide immer wieder Paare, die es hinkriegen, nicht nur gute Eltern zu sein, sondern nebenbei ihre Beziehung so pflegen, dass sie auch die anstrengenden, ersten Jahre mit kleinen Kindern zusammen überleben und dem Nachwuchs einen stabilen Rahmen und das Aufwachsen in nur EINEM Haushalt, ohne ständiges Hin- und Her ermöglichen.

Willkommene Abwechslung

An diesem Wochenende aber gab es tatsächlich ein Umdenken in meinem Kopf – einen Schlüsselmoment, den ich vermutlich Corona zu verdanken habe. Ich bekam Fotos von meinen Kindern, sah meinen Sohn bei strahlend blauem Himmel am Fluss entlang radeln, meine Tochter unter einer Birke picknicken. Damit sind wir gut, werden wir immer besser: Der Austausch von Bildern per WhatsApp ist immer selbstverständlicher geworden, damit auch der andere einen guten Überblick hat, was die Kinder so tun. Meistens vermisse ich die beiden beim Anblick der Fotos schmerzlich, wünsche sie mir sehnlichst wieder nach Hause – auch wenn mir (wie schon Tausenden vor mir) natürlich auch schnell klar wurde, dass man neue, alte Freiheiten geschenkt bekommt, wenn man plötzlich alle zwei Wochen drei Tage lang kinderlos ist. Dieses Mal aber lösten die Bilder noch ganz andere Gefühle in mir aus.

Denn der Gesichtsausdruck unserer Kinder bewies nicht nur, wie pudelwohl sie sich bei diesem Ausflug fühlten – sondern auch, wie unfassbar gut ihnen die Abwechslung nach zwei Wochen 24/7 hier bei uns zu Hause tat. Sie haben durch die Patchwork-Konstellation das, was so viele andere Kinder gerade nicht haben: Sie dürfen, weil das zum Glück nicht zu den Kontakteinschränkungen zählt, weiterhin sowohl bei Mama als auch bei Papa sein. Und sehen dadurch regelmäßig in dem einen Haushalt zwei andere Kinder – und bei uns zu Hause auch. Aber nicht nur die vier Spielkameraden sorgen für mehr Abwechslung, auch die andere Wohnung, das andere Spielzeug, die anderen Bezugspersonen.

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Hilfe und Unterstützung

Hätte mir jemand vor 18 Monaten gesagt, dass ich eines Tages dankbar für die neue Partnerin meines Mannes sei: Ich hätte nicht nur sehr laut, sondern vermutlich auch hysterisch gelacht. Jetzt bin ich genau das (also nicht hysterisch, ihr wisst schon). Weil mir, rational betrachtet, inzwischen klar ist, dass unsere Kinder SIE genauso akzeptieren und liebgewonnen haben wie den neuen Mann an meiner Seite. Wir werden vermutlich niemals beste Freundinnen. Aber im Zweifel ist sie – vor allem in der jetzigen Situation – eine riesengroße Hilfe. Eben weil sie den Mann, dem ich einst das Ja-Wort gab, dabei unterstützt, mit den Kindern zusammen das Beste aus der verrückten Situation zu machen. Und ich dadurch das Chaos der letzten Tage beseitigen, endlich mal die Wäscheberge vernichten kann, die sich angesammelt haben, aber auch abends einfach mal Netflix glotzen kann – und wie jetzt entspannt in der Hängematte liegen und arbeiten "darf".

Energie tanken

Dass ich mich über dieses "am Wochenende in Ruhe arbeiten dürfen" freue, das zählt zu den 1000 Kleinigkeiten, die sich in den vergangenen drei Wochen gehörig verschoben haben. Natürlich ist es mehr als schwer, aus dieser aktuellen Krise Positives zu ziehen, wenn man in den Nachrichten Bilder von einsamen Massenbestattungen in Italien sieht, sich bewusst macht, wie unfassbare viele Menschen arbeitslos werden oder hört, dass in New York gerade alle paar Minuten ein mit Covid19 infizierter Patient stirbt. 

Und trotzdem gibt es sie, die guten Veränderungen, die dieser Pandemie-Mist mit sich bringt, und die meinetwegen wirklich gerne auch nach Corona bleiben dürfen: Dass man jetzt endlich überall mit Karte zahlen kann. Dass das mobile Arbeiten plötzlich in so vielen Firmen kein Problem mehr ist. Dass Kinder realisieren, dass der Wald der beste Spielplatz ist. Und dass man von anderen nicht nur wegen seiner zerbrochenen Beziehung bemitleidet wird, sondern gestern schon die dritte Freundin mir flüsterte, dass sie sich nichts sehnlicher wünsche als exakt so ein Wochenende, wie ich es gerade habe.

Gleich klappe ich den Rechner zu, mixe mir meinen Lieblingsdrink, lasse mich bekochen und genieße die Ruhe, bevor ich morgen meine Süßen wieder in den Arm nehmen kann – deutlich ausgeglichener als ich es noch vor dem Wochenende war. Patchwork kann ein Segen sein. Manchmal braucht es offenbar neben Zeit auch eine Katastrophe, um die einfachen Dinge zu verstehen.

Unsere Autorin

Claudia Weingärtner reiste jahrelang als Reporterin um die Welt. 2014 aber begann ihr größtes Abenteuer: Sie wurde Mama von Zwillingen. 

Seitdem übt sie täglich den Spagat zwischen Jobdingen und Kinderkram – und verarbeitet den Muskelkater und andere Konsequenzen u.a. in Briefen, die sie an ihre beiden Kinder schreibt und auf zwillimuddi.com veröffentlicht. Seit April 2020 ist sie Chefredakteurin von "Leben & erziehen".

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