Familie über Umwege

Ilana ist Pflegemama: "Eine Pflege kam für mich eigentlich nie in Frage"

Nachdem ihr Kinderwunsch trotz mehrerer Versuche unerfüllt blieb, wendeten sich Ilana und ihr Mann an das Jugendamt – sie wollten ein Kind adoptieren. Doch es kam alles anders und wenig später wurde Ilana Mutter eines Pflegekindes. Über ihre Erfahrungen schreibt sie seitdem auf Instagram ...

Liebe Ilana, zuerst einmal: Wie geht es dir gerade?

Mir geht es total gut, danke! Momentan bin ich ein wenig gestresst, weil ich nicht nur einen zweijährigen Wirbelwind zu Hause habe, sondern auch noch verschiedene Projekte parallel laufen. Bald beginnen wir auch mit der Eingewöhnung in den Kindergarten – das ist natürlich aufregend. Ich freue mich auf die kommenden Wochen!

Du bist Pflegemama. Wie kam es dazu?

Wir haben aktuell ein Pflegekind: Mausezahn (Anm.: So nennt Ilana ihre Pflegetochter im Web) lebt seit fast zwei Jahren in unserer Familie. Ende des Jahres möchten wir uns für Kind Nummer zwei anmelden. Wenn alles gut läuft, sind wir dann wahrscheinlich Mitte des nächsten Jahres zu viert – das ist aufregend!

Nachdem wir uns entschieden hatten, eine Familie zu gründen, bekamen wir die Diagnose Unfruchtbarkeit. Wir stellten uns dann in einem Kinderwunschzentrum vor und führten mehrere ICSIs durch. Eine war auch erfolgreich, endete aber leider mit einer Fehlgeburt. Alle anderen künstlichen Befruchtungen danach waren negativ.

Irgendwann konnte ich körperlich wie psychisch nicht mehr. Wir brauchten einen Plan B und kontaktierten das Jugendamt, um ein Kind zu adoptieren. Man sagte uns damals, dass in unserem Kreis etwa ein Kind im Jahr zur Adoption freigegeben wird und die Wartezeit bei fünf bis sieben Jahren läge. Mein Mann und ich waren schon Anfang 30, wir wollten jetzt eine Familie gründen und waren deshalb etwas frustriert.

Trotzdem luden wir natürlich das Jugendamt ein und führten verschiedene Gespräche. Irgendwann kam eine Dame zu uns, die uns erklärte, was eine Pflege überhaupt ist. Irgendwie fühlte sich das für uns richtig an und wir beschlossen, ins kalte Wasser zu springen. Es hörte sich einfach so an, als wäre das unser Schicksal! Tja und wie es aussieht, war es das auch, denn Mausezahn hat unser Leben von da an bereichert.

Wie lange dauert es, Pflegeeltern zu werden?

Mit dem Einreichen aller Unterlagen und dem Absolvieren eines Pflegeeltern-Kurses (den müssen alle Anwärter:innen machen) hat es etwa ein Jahr gedauert, bis wir geprüfte Pflegeeltern waren. Nur sechs Tage danach kam der Anruf – und sechs Wochen später zog Mausezahn schon bei uns ein. Das ging schnell! Wir waren völlig überfordert mit der Situation und konnten erst gar nicht glauben, dass wir jetzt tatsächlich Eltern werden. Das war so aufregend, spannend, anstrengend – eine wirklich wahnsinnige Zeit.

Kann es passieren, dass ihr euer Pflegekind wieder "abgeben" müsst?

Wie das Wort schon sagt: Bei einer Dauerpflege ist die Pflege auf Dauer angelegt. Ungefähr zwei Prozent der Dauerpflegekinder werden wieder zurückgeführt in ihre leibliche Familie. Es muss natürlich immer individuell geschaut werden, wie das Verhältnis zu den leiblichen Eltern ist – bei uns ist das so gut wie ausgeschlossen.

Trotzdem ist es wichtig, dass die Beziehung zur leiblichen Familie aufgebaut wird und möglichst gut ist, damit die Kinder einfach ihre Biografie kennenlernen. Nur so können sie sich gut entwickeln. Oft ist es eine große Angst der Pflegeeltern, dass das Kind zurückgeführt werden könnte, aber das kommt nur sehr selten vor. Im Internet liest man immer nur von den schlimmsten Fällen. Auf meinem Account gibt es ganz viele Eltern, deren Pflegekinder schon sehr lange in ihren Familien leben – so wird es bei uns auch sein.

Du bist seit etwa einem Jahr auf Instagram aktiv – welche Themen sind dir besonders wichtig?

Ich möchte vor allem meine Erfahrungen als Pflegemama teilen. Als sich unser Kinderwunsch damals nicht erfüllen konnte und wir uns für den Weg als Pflegefamilie entschieden, habe ich viel im Netz gestöbert, Foren gelesen und einfach nichts Positives zu dem Thema gefunden! Es ist wirklich erschreckend, dass man über Pflege so viel Negatives im Internet findet. Deshalb habe ich beschlossen, auf meinem Kanal von den schönen Seiten der Pflege zu reden. Natürlich gibt es immer Punkte, die einen stören, die anstrengend sind – auch mit Pflegekindern. Nichtsdestotrotz leben diese Kinder ja bei uns, wir lieben sie und stehen für sie ein.

Ich möchte auf Instagram Menschen erreichen, die sich noch nicht mit dem Thema Pflege auseinandergesetzt haben – und deren Interesse zu wecken. Vielleicht melden sie sich sogar beim Jugendamt?

Welcher deiner Posts liegt dir besonders am Herzen?

In einem Post habe ich geschrieben: "Meine Tochter hat zwei Mütter und zwei Väter!" Dieses Thema ist mir besonders wichtig. Oft sind Ängste da, dass man sich den leiblichen Eltern der Kinder stellen muss und es kommen Zweifel auf: Kann ich das?

Ich glaube, es ist wichtig, einen anderen Blickwinkel zu gewinnen: Es ist okay, dass meine Tochter zwei Mütter und Väter hat! Das anzunehmen ist wichtig für den ganzen Prozess und vor allem auch für unsere Kinder. In Patchworkfamilien ist das ja ganz genauso. Ganz, ganz viele andere Posts finde ich auch total wichtig, aber das Thema "Leibliche Eltern" ist schon ein großer Baustein in der Pflege, der unbedingt beachtet werden sollte – und zwar liebevoll, nicht mit Groll!

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Kinderfotos im Netz sind umstritten – warum hast du dich dagegen entschieden?

Generell zeige ich nur wenig aus meinem privaten Umfeld, auch mein Mann ist selten vor der Kamera zu sehen. Pflegekinder müssen geschützt werden, es muss einfach eine gewisse Anonymität herrschen. Es wird uns auch vorab in einem Kurs beigebracht, dass wir unsere Kinder nicht im Netz zeigen dürfen. Generell finde ich, dass ich mein Kind nicht ablichten und öffentlich zur Schau stellen sollte, da sie das selbst gar nicht entscheiden kann. Sie soll das irgendwann selbst entscheiden, da die Bilder ja nicht mehr aus dem Netz verschwinden.

Was nervt dich am Elternsein?

Ich bin mit Leib und Seele Mama! Dennoch nervt es mich manchmal, jeden Tag "MAMA! MAMA! MAMA!" zu hören: vor allem wenn ich gerade irgendwas mache, etwa Wäsche aufhängen, und mein Kind möchte unbedingt etwas. Man ist einfach eingeschränkt in seinen Bedürfnissen und das kann schon mal nerven. Trotzdem bin ich total gerne Mama und genieße die Zeit mit Mausezahn jede Sekunde.

Ilana über die vielen Vorurteile, die ihr als Pflegemama begegnen:

Wie schaffst du es, alles unter einen Hut zu kriegen?

Als Mutter bzw. Eltern hat man ja doch ein paar Sachen, die man gerne alle gleichzeitig meistern möchte. Ich habe bei uns die Aufgabe, mich um den Haushalt zu kümmern. Dabei habe ich einen hohen Anspruch an mich selbst – mir ist einfach wichtig, dass es bei uns ordentlich ist. Dazu kommt: das Kind gut versorgen, meine Bedürfnisse stillen, unsere Bedürfnisse als Paar stillen – und dann habe ich ja auch noch Instagram, was viel Arbeit macht. Mir hilft eine klare Zeiteinteilung: Das heißt, ich schaffe mir feste Zeitfenster, in denen ich mich auf eine Sache konzentriere.

Den Haushalt mache ich oft mit Mausezahn zusammen. Ich integriere sie, sie darf mir helfen und das macht ihr auch viel Spaß. Mein Mann und ich haben einen festen Tag in der Woche, den Sonntagabend, den wir wirklich nur für uns nehmen. Dann bleiben die Handys und der Fernseher aus, wir setzen uns hin, quatschen, lassen die Woche Revue passieren und so schaffen wir es tatsächlich, dass wir mindestens einmal die Woche Zeit füreinander haben, was im Alltagsstress manchmal untergeht.

Ich bin gespannt, wie es ist, wenn Kind Nummer zwei dann da ist, aber im Moment läuft alles ganz gut.

Was magst du am Mamasein am meisten?

Wenn ich von einem kleinen Mäuschen angeschaut werde und sie sagt: "Mama, liebelich!" Es ist unglaublich toll zu sehen, dass man einem kleinen Wesen so viel Liebe schenken kann und diese Liebe angenommen und auch gespiegelt wird. Es ist das Größte, wenn ich sehe, dass sie von mir lernt. Und das ist genau das, worum es geht.

Was möchtest du anderen Müttern, die das hier lesen, mit auf den Weg geben?

Ich versuche diese Botschaft auch über Instagram rauszuschicken: Es ist so wichtig, dass wir unser Leben annehmen. Das wir uns nicht so viele Sorgen machen, sondern im Hier und Jetzt leben. Dass es ok ist, wie wir sind. Wir müssen nicht so viele Anforderungen an uns selbst stellen, uns klein machen! Wir sollten uns hinstellen und sagen: "So Leute, ich bin hier. Hi! Ich bin eine Mama, ich bin eine Frau und ich bin gut so wie ich bin. Wer das nicht akzeptiert, hat Pech gehabt." Wir sollten aufhören an uns zu zweifeln. Jede von uns ist perfekt, so wie sie ist!

Über Ilana und ihre Familie

Ilana lebt mit ihrem Mann und der zweijährigen Pflegetochter in Nordrhein-Westfalen. Auf Instagram schreibt sie über ihren Weg als Pflegefamilie und möchte dabei vor allem auch einen positiven Blick auf die Pflege von Kindern vermitteln.

Hier könnt ihr Ilana folgen: www.instagram.com/familie_ueber_umwege/

Autorin: Nora Ritzschke

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